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    Bitte nicht stupsen!

    Einen Gedanken in das Unterbewusstsein eines Menschen einzuschleusen? Unmöglich! So denkt man normalerweise, und so lautet zunächst auch die Annahme des Films „Inception“ aus dem Jahr 2010. Mittels bestimmter Techniken ist es in diesem Film – in einer nicht allzu fernen Zukunft – möglich, anderen Menschen in ihre Träume zu folgen und diese zu beeinflussen. Dominick Cobb, gespielt von Leonardo DiCaprio, ist ein Meister auf diesem Gebiet und erhält den Auftrag, einen Konzernerben in dessen Traum die Teilung seines Unternehmens zu vermitteln, damit eine marktbeherrschende Stellung dieser Firma verhindert wird. Von da aus startet eine hochkomplexe Reise durch verschiedenste Traumebenen, unglaublichen visuellen Effekten und einem offenen Ende, das Raum für Spekulationen lässt. Während Cobb am Anfang des Films noch der Meinung war, eine solche „Inception“, das „Einpflanzen“ einer Idee in das Unterbewusstsein eines Menschen, sei nicht möglich, ist es am Ende doch erreicht worden.

    Auch unter Elefanten ist das Stupsen und Schubsen von klein an populär. Foto: dpa

    Einen Gedanken in das Unterbewusstsein eines Menschen einzuschleusen? Unmöglich! So denkt man normalerweise, und so lautet zunächst auch die Annahme des Films „Inception“ aus dem Jahr 2010. Mittels bestimmter Techniken ist es in diesem Film – in einer nicht allzu fernen Zukunft – möglich, anderen Menschen in ihre Träume zu folgen und diese zu beeinflussen. Dominick Cobb, gespielt von Leonardo DiCaprio, ist ein Meister auf diesem Gebiet und erhält den Auftrag, einen Konzernerben in dessen Traum die Teilung seines Unternehmens zu vermitteln, damit eine marktbeherrschende Stellung dieser Firma verhindert wird. Von da aus startet eine hochkomplexe Reise durch verschiedenste Traumebenen, unglaublichen visuellen Effekten und einem offenen Ende, das Raum für Spekulationen lässt. Während Cobb am Anfang des Films noch der Meinung war, eine solche „Inception“, das „Einpflanzen“ einer Idee in das Unterbewusstsein eines Menschen, sei nicht möglich, ist es am Ende doch erreicht worden.

    Und wie sieht es in der Wirklichkeit aus? Technisch ist das, was Hollywood zeigt, sicherlich weiterhin Science Fiction. Das Ansinnen der tieferen Beeinflussung ist aber gar nicht so weltfremd, wie man zunächst denken könnte. Menschen zu beeinflussen, sie in eine Richtung zu lenken, in die sie eigentlich nicht wollen, hat Menschen schon immer fasziniert, sei es aus rein werbetechnischen Gründen, aus krimineller Energie, sei es auch aus politischen oder fundamentalistischen religiösen Erwägungen.

    Neu ist allerdings, dass die Möglichkeiten der Verhaltensbeeinflussung heute nicht nur wissenschaftlich untersucht werden, sondern auch die Politik versucht, sich dieses Wissen auf neue Weise nutzbar zu machen. Das Stichwort der Stunde heißt „Nudging“, was übersetzt etwa so viel bedeutet wie „Schubsen“ oder „Stupsen“. Nudging arbeitet nicht mit Verboten oder Vorschriften, wie es die Propaganda früherer Zeiten tat, sondern gibt Verbrauchern und Bürgern lediglich einen „Schubs“ in die richtige Richtung.

