• aktualisiert:

    Bild-Zeugnisse der Barmherzigkeit

    Fast pünktlich zum Abschluss der ersten Hälfte des Heiligen Jahrs eröffnete am 31. Mai die Ausstellung „La Misericordia nell'Arte“, die Barmherzigkeit in der Kunst“. Mit der Idee, durch eine eigene Ausstellung etwas zu dem Jahr beizutragen, stehen die Kapitolinischen Museen ziemlich allein da. Keines der anderen großen römischen Museen hat mit einer Ausstellung oder auf andere Weise versucht, am Heiligen Jahr teilzunehmen. Barmherzigkeit ist das Herzstück einer christlichen Lebensweise. Sie ist „der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt“, wie Papst Franziskus in der Verkündigungsbulle des Heiligen Jahres „Misericordiae vultus“ schreibt – ein Abdruck der Bulle ist am Eingang zur Ausstellung angebracht.

    Den Schutzmantel über die Gläubigen gebreitet: Die „Madonna der Empfohlenen“. Foto: Museum

    Fast pünktlich zum Abschluss der ersten Hälfte des Heiligen Jahrs eröffnete am 31. Mai die Ausstellung „La Misericordia nell'Arte“, die Barmherzigkeit in der Kunst“. Mit der Idee, durch eine eigene Ausstellung etwas zu dem Jahr beizutragen, stehen die Kapitolinischen Museen ziemlich allein da. Keines der anderen großen römischen Museen hat mit einer Ausstellung oder auf andere Weise versucht, am Heiligen Jahr teilzunehmen. Barmherzigkeit ist das Herzstück einer christlichen Lebensweise. Sie ist „der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt“, wie Papst Franziskus in der Verkündigungsbulle des Heiligen Jahres „Misericordiae vultus“ schreibt – ein Abdruck der Bulle ist am Eingang zur Ausstellung angebracht.

    Der Barmherzigkeitsgedanke hat auch die Kunst, von der Malerei über die Skulptur, die Reliefkunst oder auch die Buchillustration, in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder zu grandiosen Werken inspiriert. Bei der Auswahl der rund dreißig gezeigten Ausstellungsobjekte konzentrierten sich die Organisatoren auf einen zeitlichen Rahmen, der vom späten Mittelalter in das sechzehnte Jahrhundert reicht, teilweise aber auch darüber hinaus. Zwei Leitmotive gliedern den Rundgang durch die Ausstellung. Im ersten Teil werden hauptsächlich Werke gezeigt, die das Thema der „Madonna della Miscericordia“, der Madonna der Barmherzigkeit, oder der „Madonna dei Raccomandati“, der Madonna der Empfohlenen, wie dieser Marien-Typus ebenso genannt wird, zum Bildinhalt haben.

    Im Deutschen wird diese Darstellung Marias allgemein als Schutzmantelmadonna bezeichnet. Maria, in solchen Bildwerken immer die zentrale Gestalt, hat ihren Mantel schützend über die zu ihren Füßen knieenden Gläubigen ausgebreitet. Wie eine Mutter ihre Kinder vor Gefahr schützt, verteidigt und beschützt Maria das christliche Volk vor jedwedem Unheil, das ihm widerfahren könnte.

    Im Mittelalter entwickelte sich die Verehrung Marias besonders stark. Davon zeugt nicht nur die Durchsetzung des Gebets „Salve Regina“ im elften Jahrhundert, sondern auch der Bildtypus der „Madonna della Misericordia“. Mit großer Wahrscheinlichkeit entwickelte sich dieser Marien-Typus in Mittelitalien in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts. Vor allem in der Toskana und in Umbrien stützen zahlreiche Bildwerke, die um 1300 entstanden, diese Theorie. Von Mittelitalien trat der Bildtypus alsbald seinen Siegeszug über das gesamte Land an und war für die folgenden Jahrhunderte fester Bestandteil der Marienikonographie. Als erster gebrauchte der aus Syrien stammende Autor Giacomo di Sarug, Bischof von Batna, Anfang des sechsten Jahrhunderts die Formulierung der „Mater Misericordiae“ im Bezug auf Maria. Er liefert damit das älteste Zeugnis der barmherzigen Gottesmutter.

