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    Bitte eine andere Debatte!

    Ich fordere eine gesellschaftliche Debatte über den Begriff „Liebe“! Da es im Moment Usus ist, gesellschaftliche Debatten zu fordern, scheint mir dies nicht besonders unbescheiden zu sein.

    Mit alten Ehepaaren „ließe sich wirksamer für die Ehe werben als mit jungen, schönen Menschen im bräutlichen Outfit“. Foto: dpa

    Ich fordere eine gesellschaftliche Debatte über den Begriff „Liebe“! Da es im Moment Usus ist, gesellschaftliche Debatten zu fordern, scheint mir dies nicht besonders unbescheiden zu sein.

    Mit dem Fordern von gesellschaftlichen Debatten ist es aber leider so eine Sache. Meist werden sie gefordert, wenn sie bereits im vollen Gange sind. Im Moment wird von nahezu jedermann – vom Bischof über den Politiker bis zum Taxifahrer – eine gesellschaftliche Debatte über den Begriff „Ehe“ gefordert. Vor relativ kurzer Zeit hätte man ebenso eine Debatte über das Wort „Wald“ fordern können – und wie hundert Prozent der Gesellschaft zu Letzterem geantwortet hätten: „Eine Ansammlung von Bäumen“, hätte bei der Frage, was eigentlich eine „Ehe“ sei, eine riesige Mehrheit „die lebenslange Bindung eines Mannes mit einer Frau“ geantwortet. Der „Wald“ bekommt noch eine Galgenfrist. Die Debatte über den Begriff „Ehe“ hingegen ist bereits fast geschlagen. Es scheint einen mehrheitlichen Konsens zu geben, dass es sich dabei um Menschen egal welchen Geschlechts handelt, die „Liebe und Verantwortung“ füreinander verspüren.

    Lässt man sich als Vertreter der seit Jahrtausenden gängigen Definition („lebenslange Bindung eines Mannes mit einer Frau“) tatsächlich auf eine Debatte über diese Neudefinition ein, merkt man schnell, dass man eigentlich auf verlorenem Posten steht. Das Wort „lebenslang“ allein sorgt in der Regel für strenge Hinweise darauf, dass immerhin jede zweite Ehe (nach bisherigem Verständnis) in die Brüche geht, oft, bevor das verflixte siebte Jahr angebrochen ist. Spricht man von Kindern, die aus der Ehe hervorgehen, schallt einem höhnisch entgegen, in vielen Ehen würden doch überhaupt keine Kinder geboren. Und außerdem gäbe es bekanntlich genügend Kinder, die außerhalb von Ehen gezeugt würden. „Liebe und Verantwortung“ erscheint da doch ein einigermaßen griffiges Kriterium zu sein – zumindest, solange die Liebe währt. Dass sich auch Homosexuelle lieben und Verantwortung füreinander übernehmen können, ist allgemeiner Konsens. Dem Hinweis auf den fehlenden Aspekt der potenziellen Fortpflanzung wird zuweilen mit künstlichen Methoden gekontert – auch bei „klassischen“ Ehepaaren keine Seltenheit mehr.

    Dass die Definition „Liebe und Verantwortung“ auch auf Geschwister, polygame Lebensformen und eine ganze Reihe anderer Konstellationen zutreffen kann, behält man derweilen lieber für sich, um nicht einen beleidigten „Shitstorm“ zu ernten. Die „Ehe für alle“ ist noch nicht ganz so weit wie ihr Wortlaut, anders als die „Kölner Erklärung“, mit der bereits im Jahr 2 000 homosexuelle Gruppen mit einer Forderung für die völlig diskriminierungsfreie „Ehe“ vorgeprescht waren: „Gefordert ist der gleiche Zugang für alle Menschen zu den bisher an die Ehe gebundenen Bürgerrechten – unabhängig davon, ob sie homo- oder heterosexuell sind, und genauso unabhängig davon, ob sie allein, zu zweit, zu dritt oder zu mehreren leben. Erst dann gibt es eine wirkliche Wahlfreiheit der Lebensform.“ Dass bei dieser Konstellation von „Ehe“ nicht einmal mehr „Liebe und Verantwortung“ eine Rolle spielen müssten, sei zukünftigen gesellschaftlichen Debatten überlassen.