    Ein einfaches, für die Leserinnen hoffentlich nicht zu delikates Beispiel des Nudging kennen Männer von öffentlichen Toiletten: In den Urinalen finden sich oft in die Keramik eingebrannte Bilder von Fliegen, Fadenkreuzen oder ähnlichem. Der Gedanke dahinter (und wenn man Gastronomen glauben darf, funktioniert das auch) ist, dass die Männer auf dieses Bild „zielen“ und weniger „daneben geht“. Natürlich weiß jeder Mann auch von sich aus, wie man für Sauberkeit sorgt; der Anreiz, etwas zu treffen, scheint aber das Unterbewusstsein so zu beeinflussen, dass es der Hygiene tatsächlich dient.

    Solch ein Schubser ist natürlich bei aller Liebe zur Sauberkeit recht harmlos. Nudging, das zeigen die Erfinder des Begriffs, Richard Thaler und Cass Sunstein, in ihrem Buch „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“, funktioniert offenbar aber auch, wenn man komplexere Entscheidungen der Menschen beeinflussen möchte. Hinter dem Konzept steht die Annahme, dass Menschen sich in der Realität nur begrenzt rational verhalten. Sei es der Missbrauch von Drogen oder der allzu sorglose Umgang mit der Umwelt: Immer wieder fällen Menschen – wider besseren Wissens – Entscheidungen, die bei rein rationaler Betrachtung nicht vernünftig, ja sogar schädlich sind. Immer aber, und das ist wichtig, handelt es sich dabei um freie Entscheidungen, die nunmehr mit den Mitteln des Nudging beeinflusst werden sollen.

    Dabei überlässt das Nudging dem Verbraucher rein oberflächlich die freie Entscheidung – es ist ja gerade die Freiheit von Verbot und Befehl, die das Nudging auszeichnet. Man beeinflusst, wenn man Nudging anwendet, aber unmerklich den Kontext, die sogenannte „Entscheidungsarchitektur“ – und auf diesem Weg eben auch die Entscheidung selbst. Bekannt sind derartige Praktiken aus dem Bereich der Werbung. Werbetreibende versuchen nicht nur Sachinformationen über ein Produkt zu verbreiten, sondern im Unterbewusstsein Kaufimpulse zu setzen. Auch hier gibt es einfache Methoden, wie die, in einem Supermarkt günstigere Angebote an einer schlechter zugänglichen Stelle zu platzieren, die hochpreisigen Angebote dagegen auf Augenhöhe. Analog dazu liegt eine Verhaltensbeeinflussung vor, wenn in einer Kantine Obst an einer leicht zugänglichen Stelle, Süßigkeiten dagegen schlechter erreichbar angeboten werden. Der Effekt ist nachvollziehbar: Der Kunde greift eher zum gesunden Obst als zu den ungesunden Naschereien. Der Schubser hat funktioniert.

    Während man aber bei der Werbung ganz selbstverständlich die Beeinflussung des Verhaltens voraussetzt (selbst dann, wenn man sie vielleicht nicht bemerkt), ist der quasi offizielle Einsatz in der Politik ein neues Phänomen. So hat Anfang des Jahres eine Arbeitsgruppe der Bundesregierung unter dem sprechenden Titel „wirksam regieren“ seine Arbeit aufgenommen. Die dort angestellten Mitarbeiter sollen die Regierung beraten, wie Methoden der „Verhaltensökonomie“ nutzbar gemacht werden können. Bislang ist nicht klar, ob die Bundesregierung tatsächlich zu diesen Mitteln greifen will, aber da sich unter den relevanten Parteien an vielen Stellen offenbar die Meinung durchzusetzen scheint, die Verbraucher benötigten ab und zu ein paar kleine Schubser, um die richtigen Konsum- und Lebensentscheidungen zu treffen, ist nicht damit zu rechnen, dass das Thema so schnell wieder von der Tagesordnung verschwindet.

