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    Bischof Huber heftig kritisiert

    Mit seinem neuerlichen Eintreten für eine einmalige Verlegung der Stichtagsregelung im Stammzellgesetz ist Bischof Wolfgang Huber auf heftigen Widerstand gestoßen. Das hielt den EKD-Ratsvorsitzenden jedoch nicht davon ab, noch einmal nachzulegen und nun sogar die Beweispflicht umzukehren. Der Bischof droht zum tragischen Fall zu werden.

    Selten waren die medialen Scheinwerfer so auf einen protestantischen Bischof gerichtet, wie derzeit auf den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche (EKD), Bischof Wolfgang Huber. Nicht, dass Journalisten – wie dies bei katholischen Bischöfen immer wieder und bei einigen mit geradezu erwartbarer Regelmäßigkeit geschieht – Huber die Worte im Mund herumgedreht hätten. Nicht, dass sein Privatleben – wie etwa das von Bischöfin Margot Käßmann – in den Medien breitgetreten worden wäre. Nein, Huber hat das Rampenlicht, in dem er nun steht, selbst gesucht und mit einen groß angelegten, wenn auch erstaunlich undurchdachten Namensbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, der unmittelbar nach Weihnachten veröffentlicht wurde, aus freien Stücken die große Bühne betreten (DT vom 28.12.).

    Insofern muss niemand den Bischof bedauern, wenn der Applaus für seine Einlassungen, mit denen er einer Verschiebung des Stichtages seinen Segen erteilte, nicht nur weiter auf sich warten lässt, sondern auch der Wind, den Huber säte, sich nun zu einem Sturm in umgekehrter Richtung zu entwickeln droht.

    „Auf dem Holzweg“

    Hatte der Osnabrücker Sozialethiker Manfred Spieker in dieser Zeitung Huber noch entgegengehalten, der Streit um die Stichtagsregelung im Stammzellgesetz sei kein Konfessionsstreit, sondern ein Konflikt zwischen Rechts- und Tugendpflichten (DT vom 29.12.), so hat Spieker seine Kritik an Hubers Ausführungen in einem weiteren Beitrag, der in der gestrigen Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ veröffentlicht wurde, noch erweitert. Dort wirft Spieker Huber nun einen „Kurswechsel“ vor, welcher das „Ende der ökumenischen Gemeinsamkeit in den Fragen der modernen Biomedizin“ markiere, „an der die Amtsträger, der beiden Kirchen von den ersten Tagen der bioethischen Debatte 2001 an festgehalten hatten“. So erinnert Spieker daran, dass Bischof Huber in einem Bericht vor der EKD-Synode in Trier am 2. November 2003 selbst noch „alle Methoden der Forschung oder Therapie“ abgelehnt habe, „durch die Menschen, von ihrer embryonalen Gestalt an, als bloßes Mittel zur Verbesserung der Heilungschancen anderer Menschen gebraucht werden“. Diese Position habe Huber damals „gegen eine Stellungnahme von neun evangelischen Theologen“ vertreten, „die den Amtsträgern ihrer eigenen Kirche eine zu katholische Position vorwarfen und den Pluralismus als ,Markenzeichen‘ der evangelischen Ethik auch in der Embryonenforschung“ eingefordert hätten.

    Spieker: „Was Huber diesen Theologen in Trier entgegenhielt, muss er sich heute selbst entgegenhalten lassen: ,Die Orientierungsschwäche der Moderne, an der auch die evangelische Kirche teilhat, ist (...) noch kein Markenzeichen der Freiheit‘“. Heftige Kritik an Huber hagelt es auch von anderer Seite. So zitiert etwa die evangelische Nachrichtenagentur „idea“ die Bundesvorsitzende der überkonfessionellen und überparteilichen Lebensschutzorganisation „Aktion Lebensrecht für Alle“, Claudia Kaminski, der zufolge sich Huber „auf dem Holzweg“ befinde. So sei es falsch, sich auf die Argumente der Stammzellforscher einzulassen, man könne nicht mit „alten, verunreinigten Zellen“ forschen.

    In einem Brief an die F.A.Z. verwies Kaminski darauf, dass neueste Ergebnisse der embryonalen Stammzellforschung mit eben genau diesen Stammzelllinien erreicht worden seien. Festzustellen sei auch, dass die ethisch unbedenkliche Forschung mit adulten Stammzellen immer größere Fortschritte mache. Huber müsse sich fragen lassen, ob er sich wirklich mit führenden Stammzellforschern beschäftigt habe. So zitierte die Medizinerin den britischen Stammzellforscher Colin McGuckin, der an der Universität Newcastle, mit Stammzellen aus dem Nabelschnurblut forscht und kürzlich erklärt hatte, dass während seiner 20-jährigen Forschungstätigkeit kein einziger Aspekt der Forschung mit embryonalen Stammzellen des Menschen zum Verständnis der Forschung mit adulten Stammzellen beigetragen habe, obwohl neuerdings behauptet werde, aus diesem Grund sei die embryonale Stammzellforschung nötig.