    Nun kann man als Katholik auf diese verwirrende gesellschaftliche Entwicklung auf mehrere Weisen reagieren: Entweder man kämpft beherzt gegen eine Zerstörung der „Keimzelle der Gesellschaft“, bei der Ungleiches gleich behandelt (und genannt) wird und damit Ungerechtigkeit geschaffen wird. Die andere Option ist, sich daran zu erinnern, dass die Zivilehe in Deutschland ohnehin erst von Bismarck in einem erbitterten Kulturkampf gegen die katholische Kirche durchgesetzt wurde, um der auf religiöser Basis basierenden Ehe und der aus ihr erwachsenden Familie ihre Unabhängigkeit zu nehmen und sie unter staatliche Kontrolle zu zwingen. Bischöfe und Priester ließen sich damals ins Gefängnis werfen, um die staatliche „Übernahme“ der sakramentalen Ehe zu verhindern. Umsonst. Soll der Staat, der seit Jahrzehnten die Ehe und mit ihr die Familie immer mehr ausgehöhlt hat, jetzt schauen, was er mit seiner zivilrechtlichen „Ehe für alle“ anfängt, die kaum mehr zu stoppen sein dürfte. Vielleicht entkernt er sie ja ebenso wie die „alte“ Version.

    Gewiss ist es schwierig, einen inzwischen ziemlich dekonstruierten Begriff zu vertreten, der eine derart herausragende Rolle für die Kirche spielt. Hilfreich dafür ist das Menschenrecht der Religionsfreiheit, das die freie Religionsausübung garantiert. Die Ehe ist für die Kirche „der Ehebund, durch den Mann und Frau unter sich die Gemeinschaft des ganzen Lebens begründen, welche durch ihre natürliche Eigenart auf das Wohl der Ehegatten und auf die Zeugung und die Erziehung von Nachkommen hingeordnet ist“. Keine gesellschaftliche Debatte der Welt und auch keine Neudefinition von Begriffen kann das ändern. Die Herausforderung ist vielmehr, in einer Umgebung, in der zukünftig vieles „Ehe und Familie“ heißen könnte, das zu leben, was Ehe nach unserem Glauben ist: Eine Lebensform, die keine rein menschliche Institution ist, weil sie in der Liebe wurzelt. Und „die Liebe“, damit sind keine „Schmetterlinge im Bauch“ gemeint, die sich gern in wärmere Gefilde verziehen, wenn der Winter kalt und rau wird.

    Womit wir bei der Liebe wären, wie sie die christliche Ehe trägt. Die nicht nur an menschlichen Hormonen, gegenseitigem Entzücken und sexueller Anziehung hängt, sondern ein Fundament ist, welches ein Paar auch dann zu tragen vermag, wenn Stürme aus allen Himmelsrichtungen es umtoben. Die Liebesheirat an sich ist noch nicht einmal zweihundert Jahre alt. Zuweilen hört man sogar in unseren Breiten wieder Plädoyers für die Vernunftheirat. Sowohl die Liebes- als auch die Vernunftehe haben ihre klaren Nachteile: Die eine, dass die romantische Liebe überhöhte Ansprüche weckt, die kaum lebenslang durchzuhalten sind und die andere, dass man vernünftiger ist, was die romantische Liebe betrifft, sich dafür aber oft „nicht riechen kann“. Die christliche Ehe beinhaltet Raum für Liebe und Vernunft: „In guten und in schlechten Tagen“ heißt es bereits bei der Trauung. Zu den „guten Tagen“ braucht man wenig zu sagen – sie sind von Glück und Erfüllung gekennzeichnet. Die „schlechten Tage“, oft nur mit Vernunft und Disziplin durchzuhalten, sind aber von Anfang an implizit mitbedacht. Und obendrauf die Gnade Gottes. Das Sakrament der Ehe bindet nämlich nicht nur die beiden Ehepartner aneinander, sondern das Ehepaar auch an Gott. Ein Traupriester sagte es dem jungen Paar bei einer kirchlichen Hochzeit einmal so: „Von nun an seid ihr zu dritt.“

    Dass es in christlichen Ehen ebenso die Bedrohungen von Zwietracht, Herrschsucht, Untreue, Eifersucht und Konflikte gibt, verschweigt auch der Katechismus nicht. Doch hier setzt die letzthin viel zitierte Barmherzigkeit des „Dritten im Ehebunde“ ein: „Um die durch die Sünde geschlagenen Wunden zu heilen, benötigen Mann und Frau die Hilfe der Gnade, die Gott in seiner unendlichen Barmherzigkeit ihnen nie verweigert hat. Ohne diese Hilfe kann es dem Mann und der Frau nie gelingen, die Lebenseinheit zustandezubringen, zu der Gott sie am Anfang geschaffen hat. Für uns Christen kommt es also gar nicht so entscheidend auf immerwährende, glühende Liebe und ihren hölzernen Bruder „Verantwortung“ an – da sind wir wahrscheinlich realistischer als die meisten. Denn wo die Liebe vergeht, ist es in den allermeisten Fällen auch um die Verantwortung geschehen. Die Liebe, auf der die christliche Ehe basiert, ist Gott selbst, der im Akt der Schöpfung gesagt hat: „Ich will, dass du seist. Es ist gut, sehr gut.“ Und diese Ur-Bejahung hat Gott – so glauben wir Christen – in den Menschen eingesenkt. Und von dieser Liebe lebt und nährt sich die sakramentale Ehe eines Mannes und einer Frau. Dieses willentliche, unbedingte, nicht aufgebbare zueinander Ja-Sagen von zwei Menschen vor Gott, auch dann, wenn die Zeichen wieder einmal auf Sturm stehen und trotz allem, was sie im Laufe eines langen, gemeinsamen Lebens alles verbocken können, das ist das Zentrum des christlichen Eheverständnisses. Die Ehe ist ein lebenslanges Nachvollziehen dieser göttlichen Ur-Bejahung, komme, was wolle. In ihr stehend und durch sie unterstützt lässt sich selbst in einer Zeit, in der die Menschen ungleich älter werden als je zuvor, ein ganzes Leben mit dem einen Ehepartner durchleben. Unzählige wunderbare alte Ehepaare sind Zeugen dafür. Mit ihnen ließe sich wirksamer für die Ehe werben als mit jungen, schönen Menschen im bräutlichen Outfit.