    So kann man beispielsweise in einem Papier der SPD-Bundestagsfraktion unter dem Titel „Für gute Verbraucherpolitik sorgen. Leitlinien für eine sozialdemokratische Verbraucherpolitik“ nachlesen, was Politiker von Verbrauchern, also in der Regel wahlberechtigten Bundesbürgern, halten. Dort heißt es unter anderem: „Die verbraucherbezogene Forschung zeigt: […] Verbraucher/innen verwenden Daumenregeln. […] Verbraucher/innen orientieren sich am Status Quo. […] Verbraucher/innen handeln eher kurz- als langfristig. […] Verbraucher/innen lassen sich vom Entscheidungskontext und der ,Verpackung‘ einer Information beeinflussen. Verbraucher/innen irren häufig. […]“ Und so geht es munter weiter in einer Beschreibung des Verbrauchers als hilfsbedürftigem Wesen.

    Nun ist das nicht mal grundfalsch; viele Entscheidungen, die Menschen treffen, berücksichtigen in der Tat nicht die ganze Fülle an relevanten Informationen, können sie aufgrund des Umfangs auch oft gar nicht berücksichtigen. Trotzdem funktionieren die Entscheidungswege zumeist ganz gut – und aus Fehlern wird eben gelernt: Wer einmal festgestellt hat, dass er ein ähnliches Produkt in gleicher Qualität auch günstiger erhalten kann, der greift kein zweites Mal zum teuren. Eines Schubsers bedarf er dafür nicht.

    Bleibt die Frage, warum ausgerechnet eine Regierung, ein Regierungsteam oder eine Partei in der Lage sein sollte, die „richtige“ Entscheidung von freien Bürgern vorherzubestimmen. Denn manchmal geht es im politischen Kontext ja nicht nur um Süßigkeiten oder Obst, sondern um gravierende Fragen der persönlichen Existenz. Ein von Thaler und Sunstein selbst angeführtes Beispiel des Nudging ist etwa das der Organspende. Die Autoren schlagen vor, das System der Entscheidungsregelung durch eine Widerspruchslösung zu ersetzen. Wer seine Organe nicht spenden will, soll widersprechen.

    Es wird dabei auf die Bequemlichkeit der Menschen gesetzt, die sich mangels Widerspruch dazu „entscheiden“, im Todesfall ihre Organe zu spenden. Auch wenn es gute Gründe geben mag, Menschen zur Organspende zu bewegen, sind es doch gerade die Skandale der „Organvergabe“ der vergangenen Jahre und ungeklärte ethische Fragen, die eine solche Beeinflussung in einem gar nicht so hellen Licht erscheinen lassen. Wer garantiert, dass nicht eines Tages Lösungsmodelle in Gesundheits- und Forschungsministerien beraten und angewandt werden? Wer garantiert, dass nicht eines Tages die Bürger aufwachen und sich zur Organabgabe verpflichtet fühlen, weil dies ihre „Träume“ und zufällig auch die aktuelle Kampagne eines Ministeriums raten?

    Ein weiterer Grund, der Skepsis angeraten erscheinen lässt, ist die Unsicherheit über die handelnden Personen des Nudging, gerade wenn es um eine Regierung geht. Möglicherweise würde sich der eine oder andere auf eine unbemerkte Verhaltensbeeinflussung bewusst einlassen, wenn er dem „Schubser“ vertraut. Auch als Christ kann man bestimmte Handlungsweisen, die in der Bibel oder dem Katechismus vorgeschlagen werden, möglicherweise einfach deshalb annehmen, weil man weiß, dass dahinter der liebende Gott steht, der dem Menschen das Leben in Fülle wünscht, oder die Kirche, die vom Heiligen Geist und einer klugen Tradition durch die Zeiten geführt wird. Aber wie sieht das bei einer Regierung aus, wie bei einer autoritären Regierung?

