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    Aus der Unbehaustheit ausbrechen

    In seinen zwei letzten Spielfilmen „The Tree of Life“ (DT vom 16.6.2011) und „To The Wonder“ (DT vom 4.6.2013) bot Regisseur Terrence Malick eine Reflexion über das Leben und die Natur, die sich weniger auf die eigentliche Handlung des jeweiligen Films als auf das visuelle Konzept stützte. Mit durchkomponierten Bildeinstellungen und einem durchweg elliptischen Schnitt weckt der US-amerikanische Regisseur Assoziationen, die er mit einer eigenwilligen Off-Stimme verknüpft. Dabei spielt die Natur beziehungsweise das Eingreifen des Menschen in die Natur eine ebenfalls herausragende Rolle, was bereits in seinen früheren Filmen „Der schmale Grat“ (1998) und „The New World“ (2005) im Mittelpunkt gestanden hatte. All diese Elemente kehren in Malicks neuem Spielfilm „Knight of Cups“ wieder, der am Wettbewerb der diesjährigen Berlinale teilnahm und nun im regulären Kinoprogramm startet.

    Nach schnellen Vergnügungen und einer Reihe flüchtiger Bekanntschaften sehnt sich der erfolgreiche Autor Rick (Christian... Foto: Studiocanal

    In seinen zwei letzten Spielfilmen „The Tree of Life“ (DT vom 16.6.2011) und „To The Wonder“ (DT vom 4.6.2013) bot Regisseur Terrence Malick eine Reflexion über das Leben und die Natur, die sich weniger auf die eigentliche Handlung des jeweiligen Films als auf das visuelle Konzept stützte. Mit durchkomponierten Bildeinstellungen und einem durchweg elliptischen Schnitt weckt der US-amerikanische Regisseur Assoziationen, die er mit einer eigenwilligen Off-Stimme verknüpft. Dabei spielt die Natur beziehungsweise das Eingreifen des Menschen in die Natur eine ebenfalls herausragende Rolle, was bereits in seinen früheren Filmen „Der schmale Grat“ (1998) und „The New World“ (2005) im Mittelpunkt gestanden hatte. All diese Elemente kehren in Malicks neuem Spielfilm „Knight of Cups“ wieder, der am Wettbewerb der diesjährigen Berlinale teilnahm und nun im regulären Kinoprogramm startet.

    Eine Off-Stimme spricht von einer „Reise ins gelobte Land“, von der „Reise in die Ewigkeit“. „Knight of Cups“ beginnt mit einem Märchen: „Es war einmal ein junger Prinz, den sein Vater, der König des Ostens, auf der Suche nach einer Perle nach Ägypten schickte. Doch als der Prinz ankam, reichten ihm die Menschen einen vollen Becher. Nachdem er daraus getrunken hatte, vergaß er, dass er der Sohn des Königs war, vergaß die Perle und fiel in einen tiefen Schlaf.“ Nun ist er ein Pilger auf der Welt, ein Fremder. Dieses Märchen las Rick (Christian Bale) sein Vater vor, als er ein kleiner Junge war. Inzwischen ist Rick ein erfolgreicher Comedy-Autor in Santa Monica. Er fühlt sich aber wie der Prinz im Märchen, verloren nach den Verfehlungen der Vergangenheit, die ihn verfolgen. Der Tod seines Bruders Billy hängt wie ein dunkler Schatten über ihm. Sein Vater Joseph (Brian Dennehy) macht sich und seiner Umgebung deshalb Vorwürfe. Sein von Pech verfolgter Bruder Barry (Wes Bentley) zieht nach Los Angeles, um mit Ricks Hilfe seinem Glück näherzukommen.

