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    Autonomie als Schlüsselwort

    2017 ist das Superkunstjahr. Venedig, Kassel und Münster sind viel beachtete Veranstaltungsorte. Ein Novum ist zu vermerken: Erstmals gastiert die Schau in zwei unterschiedlichen Städten, zuerst in Athen, dann in Kassel. Die 150 Künstler, die in Athen durch Werke vertreten waren, stellen auch in der nordhessischen Stadt aus.

    Oguibe-Obelisk in Kassel
    „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.“ Ein etwa 16 Meter hoher Obelisk des nigerianischen Konzeptkünstler... Foto: dpa

    2017 ist das Superkunstjahr. Venedig, Kassel und Münster sind viel beachtete Veranstaltungsorte. Ein Novum ist zu vermerken: Erstmals gastiert die Schau in zwei unterschiedlichen Städten, zuerst in Athen, dann in Kassel. Die 150 Künstler, die in Athen durch Werke vertreten waren, stellen auch in der nordhessischen Stadt aus.

    Im Vorfeld des Großereignisses wurde mehr als üblich Kritik laut. Bazon Brock, emeritierter Professor für Ästhetik und graue Eminenz der gegenwärtigen Kunstkritik, vermisste ein markantes Profil und fiel über die Kuratoren her. Sie hätten es nicht geschafft, die evidenten Verbindungen zwischen Athen und Kassel aufzuzeigen. Die Kunst der Klassik, einst in Griechenland zur Blüte gelangt, zeige unübersehbare Niederschläge auch im Kasseler Klassizismus. Nicht zuletzt lasse sich die Bedeutungslosigkeit der Gegenwartskunst daran erkennen, dass über sie kaum mehr intensiv-kontrovers debattiert werden könne. Man kann ergänzen: Ein vergleichbarer Disput über die Moderne, wie er einst von den so konträren Kennern Willi Baumeister und Hans Sedlmayr geführt wurde, fand in den letzten sechs Jahrzehnten nicht mehr statt. Anhand der Stärke der Opponenten wird immer auch deutlich, wie ernst die eigene Sache genommen wird. Andere sekundierten Brocks Schelte. Die Documenta scheint das in Miniatur abzubilden, was der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich in einem lesenswerten Aufsatz als die basale Spaltung der Kunstwelt herausarbeitet: in die eine Sphäre, die unter der Fuchtel von Kuratoren steht, und in die andere, die von den Gesetzen des Marktes dominiert wird. So ist für viele journalistische Kommentatoren des Events die Zahl der Besucher, die wohl höher als beim letzten Mal sein wird, primärer Maßstab des Erfolgs.

    An die Stelle des Absoluten tritt das Unverbindliche

    Autonomie ist ein Schlüsselwort, das auch auf der Documenta diskutiert wird. Wer eine beliebige Überblicksdarstellung über moderne Kunst aufschlägt, weiß um seine Bedeutung. Um 1800 brachten führende Theoretiker erstmals auf den Punkt, was sich für die Kunst in der neuesten Zeit verändert hat: Sie verliere „echte Wahrheit und Lebendigkeit“, wie es Hegel herausstellte, der sein berühmtes, unzählige Male zitiertes Diktum vom „Ende der Kunst“ formulierte. Gemeint ist damit nicht, dass es nach diesem Abschluss keine Kunst mehr geben werde. Sie sei aber nicht mehr Maßstab des Sittlichen und des Absoluten, vielmehr nunmehr zur Unverbindlichkeit verurteilt. Ein solcher Zug charakterisiert bis heute den modernen Kunstbetrieb. Kunst habe nunmehr die Freiheit des „interesselosen Wohlgefallens“, wie es Kant wirkmächtig beschrieb. Diese ästhetische Funktion setzt voraus, dass die früheren Aufgaben der Kunst, vor allem die Repräsentation religiöser, politischer oder moralischer Zielsetzungen, wegfallen. Kunst verliert damit unmittelbare Lebendigkeit. Die Folge ist ein unabdingbarer künstlerischer Subjektivismus. Er bringt vermehrt den Bedarf nach Erklärungen mit sich. Autonomie erschwert das Verständnis von Kunst – für nicht wenige Betrachter ein Stein des Anstoßes.

