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    Bei Gottes Wort beginnen

    Im Hinblick auf die Evolutionstheorie darf die Heilige Schrift nicht immer neu interpretiert werden. Das würde schließlich zu ihrer Bedeutungslosigkeit führen, meint Ronald L. Numbers, amerikanischer Professor für Geschichte der Wissenschaft und Medizin, der im Interview über das Verhältnis von Evolutionstheorie und Glaube spricht.Ronald L. Numbers, Jahrgang 1942, ist Professor für Geschichte der Wissenschaft und Medizin an der University of Wisconsin in Madison in den Vereinigten Staaten. Seine Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Religion, ebenso wie sein persönlicher Lebenslauf. Numbers entstammt einer Familie strenggläubiger Siebenten-Tags-Adventisten. Er wuchs mit einer kreationistischen Weltsicht auf, die er allerdings im Laufe seines Studiums der Naturwissenschaften und der Geschichte immer stärker hinterfragte. Durch seine historische Arbeit über Ellen G. White, der „Prophetin“ der Siebenten-Tags-Adventisten, kam es zum Bruch mit der Gemeinschaft. Heute bezeichnet Numbers sich selbst als Agnostiker, möchte aber vermittelnd wirken zwischen Glauben und Wissenschaft. Er lehnt jede Form der Polemik ab und stellt in seiner Arbeit die Wahrheitsfindung in den Mittelpunkt. 2008 wurde ihm die George-Sarton-Medaille verliehen, die international höchste Auszeichnung auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte. Er gilt als der beste Kenner der Geschichte des Antievolutionismus. In seinem neuesten Buch „Galileo Goes to Jail and Other Myths“ über Wissenschaft und Religion entlarvt Numbers auch einige Vorwürfe gegen die katholische Kirche als Mythen.

    Herr Professor Numbers, in Ihrem Buch „The Creationists. The Evolution of Scientific Creationism“ setzen Sie sich mit der Entwicklung des Antievolutionismus auseinander. Er war auch Thema eines Vortrags, den Sie kürzlich an der „Gregoriana“ in Rom gehalten haben. Eingangs sagten Sie, dass Ihr Vater, ein fundamentalistischer Pastor, entsetzt gewesen wäre zu wissen, dass Sie an einer Päpstlichen Universität sprechen, und dass Sie wohl die einzige wirklich neutrale Person im Auditorium seien. Was bedeutet Ihnen die Neutralität?

    In den frühen achtziger Jahren wurde ich in einem Gerichtsverfahren über die Evolution von beiden Seiten als Zeuge geladen. Ich denke, das zeugt von meiner Neutralität. Ich bin nur als Wissenschaftler neutral. Persönlich akzeptiere ich den Kreationismus oder das „Intelligent Design“ nicht. Ich glaube jedoch, dass es Aufgabe des Historikers ist, neutral zu sein und nicht darüber zu urteilen, ob diese vom wissenschaftlichen Standpunkt her richtig oder falsch sind.

    Wie entstand der Antievolutionismus?

    Ich glaube, dass viele konservative Christen sich daran störten, dass die Heilige Schrift im Licht dessen, was die Wissenschaft sagte, ständig neu interpretiert wurde. Sie passten sich der Wissenschaft an. Als die Wissenschaft sagte, dass das Leben auf der Erde eine lange Geschichte hatte, sagten sie: Okay, die Tage der Genesis sind also in Wirklichkeit Zeitalter. Dann kamen die Geologen und sagten: Es gab keine Universalflut. Okay, dann war es eben eine lokale Flut – und so weiter. Und sie fragten sich: Wo soll das noch enden? Immer wenn die Wissenschaft Fortschritte macht, interpretieren wir Gottes Wort neu. Daher sagten sich einige konservative Christen: Warum beginnen wir nicht bei Gottes Wort und schauen, ob die Natur sich damit vereinbaren lässt? Ich glaube, dass dies einer der wichtigsten Gründe war: Es war kein Ende abzusehen. Über kurz oder lang würde die Bibel gegenstandslos sein.

    Es gibt viele wissenschaftliche Beweise für die Evolution. Wie kommt es dann, dass auch seriöse Wissenschaftler unter den Antievolutionisten sind?

    Es gibt nicht viele seriöse Wissenschaftler unter den Antievolutionisten. Einige wenige sind Kreationisten und einige wenige gehören zum „Intelligent Design“. Das „Discovery Institute“, das Zentrum der Intelligent-Design-Bewegung, versucht seit Jahren, Wissenschaftler zur Unterzeichnung des sogenannten „Dissent from Darwinism“ zu bewegen. Ich glaube, sie haben bisher vielleicht 700 Unterschriften. Es gibt aber drei bis zehn Millionen Wissenschaftler auf der Welt. Es ist also nur ein winziger Bruchteil. Und auch unter den Kreationisten sind einige hundert. Die Zahl der Wissenschaftler, die die Evolution ablehnen, ist also verschwindend gering.