    Auf der Suche nach der Perle des Märchens, die er trotz des Erfolgs kaum in seiner Arbeit als Autor zu finden meint, lässt sich Rick treiben. Auf einer ausschweifenden Party sagt Playboy Tonio (Antonio Banderas): „Die Welt ist ein Sumpf“. Nachdem sich Ricks Frau Nancy (Cate Blanchett) von ihm scheiden lässt, stürzt er sich in Affären. Nach mehr oder weniger flüchtigen Bekanntschaften verliebt er sich in die verheiratete Elizabeth (Natalie Portman), die aber plötzlich von einer Abtreibung spricht. So in etwa lässt sich die Handlung von „Knight of Cups“ zusammenfassen, wenn dies überhaupt als Handlung bezeichnet werden kann. Irgendwann einmal betet Ricks Vater: „Tilge unsere Sünden“. Ein Priester (Armin Müller-Stahl) spricht von Leidensaufnahme. Zuletzt flüchtet sich Rick in die Wüste auf der Suche nach Freiheit. In der Einsamkeit der Natur oder in seiner neuen Liebe zu Isabel (Isabel Lucas) könnte er endlich eine Zukunft finden, weil Isabel ihm ein neues Fenster zum Leben öffnet.

    Die Kamera von Emmanuel Lubezki fängt großartige Landschaftsbilder ein, die sich, wie bereits in den früheren, ebenfalls von Lubezki fotografierten Malick-Filmen, mit Nahaufnahmen der Gesichter abwechseln. Bilder, Musik und Off-Stimme wirken eher assoziativ. Im Unterschied zu seinen früheren Filmen stellt Terrence Malick in „Knight of Cups“ jedoch Los Angeles in den Mittelpunkt. In Ricks leerem Leben geißelt der Regisseur die Exzesse, das Glücksversprechen Hollywoods. Zwar spielt der Familienkonflikt mit seinem Vater und seinem Bruder auch eine Rolle. Im Grunde handelt aber „Knight of Cups“ von der Leere in Ricks Leben. Die Depression, die Rick trotz seines äußeren Erfolges dazu führt, sich passiv zu verhalten, sich treiben zu lassen, steht im Zusammenhang mit der Zivilisationskritik gerade an Hollywood als Paradebeispiel für einen Ort der Exzesse. Doch Ricks Verlorenheit reicht tiefer: Wie der Prinz im Märchen hat er einfach vergessen, wonach er suchte, wer er ist. Er ist sogar müde geworden, nach dem Sinn des Lebens zu suchen.

    Ist deshalb „Knight of Cups“ ein nihilistischer Film? Auch das Gegenteil könnte freilich behauptet werden. Da ist zunächst einmal das Esoterische, das sich in den Anspielungen auf den Tarot ausdrückt. Bereits der Filmtitel stammt aus der Tarotkarte „Ritter der Kelche“. Darüber hinaus verwendet Malick, um Episoden oder Figuren einzuführen, die Bezeichnung weiterer Tarotkarten („Der Gehängte“, „Der Eremit“, „Das Gericht“, „Der Turm“, „Die Hohepriesterin“, „Der Tod“), ohne dass sich allerdings der Zusammenhang erschließt. In den Bewegungen der Kamera nach oben deutet sich allerdings auch eine Suche nach Transzendenz, ja nach Gott an. Aber das Streben nach Schönheit schaut ebenfalls nach unten auf der Suche nach dem verlorenen Paradies. Ist dies auch eine Art Pantheismus?

    Mehr sogar als seine letzten Filme „The Tree of Life“ und „To The Wonder“ lässt „Knight of Cups“ dem Zuschauer viel Raum für eigene Interpretation. Hatte es in seinem letzten Film noch geheißen „Wir steigen hoch zu dem Wunder“, weil der Mensch zu Höherem berufen ist, so bleibt in „Knight of Cups“ die Sehnsucht nach unendlicher Liebe und Schönheit der rote Faden, der ihn mit „The Tree of Life“ und „To The Wonder“ vereint. Fast könnte man von einer Trilogie oder von Variationen desselben Themas sprechen, das in den letzten drei Malick-Filmen eine Art „cantus firmus“ darstellt: die bei aller Verlorenheit und Unbehaustheit starke Sehnsucht des Menschen nach Schönheit und Liebe.