    Die Frage, die man sich als Bürger und Verbraucher stellen muss, ist, ob man tatsächlich im Sinne eines unverbrüchlichen Vertrauens glaubt, dass eine Regierung nur das Beste für einen möchte und sie auch weiß, was das Beste ist? Einmal zugelassen, kann sich das Konzept des Nudging ansonsten schnell verselbstständigen. Man braucht dann nicht mal den Extremfall einer diktatorischen Regierung, der man ein solches Instrumentarium lieber nicht in die Hände geben möchte. Schon das einfache zitierte Beispiel der Organspende macht deutlich, wie sehr sich auch Politiker und ihre Experten irren oder überschätzen können. Letztlich kann mit den heute in der Verhaltensökonomie zur Verfügung stehenden Mitteln die Freiheit des Menschen an sich in Gefahr geraten. Während Ver- und Gebote einfach zu identifizieren sind und man bei ihrer Missachtung in aller Regel die Konsequenzen kennt, um sich in Freiheit für ein Verhalten, einen Kauf oder auch eine Handlung zu entscheiden, dabei auch Fehler machen kann und aus diesen lernt, nimmt das Nudging diesen Entscheidungsprozess und die Verantwortung scheinbar ab.

    Echte Freiheit bedeutet aber nicht nur die Abwesenheit von Zwangsmaßnahmen, es bedeutet auch die Möglichkeit, aus Alternativen nach bestem Wissen, auch in Kenntnis der eigenen Unzulänglichkeit und der beschränkten Informationen, zu wählen und aus den Konsequenzen, sprich den eigenen Erfahrungen zu lernen. „Alternativlose“ Entscheidungen, so sehr man sich an diese vielleicht auch schon gewöhnt hat, sind genau das, was politisch vor Augen steht, wenn mit den Mitteln des Nudging Beeinflussungen vorgesehen sind. Sie sind nichts anderes als eine Einschränkung der Freiheit. Denn in einer echten Demokratie gibt es (wie im wahren Leben) immer Alternativen.

    Wenn die Politik also heute die Finger nach diesen Instrumenten des Schubsens ausstreckt, ist Gefahr im Verzug, weil man nicht unbedingt davon ausgehen kann, dass man seine Entscheidungen wirklich in Freiheit getroffen hat. Wachsamkeit ist notwendig. Ist diese Entscheidung wirklich so alternativlos oder ist die eingangs erwähnte „Entscheidungsarchitektur“ bereits manipuliert?

    Manchmal geschieht dies etwa durch manipulativen Sprachgebrauch. Die Erfindung der Begriffe „Herd- oder Fernhalteprämie“ für das Betreuungsgeld als Alternative zur Kita-Unterbringung kleiner Kinder etwa mutet wie ein Versuch an, durch abschätziges Vokabular Entscheidungen in die politisch gewünschte Richtung zu beeinflussen. Weg vom bösen, altmodischen Kücheneinrichtungsgegenstand, hin zur progressiven, wissenschaftlich geprüften Betreuungsstätte, deren DDR-Muff man dezent ausblendet. Dumm geschubst, wer das glaubt.

    Der berühmte, Distanz und Überblick verschaffende Schritt zurück, insbesondere bei wesentlichen Entscheidungen, wird deshalb umso notwendiger, je mehr man von den Mitteln des Nudging Kenntnis hat. Besonders für Christen, deren Entscheidungen und Lebenseinstellungen in Politik und Gesellschaft zunehmend kritisch gesehen werden. Nicht auszuschließen, dass wir es auch auf dem Gebiet der Sexualität bereits mit Formen des Nudging zu tun haben, was dazu führen soll, christliche Standpunkte als unzeitgemäß wirken zu lassen. Doch um Missverständnissen vorzubeugen: Man muss nicht zu der Überzeugung kommen, dass der Staat seine Bürger immer und überall übers Ohr hauen und unmündig halten will. Es geht nur darum, sensibel zu sein für Ideologen und ihre Schubs-Methoden. Zumal viele politische Verbraucher, die ideologisch geschubst wurden, sich ihrerseits nun weiter für die Dinge und Standpunkte einsetzen, die sie – dank Nudging – vermeintlich als ihre eigenen einstufen. Ein Alptraum? Am Ende des Films „Inception“ bleibt auch für die Zuschauer offen, ob der Protagonist noch in der Realität oder in einem Traum agiert.