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    Aus dem sozialistischem Traum erwacht

    Den Anarchos von '68 entkommen: Ulla Hahn hat ihre autobiographische Romanreihe mit dem Band „Wir werden erwartet“ abgeschlossen. Von Gerhild Heyder

    Walter Mossmann gestorben
    Der neue Roman von Ulla Hahn berührt die Atmosphäre linker Umstürzler: Hier die Studentenführer Rudi Dutschke (links) un... Foto: dpa

    Sagen Sie ihm, dass er für die Träume seiner Jugend soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird.“ Friedrich Schiller, Don Carlos, 4. Akt (Marquis von Posa)

    Da ist er nun, der von vielen sehnlich erwartete vierte autobiographische Roman der Dichterin und Schriftstellerin Ulla Hahn. Nach „Das verborgene Wort“ (2001), „Aufbruch“ (2009) und „Spiel der Zeit“ (2014) soll der Zyklus mit „Wir werden erwartet“ abgeschlossen sein.

    Man erinnere sich: „Spiel der Zeit“ (DT vom 20.12.14) endet im Jahr 1968, und hier schließt der vorliegende Band nahtlos an. Zwei große und ein kleines Kapitel benennen die entscheidenden Lebensabschnitte von Hilla Palm in den Jahren nach 1968, bis in ihr 31. Lebensjahr 1976.

    Der Tod bezeichnet den ersten Abschnitt, und tatsächlich greift dieser Unberechenbare massiv ein in das Leben der Studentin Hilla Palm. Ihr Verlobter Hugo, die große Liebe ihres Lebens, stirbt im Karneval 1970 schuldlos bei einem Verkehrsunfall, die zweite existenzielle Katastrophe im Leben der jungen Frau. Mühsam lernt sie, mit dem Unabänderlichen umzugehen. Was ihr Trost und Hilfe hätte sein können und sollen – ihr katholischer Glaube – trägt sie nicht mehr, sie rebelliert gegen die Kirche und, einschneidender noch, gegen Gott. Nicht zu ertragen vermeint sie die glücklichen Bilder der Romreise mit Hugo, die Wärme und Leichtigkeit, die vielen Kirchen in der heiligen Stadt, verstanden als Manifestation des gemeinsamen Glaubens, als wären sie nur für das junge Paar erbaut. Hilla Palm flüchtet aus dem zerbrochenen Leben in ein neues, getragen von der Ablehnung Gottes. Ein Hass, von dem ein sonderbarer Trost ausgeht, der die Leere füllt, in den der Abgrund von Hugos Tod sie gerissen hat. Sie fühlt, wie ihr aus dem Hass eine Stärke und Unverwundbarkeit erwachsen, die ihr das Weiterleben ermöglichen. Hilfsangebote vertrauter Menschen, Kontakt zu Familie und Kommilitonen wehrt sie ab.

    Aber: sie arbeitet. Hilla Palm schreibt Hugos Dissertation weiter, hält so sein Denken und damit ihn lebendig. Und lässt auch irgendwann das Gespräch mit ihrem alten Pfarrer zu, dessen Worte dann doch Eingang in ihr verhärtetes Herz finden: „Pass auf, dass dir dein Hass auf den Schöpfer nicht zum Hass auf deine Mitmenschen gerät. Dass Gott dich hasst, dazu wirst du ihn nicht bringen.“ Hilla Palm versteht, dass die Frage nach dem Sinn des Todes ihrer großen Liebe die falsche ist. Sie muss Sinn in ihrem Leben finden, denn: solange sie lebt, wird auch Hugo weiterleben.

    Sie lernt Marga kennen, eine ebenfalls katholische Studentin aus Hamburg, auch sie versehrt durch einen Schicksalsschlag ganz anderer Art: Ihr Freund erlebte nach einer gemeinsamen Romreise die Berufung zum Priester. Marga hat sich der Deutschen Kommunistischen Partei verschrieben und Hilla, auf der Suche nach Halt und Sicherheit, folgt der vermeintlichen Freundin auf dem Weg in die Partei, erst noch in Köln und später in Hamburg, wo sie ihre Dissertation beendet.