    Alle menschliche Liebe nachvollzieht stets, wie der Philosoph Josef Pieper es ausdrückte, auf vollkommene Weise die kreatorische Liebe Gottes. Oder wie selbst Jean Paul Sartre als den Kern der Liebe und deren größte Freude erkannte: „Wir fühlen uns gerechtfertigt, da zu sein.“ Anhand von Sartre und seinen komplizierten Beziehungen wird aber sogleich ein wesentliches Problem deutlich, wenn die Liebe nicht auf Gottes, sondern allein auf zwischenmenschlicher Bejahung fußt: Sobald das „Ich will, dass es dich gibt!“ einem stärker werdenden „Warum bist du immer noch da?“ oder gar „Gut, dass er/sie weg ist“ weicht, geschieht eine viel existenziellere Katastrophe als die, dass der eine Partner dem anderen die Verantwortung aufkündigt und nicht mehr seine Rechnungen bezahlen mag. Es kratzt an der eigenen Existenzberechtigung. Liebeskummer ist daher immer begleitet von der Frage „Wie kannst du mir das antun?“ Die nicht aufrecht erhaltene Bejahung schafft tiefste seelische Wunden. Eheliche Liebe, heißt es im Katechismus, „will endgültig sein. Sie kann nicht nur ,bis auf weiteres‘ gelten.“ Und der französische Philosoph Gabriel Marcel setzte sogar noch eins drauf: „Einen Menschen lieben heißt sagen: Du wirst nicht sterben.“ Wer Eheleute erlebt, die aus dieser schöpferischen Kraft der Liebe ihre Ehe gelebt haben und durch den Tod getrennt wurden, kann ein wenig nachvollziehen, was hier angesprochen ist. „Für immer und ewig“.

    An der Ur-Willenserklärung „Ich will, dass du bist. Für immer“ wird auch verständlich, warum es aus christlichem Verständnis für die Ehe nicht egal ist, welchen Geschlechts die Ehepartner sind. Denn die Liebe ist nicht nur das, was ,sein macht‘ in Bezug auf den Ehepartner, dessen ganze Existenz damit gemeint ist. Sie schafft auch neue Existenz. Nicht nur im Binnenverhältnis eines Paares, sondern es erwächst „kreatorisches“ Potenzial, das in der Schöpfungsordnung nur einem Mann und einer Frau gemeinsam zukommt: Kinder zu bekommen. Auch der biologiefeindliche Genderfan kann nicht verleugnen, dass das schlicht nicht anders geht. Wie groß die Verzweiflung bei Ehepaaren sein kann, wenn ihnen Kinder versagt bleiben, wissen Adoptionsstellen und Reproduktionsmediziner. Dass die schöpferische Liebe aber auch in ganz anderem Sinne fruchtbar werden kann, wird viel zu selten betont. „Ihre Ehe kann Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Opfergeist ausstrahlen“ – gerade auf Menschen, denen nie jemand sagt: „Wie gut, dass du bist“.

    Das sakramentale Eheverständnis unterscheidet sich also vollkommen vom zivilen. Es ist nicht im Staat, sondern im Glauben an den Schöpfer verankert, der seiner Schöpfung eine Ordnung gegeben hat. Die „Ehe für alle“ können Christen aus diesem Grund – außer aus Spaß an der Debatte an sich – gar nicht debattieren. Stellen wir aber dafür die Liebe zur gesellschaftlichen Debatte. Das bedeutet, von Gott, dem Vater aller Menschen zu sprechen. „Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht“, sagte Benedikt XVI. Vielleicht rührt einiges von der Heftigkeit, mit der eine totale Gleichstellung der Lebensform „für alle“ verlangt wird, aus den tiefen Verletzungen von Menschen, denen genau das Gegenteil vermittelt wurde?