    Andererseits werfen Sie Atheisten wie Daw-kins vor, dem Bild zu schaden, das viele Menschen von der Evolution haben.

    Ja, denn er sagt, die Evolution sei atheistisch. Für ihn ist sie es vielleicht, aber für sehr viele Menschen ist sie es nicht. Es gibt viele Evolutionisten, die an Gott glauben, und es gab sie immer schon. Folgendes bereitet mir Sorge: Die Fundamentalisten sagen, die Evolution sei atheistisch, und einige Evolutionisten sagen, sie sei atheistisch. Dadurch könnte es sehr schwierig werden, sie an amerikanischen Schulen zu unterrichten, denn unsere staatlichen Schulen sollen religiös neutral sein. Wenn die Evolution atheistisch ist, dann sollte man sie vielleicht nicht lehren. Das wäre eine Katastrophe.

    Was können Sie über die Globalisierung des Antievolutionismus sagen?

    Eine ganze Menge. In der zweiten Auflage der Creationists habe ich ein ganzes Kapitel darüber geschrieben. In den letzten 15 Jahren hat sich der Antievolutionismus – mit Ausnahme von China vielleicht – überall auf der Welt verbreitet, zum Beispiel in der ehemaligen Sowjetunion und ganz besonders in Korea. Die Koreaner entsenden Missionare des Kreationismus. Die ultraorthodoxen Juden fördern ihn. In der muslimischen Welt breitet er sich wie ein Lauffeuer aus, vor allem auf Betreiben von Harun Yahya. Sein richtiger Name ist Adnan Oktar. Er hat weit über 100 Bücher veröffentlicht, in denen er die Evolution angreift. Besonders seine ersten Bücher waren antisemitisch geprägt, manchmal leugnete er den Holocaust. Jetzt sagt er, er sei nicht gegen die Juden, sondern gegen den Zionismus. Er führt eine große Kampagne und scheint dafür über enorme Gelder zu verfügen. Manche seiner Bücher sind in millionenfacher Auflage im Umlauf. Sie wurden ins Deutsche, Englische, Arabische, in beinahe jede nur erdenkliche Sprache übersetzt. In der muslimischen Welt erhält er viel Aufmerksamkeit. Zuweilen hat er mit den Kreationisten und mit der Intelligent-Design-Bewegung zusammengearbeitet, hat sich jedoch vor einigen Jahren mit den Vertretern des „Intelligent Design“ etwas überworfen, aber nur im Detail. Er sagt: Wenn die Intelligent-Design-Bewegung, wie sie selbst sagt, nachweisen kann, dass es einen „intelligenten Planer“ gibt, dann muss sie ihn „Allah“ nennen.

    In Ihrem jüngsten Buch „Galileo Goes to Jail“ entlarven Sie Mythen über Wissenschaft und Religion. Einige von ihnen betreffen die Kirche – zum Beispiel, dass die mittelalterliche Kirche wissenschaftlichen Fortschritt unterdrückt habe oder dass Galilei für seine wissenschaftlichen Überzeugungen eingekerkert wurde. Wie bilden sich solche Mythen und warum halten sie sich in der Öffentlichkeit?

    Sie sind zweckdienlich. Wenn Wissenschaftler Freiheit wollen von religiösen Autoritäten, dann sagen sie: Seht doch, was sie Galilei angetan haben! Der arme Galilei, sie haben ihn in den Kerker geworfen und gefoltert! Das gibt eine wunderbare Geschichte ab, und man hat einen Märtyrer für die Wissenschaft. Giordano Bruno – er landete für seine theologischen, nicht für seine wissenschaftlichen Überzeugungen auf dem Scheiterhaufen – wurde auch so ein Märtyrer. Jede Gruppe hat gern eigene Märtyrer. Man fühlt sich gut, wenn man weiß, dass Menschen ihr Leben gegeben haben für die Sache, für die man selbst eintritt. Ich glaube, es gehört zur Identitätsfindung.

    Was kann man tun, um solche Mythen zu überwinden?

    Man muss es einfach versuchen, durch historische Belege. So versuchen wir es. Vielleicht werden wir keine großen Erfolge erzielen, aber ich glaube, dass die historischen Belege für die Allgemeinheit bisher nicht leicht zugänglich waren. Immer haben Fachleute für Fachleute geschrieben. Ich hoffe, dass mein Buch etwas bewegen kann, aber es wird nicht die Welt verändern.

    Von Claudia Kock