    Und nun beginnt die eigentliche Geschichte, das große Kapitel mit dem Titel „Der Kampf“, die Lebensfrage nicht nur Hilla Palms, sondern auch ihrer Schöpferin Ulla Hahn: wie konnte es dazu kommen, dass sie doch immerhin für einige Jahre Mitglied einer sowjet- und DDR-hörigen Partei wurde, sich benutzen und funktionalisieren ließ, sie, die doch immer alles intellektuell kritisch hinterfragte? Es steht zu vermuten, dass die ersten drei Bände der Tetralogie auch dazu dienten, sich diesem Lebensthema (wenn nicht gar Lebenstrauma) anzunähern, die eigenen jugendlichen Verirrungen verstehen, womöglich auch rechtfertigen zu wollen.

    Das Arbeiterkind vom Rhein drängt nach vorn, Menschen wie die Eltern sollen es einmal besser haben, in einer gerechteren Welt leben können. Doch was eigentlich zählte, war die Gemeinschaft, endlich irgendwo dazuzugehören, noch dazu bei der „guten Sache“. Auch den Bruder und dessen Freundin bringt sie „auf Linie“.

    Anfang der 1970er Jahre lebten noch viele ehemalige kommunistische Widerständler, die den Nationalsozialismus überlebt hatten, oftmals in Konzentrationslagern, die trotz schlimmster Misshandlungen niemals ihre Überzeugungen verrieten. Diesen Menschen hört sie zu, tief beeindruckt von deren Schicksalen. Sie möchte stellvertretend das bessere Deutschland aufbauen, Gedanken, die alle engagierten jungen Leute damals umtrieben, wenn auch die gemutmaßten Heilswege durchaus unterschiedlicher Natur waren.

    Maoisten und Trotzkisten, Spontis und Anarchos, KPD, KPD/ML und DKP, die Anfänge der RAF – heute ist kaum noch zu ermessen, wie erbittert die sich immer mehr zersplitternden Grüppchen einander bekämpften. Ausführlich und nicht ohne Selbstironie beschreibt die Autorin alias Hilla Palm ihren (Irr)weg von der anfänglichen Begeisterung, die fast unmerklich abflaut, wieder entfacht wird – wie sie später erfährt, durch zielgerichtete psychologische Manipulation ihrer Genossen – bis zum endgültigen Bruch mit der Partei nach einer DDR-Reise, zu der die Parteiführung der SED eingeladen hatte. Dieser Reisebericht alleine lohnt schon das Lesen, das langsame Erwachen aus dem sozialistischen Traum und die Konfrontation mit einer nicht so viel anderen Welt von Machthabern und Untergebenen, aber ohne die individuelle Freiheit des „kapitalistischen Westens“. Das ist so treffend und anschaulich geschrieben, dass man die Perfidie des Systems begreift, die Mischung aus rhetorischer Überzeugungskraft und subtilen Unterdrückungsmechanismen, die auch vor Erpressung und Verrat nicht zurückschrecken und den Betroffenen das Gefühl vermitteln, das ausschließlich sie selber Schuld an eventuellen Zweifeln tragen, weil die andere Seite immer recht hat. Grundsätzlich. „Ich war in eine Falle getappt. Und die Falle hatte zugeschnappt. Es gab nur eins: raus hier“. Und das tut sie dann auch, gibt das rote Parteibuch zurück, versteht, dass ihr Platz im Leben ist, keinen Platz zu haben und diesen dann am Schreibtisch auszufüllen. Die Literatur, die Kunst haben sie zurückgeholt, bis heute.

    Die Stelle Offenbarung 2,17 läutet das letzte Kapitel „Das Fest“ ein, eher ein mit sich selbst versöhntes Nachwort: „Dem Sieger will ich das verborgene Brot geben; auch einen weißen Stein will ich ihm geben und, auf den Stein geschrieben, einen neuen Namen, den niemand kennt als der, der ihn erhält.“

    Damit schließt sich der Kreis vom ersten bis zum letzten Band der Tetralogie, von den Wunsch- und Wutsteinen, die der geliebte Großvater mit der kleinen Hildegard am Rhein gefunden hatte, und die sie seither durch ihr Leben begleiten, nicht immer sichtbar, wohl aber vorhanden. „Lommer jonn!“ Lass uns gehen!

    Ulla Hahn: Wir werden erwartet. Deutsche Verlags-Anstalt München 2017, 640 Seiten, EUR 28,–

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