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    Bruderliebe in einer widrigen Welt

    Mit sechzehn verschiedenen Volksgruppen gehört der im Süden des Landes gelegene Oaxaca zu den vielfältigsten Bundesstaaten Mexikos. Damian John Harpers Spielfilm „Los Ángeles“, der im vergangenen September mit dem „First Steps-Award“ 2014, dem deutschen Nachwuchspreis, in der Kategorie „Abendfüllender Spielfilm“ ausgezeichnet wurde und nun im regulären Kinoprogramm startet, stellt in den Mittelpunkt den 17-jährigen Mateo (Mateo Bautista Matías), der im von Zapoteken bewohnten Dorf Santa Ana del Valle lebt. Mateo will unbedingt in Los Angeles arbeiten, um seine Mutter und die kleinen Brüder zuhause zu unterstützen. Dafür muss er vor allem Geld aufbringen, um den Schlepper „Coyote“ zu bezahlen, der ihn über die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko schmuggeln soll.

    Mateo (Mateo Bautista Matías, links) will nach Los Angeles. Aber vorher tritt er in eine Gang ein. Deren Chef Daniel (Da... Foto: farbfilm

    Mit sechzehn verschiedenen Volksgruppen gehört der im Süden des Landes gelegene Oaxaca zu den vielfältigsten Bundesstaaten Mexikos. Damian John Harpers Spielfilm „Los Ángeles“, der im vergangenen September mit dem „First Steps-Award“ 2014, dem deutschen Nachwuchspreis, in der Kategorie „Abendfüllender Spielfilm“ ausgezeichnet wurde und nun im regulären Kinoprogramm startet, stellt in den Mittelpunkt den 17-jährigen Mateo (Mateo Bautista Matías), der im von Zapoteken bewohnten Dorf Santa Ana del Valle lebt. Mateo will unbedingt in Los Angeles arbeiten, um seine Mutter und die kleinen Brüder zuhause zu unterstützen. Dafür muss er vor allem Geld aufbringen, um den Schlepper „Coyote“ zu bezahlen, der ihn über die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko schmuggeln soll.

    Wenn aber Mateo in Los Angeles in Ruhe leben und arbeiten möchte, braucht er den Schutz seiner dort lebenden Landsleute. Deshalb entscheidet sich der junge Mann, vor der Abreise in eine Gang einzutreten, die in seinem Dorf von Daniel (Daniel Bautista) geführt wird. Das Aufnahmeritual in eine solche Bande kennt der Zuschauer etwa aus Cary Joji Fukunagas Spielfilm „Sin nombre“ (DT vom 4.5.2010). Um dazuzugehören, muss sich Mateo einem brutalen Brauch unterziehen: 13 Sekunden lang prügeln Bandenmitglieder auf ihn ein. Damit beginnt auch „Los Ángeles“: Auf schwarzer Leinwand sind Schläge zu hören, bis bei 13 gestoppt wird. Der Verprügelte bleibt blutend auf dem Boden liegen. Die erste Mutprobe nach dieser Prozedur – den Opferstock der Kirche auszurauben – bereitet Mateo keine so großen Probleme. Danach kommt aber der eigentliche Initiationsritus, den wir ebenfalls aus „Sin nombre“ kennen: Um zur Gang zu gehören, muss Mateo ein Mitglied einer rivalisierenden Gang töten. Doch Mateo kann den Mord nicht ausführen und lässt im letzten Augenblick die Waffe sinken.

    Daniel schwört Rache und will Mateo umbringen. Der Junge entkommt auch deshalb, weil er bei dem Fiesta-Rodeo von einem Stier krankenhausreif geworfen wird. Nun soll statt ihm sein jüngerer Bruder Marcos (Marcos Rodríguez Ruiz) nach Los Angeles. Die Gang entscheidet, Marcos statt Mateo umzubringen. Mateo muss sich beeilen, um seinen kleinen Bruder am Busbahnhof abzufangen.

    Der aus den Vereinigten Staaten stammende Drehbuchautor und Regisseur Damian John Harper verbrachte nach seinem Studium ein Jahr in Santa Ana del Valle, wo er die zapotekische Kultur kennenlernte, aber auch erfahren musste, wie Familien auseinandergerissen wurden, weil einzelne Familienmitglieder ihr Glück im „gelobten Land“ suchten. In seinem Film „Los Ángeles“, den er weitestgehend in diesem Dorf aus Oaxaca mit Laiendarstellern gedreht hat, kommt Los Angeles zwar nicht ins Bild. Die Stadt ist in Santa Ana del Valle jedoch allgegenwärtig. Die Geschichte, so der Regisseur, „gibt denjenigen eine Stimme, die zuhause zurückgeblieben sind, denjenigen, die nach Hause zurückkehren und den Jugendlichen, die kurz davor stehen, zum ersten Mal fortzugehen“. Damit macht Damian John Harper die Sehnsucht der Menschen nach einem neuen Leben jenseits der Grenze für den Zuschauer erfahrbar. Die teilweise sehr bewegte Kamera von Friede Clausz folgt Mateo auf seinen Wegen durch das Dorf, und zeichnet dadurch auf halbdokumentarische Art ein Porträt dieser zapotekischen Gemeinde. Dazu trägt wesentlich bei, dass der Regisseur mit Laiendarstellern gearbeitet hat, die etwa eine Mischung aus Zapotekisch und Spanisch sprechen.

    Bei der Verleihung des „First Steps-Awards“ begründete die Jury ihre Entscheidung folgendermaßen: „Wir tauchen ein in die Lebenswirklichkeit einer Gemeinschaft zwischen zapotekischer Tradition und den modernen Einflüssen, die die Arbeitsmigranten aus den USA mitbringen. Die zentralen Werte verkörpern die Mütter, die dem Film seine aufwühlendsten Momente schenken. Der Regisseur hat ihn mit der Dorfgemeinschaft entwickelt, die großartigen Darsteller spielen sich selbst – jede Einstellung wirkt hier wahrhaftig. Ein Film mit Haltung und Anliegen, für den Damian John Harper einen extrem eigenständigen Stil gefunden hat.“

    Im Vergleich zu Filmen mit ähnlichem Thema, etwa dem erwähnten „Sin nombre“, spart der Regisseur weitgehend eine explizite Gewaltdarstellung aus. Ihm geht es vielmehr um die Beschreibung des Lebens in diesem Dorf, um seine Traditionen und auch um die von den Zurückgekehrten mitgebrachten Einflüsse aus den Vereinigten Staaten. Obwohl eine teils elliptische Erzählweise es dem Zuschauer nicht immer leicht macht, sich mit den Verhältnissen in dem südmexikanischen Dorf vertraut zu machen, erhält er jedoch einen guten Einblick in die zapotekische Welt.

    „Los Ángeles“ handelt vom Überlebenskampf eines jungen Menschen in einer widrigen Welt, aber auch vom Wert der Familie im Allgemeinen und von Bruderliebe im Besonderen.