    Immerhin verpflichtet ein Theoretiker der Freisetzung der Kunst wie Hegel, von Goethe wohl dazu inspiriert, die Künstler noch auf ein inhaltliches Kriterium: auf das Humane. Zahlreich sind die Debatten, die klären wollen, ob der Hauptstrom der künstlerischen Moderne diesem Auftrag gefolgt ist: Ein katholischer Diagnostiker des „Verlusts der Mitte“ wie Hans Sedlmayr wirft der Moderne die Abkehr vom Menschen vor. Wortmächtig prangert er die „Deshumanisation der Kunst“ an. Der einstige Münchner Ordinarius bemängelt besonders die zentrale Relevanz, die Randfiguren nunmehr erhielten, zu denen für ihn auch „Auswanderer und Flüchtlinge“ zählten. Hier lässt sich der Bogen zur aktuellen Documenta schlagen. Einer ihrer wichtigen Themenbereiche ist, wenig überraschend, der Umgang mit Flüchtlingen. Viel diskutiert wird der von dem (aus Nigeria stammenden) Künstler Olu Oguibe errichtete Obelisk mit der Aufschrift „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“. Richtig erklärt wird dieses Bibelzitat im entsprechenden Kontext jedoch nicht. Ein langjähriger Beobachter der Kasseler Ausstellung, der Kunstwissenschaftler Harald Kimpel, beklagt folgerichtig, die „Mitleidsdocumenta“ werfe einem „die Traumata von Menschen aus aller Welt kommentarlos vor die Füße“.

    Viele Interessierte an „großer Kunst“, die manche Zeitgenossen mit einer unnachahmlichen Aura umgeben sehen, empfinden die Notwendigkeit von Interpretation als Mangel. Nach ihrem Verständnis muss sich Kunst, die ihren Namen verdient, von selbst erklären. Nicht zufällig ist mit George Steiner ein konservativer Kulturkritiker als Gegner der Inflation sekundärer Deutungen hervorgetreten. Immer wieder wird gegen die Avantgarde ins Feld geführt, sie entferne sich unzulässigerweise von der Lebenswelt. Die Künstler wiederum verteidigen sich häufig mit dem Einwand, nur außerhalb der konventionellen Perspektive sei ein genuin-authentischer Blick auf die deformierte Alltagswelt möglich.

    Wie sieht es in der Gegenwartskunst mit der Autonomie aus? Schon seit einiger Zeit wird die Zunahme von Auftragskunst von vielen Seiten beklagt, ebenfalls auf der diesjährigen Documenta. Kunstobjekte scheinen mehr und mehr zu Statussymbolen führender Schichten zu verkommen. Ein prominentes Beispiel ist der SPD-Politiker Gerhard Schroeder. Auf einem Foto von 1998 ist er – noch Ministerpräsident von Niedersachsen – vor dem Hintergrund eines abstrakten Gemäldes abgebildet, das an der Rückseite des Zimmers hängt. Manche machen auch hier den Bösewicht „Neoliberalismus“ als Hauptschuldigen aus. Die Allianz von Machtelite und zeitgenössischer Kunst ist freilich nicht unbedingt damit verbunden.

    Man gewinnt den Eindruck, als umschmeichle ein nicht geringer Teil der Künstler die Mächtigen in Politik und Wirtschaft, um selbst ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Von der Oppositionshaltung früherer Avantgardisten ist gegenwärtig wenig zu spüren. Das ist natürlich auch der heutigen sozialen Realität geschuldet. In einer Diktatur verspürt der Künstler eine völlig andere Widerborstigkeit als in einer toleranten Demokratie. Die kreativen Minderheiten von einst haben sich einlullen lassen. Dadurch ist eine Lücke entstanden. Es sind neue Minoritäten gefragt, die die Welt wenigstens ein Stück weit bessern und als biblischer Sauerteig wirken. Vor diesem Hintergrund hat 2009 der damalige Papst Benedikt XVI. von Christen als „kreativen Minderheiten“ gesprochen, „die über ein Erbe an Werten“ verfügen, „die nicht der Vergangenheit angehören, sondern eine lebendige und zeitgemäße Wirklichkeit darstellen“. Freilich fehlt ihnen öfters eine intensivere Motivation für den politischen Kampf, wie jüngst auch die aufschlussreiche Schrift der Publizistin Gabriele Kuby herausstellte. Die politische Heimatlosigkeit von Katholiken, die kürzlich Bischof Rudolf Vorderholzer betont hat, hat seine Gründe. Eine ausschließliche Beachtung der Devise „Seid nett zueinander“ hätte nicht den Siegeszug der frühen Kirche eingeleitet und für ihre Existenz bis heute gesorgt!