    Den Gemälden ist auf einer gesonderten Texttafel in Auszügen der „Inno alla carita“, „das Hohe Lied der Liebe“, des heiligen Paulus aus dem dreizehnten Kapitel des ersten Briefs an die Korinther zur Seite gestellt. Der Apostel beschreibt hier die Liebe als langmütig, niemals vergänglich und als das Größte überhaupt. Einen passenderen Text, um die Besucher auf die ausgestellten Werke einzustimmen, hätten die Organisatoren nicht wählen können. Vor einem goldenen Grund, der noch entfernt Assoziationen zur byzantinischen Kunst, vor allem aber zur toskanischen Quattrocento-Malerei, wachruft, platzierte Vincenzo Tamagni Maria auf seinem 1527 entstandenen Werk „La Madonna della Misericordia“. Wie bei vielen der gezeigten Werke war auch in diesem Fall eine Bruderschaft der Auftraggeber. Diese Laienbewegungen entstanden in Italien etwa zur selben Zeit wie der marianische Bildtypus und stellten sich nur allzu oft unter den Schutz der barmherzigen Muttergottes. Daraus erklärt sich die Häufigkeit ihrer Auftraggeberschaft für Bildwerke mit genau diesem Thema. Die „Compagnia dei Bianchi“, die Gemeinschaft der Weißen, aus Montalcino nahe Siena hatte das Werk in Auftrag gegeben. In weißen Gewändern knien die Brüder und Schwestern unterhalb der zentralen Figur Marias, die ihren weiß-grünen Mantel, den zu beiden Seiten zwei Engel halten, wie ein Zeltdach schützend über sie ausbreitet. Oberhalb Marias fliegen noch zwei Engel, die ihr, der Gottesmutter, die Krone über den Kopf halten. Im Mittelalter war ein ausgebreiteter Mantel Sinnbild des Schutzes, aber auch der caritativen Liebe. So galt beispielsweise ein vorehelich zur Welt gekommenes Kind rechtlich als legitim, wenn es die Mutter während der Vermählung schützend unter ihrem Mantel verbarg.

    Das Werk Bertolino de' Grossis leitet von diesem ersten Teil zum zweiten Leitmotiv der Ausstellung über, das die „Opere di Miscericordia Corporali“ zum Thema hat. Diese „Werke der leiblichen Barmherzigkeit“ gehen auf die Endzeitrede Jesus im Matthäusevangelium (Mt 25, 34–36) zurück. Dazu rechnet man folgende Werke: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen. Die ursprünglich sechs Werke wurden im dreizehnten Jahrhundert um ein siebtes erweitert, das auch die Bestattung der Toten zur christlichen Aufgabe machte.

    Der Mantel Martins schützte den Bettler vor dem Tod

    Die Ausstellung zeigt vier erhaltene Fresken des ursprünglich sieben Darstellungen umfassenden Bilderzyklus', den De' Grossi um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts für die Casa del Consorzio dei Vivi e Morti, eine der ältesten und wichtigsten Bruderschaften Parmas, angefertigt hatte. Nichts beschrieb die Aufgaben, denen sich die Bruderschaften verschrieben hatten, besser als die sieben Werke der Barmherzigkeit. Die nun folgenden Gemälde haben je eines dieser Taten christlicher Nächstenliebe zum Bildthema. Guido Renis „Carita Cristiana“ oder Mattia Pretis „Der gute Samariter“ sind gemeinsam mit den Gemälden des Lombardischen Malers Antonio Cifrondi, von dem die Ausstellung gleich zwei Bilder „Die Hungernden zu speisen“ und „Die Durstigen zu tränken“ zeigt, nur einige der vielen Darstellungen, die den Werken der Barmherzigkeit auf der Leinwand Gestalt verleihen. Beide Gemälde Cifrondis sind auf das späte siebzehnte Jahrhundert zu datieren und entstanden für das Konvent der Kapuziner in Bergamo.

    Ein kleiner Kunstschatz verbirgt sich in der hintersten Ecke der Ausstellungsräume. Aus edlem Carrara-Marmor gefertigt zeigt das Relief den heiligen Martin, der mit einem armen Bettler seinen Mantel teilte und diesen so vor dem sicheren Tod bewahrte. Pietro Bernini, der Vater des großen Gianlorenzo Bernini, ist der Schöpfer dieses feinen Reliefs, das nicht nur sein großartiges Talent, das er an seinen Sohn weitervererbte, erahnen lässt, sondern zudem die Idealszene zum dritten Werk der Barmherzigkeit thematisiert: die Nackten zu bekleiden.

    Noch bis Ende November können Besucher der Kapitolinischen Museen in einem separaten Gebäude rechts des Haupteingangs zum Konservatorenpalast diese Bild-Zeugnisse christlicher Nächstenliebe und Barmherzigkeit bewundern.

    Piazza del Campidoglio 1, 0 01 86 Rom.