    Weiter heißt es laut „idea“ in dem Brief Kaminskis an die F.A.Z., für Christen könne es in dieser Frage „kein Dilemma und keine Kompromisse“ geben. Vielmehr gehe es „um eine klare Entscheidung für das Leben“. Durch die klare Haltung der katholischen Kirche sei „echte Orientierung und Gewissensbildung“ möglich. Kaminski: „Wer so argumentiert wie Bischof Huber, macht eben doch Politik – gegen das Lebensrecht des Menschen im Frühstadium seiner Entwicklung.“

    Eine „alarmierende“ Entwicklung

    Ohne den Ratsvorsitzenden der EKD zu erwähnen haben auch einige katholische Bischöfe ihre Predigten zum Jahreswechsel genutzt, um sich für einen konsistenten Embryonenschutz auszusprechen. So wandte sich etwa der scheidende Erzbischof von München und Freising, Friedrich Kardinal Wetter, in seiner Silvesterpredigt gegen eine Verlegung des Stichtages. Dies wäre „ein weiterer Schritt auf dem bereits eingeschlagenen falschen Weg“. Gott habe dem Menschen Grenzen gesetzt, „um sie vor Irrwegen zu bewahren“, so Wetter. Passaus Bischof Wilhelm Schramml sprach von einer „alarmierenden“ Entwicklung. Sollten jene das Sagen haben, die dem Embryo die Menschenwürde absprächen, werde „das Töten von Menschen freigestellt“.

    Deutlich äußerte sich auch der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke. Hanke warnte angesichts der Diskussion um embryonale Stammzellenforschung vor einer „Abwärtsspirale beim Lebensschutz“ und kritisierte, dass auch christliche Politiker in der Diskussion um eine Änderung des Stammzellgesetzes bereit seien, den Lebensschutz weiter auszuhöhlen. Für die katholische Kirche sei es jedoch nicht hinnehmbar, dass künstlich erzeugte menschliche Embryonen als Rohmaterial für die Forschung dienen sollten. Der Bischof stellte klar: „Das Recht auf Leben und die Würde der Person ist für uns Christen nicht verhandelbar.“

    Hanke übte in diesem Zusammenhang auch unüberhörbar Kritik an dem Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Huber, der den Widerspruch der katholischen Kirche gegen eine weitere Liberalisierung des Embryonenschutzes als konfessionellen Streit dargestellt hatte. Das Gebot, Leben zu schützen, sei konfessionsübergreifend christlich gültig, so Hanke.

    Unterdessen hat Huber seine Position bekräftigt. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP sagte Huber, die Forschung mit embryonalen Stammzellen sei zwar „ethisch eine gefährliche Gratwanderung“. „Wenn man aber therapeutische Fortschritte erreichen will, muss man sich klarmachen, dass eine Forschung mit embryonalen Stammzellen zurzeit notwendig ist, um zu verstehen, wie die Reprogrammierung von Stammzellen vonstatten geht.“ Die evangelische Kirche habe nach langem Abwägen daher „die Stichtagsregelung als einen vertretbaren Kompromiss akzeptiert, während die katholische Kirche das nicht getan hat“, so Huber weiter. Wenn es stimme, dass die derzeit verfügbaren Stammzelllinien nicht ausreichen, weil sie mit Mäusezellen kontaminiert sind, könne man „für hochrangige Forschungszwecke“ eine einmalige Verschiebung des Stichtags in Kauf nehmen. Wer das anders sehe, bliebe „den Nachweis schuldig, wie die Forschung mit adulten Stammzellen dann überhaupt vorankommen kann“, so Huber.

    Zugegeben, es gehört nicht zu den vordringlichen Aufgaben eines Bischofs, sich über den Stand der Wissenschaften auf dem Laufenden zu halten. Andererseits sollte, wer die Bühne so stürmt wie der EKD-Ratsvorsitzende, doch ein bisschen mehr zu bieten haben, als Huber an Kenntnissen über die Stammzellforschung zu besitzen scheint. Während an embryonalen Stammzellen erst seit zehn Jahren geforscht wird, feiert die adulte Stammzellforschung seit gut 50 Jahren Erfolg nach Erfolg. Während die embryonale Stammzellforschung nicht nur ein ethischer, sondern auch ein wissenschaftlicher Irrweg ist, von dem sich inzwischen selbst der Schöpfer des Klon-Schafes Dolly, Ian Wilmut, abgewandt hat, schreitet die adulte Stammzellforschung von Triumph zu Triumph – und das ganz ohne die Erkenntnisse der embryonalen Stammzellforschung. Wer die Nutzung von Embryonen – und sei es auch nur in Ausnahmefällen und für eine begrenzte Zeit, für statthaft hält, muss harte Fakten liefern, statt auf absurde Weise die Beweispflicht umzukehren. Und diese Fakten ist bislang jeder schuldig geblieben. Forscher wie Oliver Brüstle und Hans Schöler, Politiker wie Annette Schavan und Thomas Rachel (beide CDU), und eben auch der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber.

    Von Stefan Rehder