    Mit dem Verlust der Hoffnung auf erlösenden Fortschritt und am Ende eines weitreichenden Wertewandels im Sinne linksliberaler Kulturideale ist es für Künstler schwierig geworden, neue Gesellschaftskonzeptionen für das Nonplusultra zu halten. Die alten Feindbilder – Reaktionäre, Militaristen, korrupte Herrscher, ausbeutende Bourgeois, konservative und kirchliche Vertreter – sind in den westlichen Gesellschaften zu sehr marginalisiert, als dass es lohnenswert wäre, ihre Attitüde ernsthaft zu karikieren. Stattdessen werden öfters längst erstarrte Rituale früherer Umwälzungsprozesse wiederbelebt. Die Provokationswirkung ist daher meist gering.

    Die Abtreibung wird als ein humaner Akt dargestellt

    Eine Probe aufs Exempel lieferte auf der Documenta der Performance-Künstler Terre Thaemlitz mit einer überaus geschmacklosen Darstellung. Der Titel spricht für sich: „Deproduktion“. So schrieb er sich das Motto „Abtreibung für alle“ auf seine Fahne. Im frühen Stadium sieht er die Tötung der Wehrlosesten als human an, weil den Ungeborenen, die angeblich kein Bewusstsein besitzen, dadurch Leid erspart bleibe. Von Ironie, wie er sich später rechtfertigte, ist daran nichts zu merken. Als wäre die offene Kindsmord-Verteidigung nicht schon genug Amoralitätsbekundung, propagierte er darüber hinaus noch einen Feldzug gegen Ehe und bürgerliche Familie. Beide fungieren für ihn als Garanten von Kriegen und Demokratiefeindlichkeit. Das Publikum, wenigstens das gebildete, musste den Eindruck gewinnen, einen äußerst verunglückten Kommentar zur Untersuchung Theodor W. Adornos und seiner Mitstreiter über die „autoritäre Familie“ bekommen zu haben. Der geschlechtslose Autor hat nach nur gut fünf Jahrzehnten einen neuen konstruktiven Lösungsvorschlag für dieses nationale Problem Nummer eins vorgelegt. Da mutete der beinahe unvermeidliche Rekurs auf Queer Studies und auf das unaussprechbare Phantasieprodukt „Zwangsheteronormativität“ eher harmlos an. Ein abstoßender Porno, mit Ambient-Musik unterlegt, zeigte masturbierende Frauen, Männer beim Oralsex und an einer Stelle statt zwei Brüsten sechs. Wie originell, kann man da nur sagen! Fehlgeschlagene Geschlechtsumwandlungen thematisierte Thaemlitz als zivilisatorisches Grundmalheur. Das Ganze wurde umrahmt von unverständlichen Texten. Alles in allem kann man angesichts des allgegenwärtigen Gender- und Homosexuellen-Kults ganz sicher nicht sagen, Thaemlitz habe einen der möglichen „Gegenentwürfe zur gelebten Wirklichkeit“ (Konrad Paul Liessmann) geschaffen, was im Allgemeinen als charakteristisch für die Kunst der Moderne gilt.

    Selbst wohlwollende Betrachter der Kasseler Schau sprechen hier von Kunst, die wegbleiben kann. Besser hätte man die zumindest partielle Überflüssigkeit des Spektakels nicht demonstrieren können.