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    „Aus Tiefen eines strauchelnden Geistes“

    Es ist eine Zeit des Aufbruchs und der Auseinandersetzungen, in der Charlotte Brontë am 21. April 1816 geboren wird. Das erste Dampfschiff überquert den Ärmelkanal, die Preußische Regierung verbietet den Rheinischen Merkur, Joseph Nicephore Niepce macht die ersten Aufnahmen mit der Kamera Obscura und in Frankreich wird den Teilnehmern an der französischen Revolution die Generalamnestie gewährt.

    Stand unter sozialem Druck: Charlotte Brontë. Foto: IN

    Es ist eine Zeit des Aufbruchs und der Auseinandersetzungen, in der Charlotte Brontë am 21. April 1816 geboren wird. Das erste Dampfschiff überquert den Ärmelkanal, die Preußische Regierung verbietet den Rheinischen Merkur, Joseph Nicephore Niepce macht die ersten Aufnahmen mit der Kamera Obscura und in Frankreich wird den Teilnehmern an der französischen Revolution die Generalamnestie gewährt.

    Charlotte ist das dritte der sechs Kinder von Patrick Bronté, einem anglikanischen Pfarrer mit irischen Wurzeln und seiner Frau Maria, die ihren Geburtsnamen Branwell an ihren einzigen Sohn weitergibt. Die Familie lebt damals in Thornton westlich von Bradford, wechselt aber vier Jahre später nach Haworth, wo Patrick die Seelsorge in der Pfarrei St. Michal und alle Engel übernimmt. Der Tod von Charlottes Mutter, die 1821 ihrem Krebsleiden erliegt, bedeutet einen schweren Einschnitt für die Familie. Elisabeth Branwell, die Tante der Kinder, die nun die Erziehung übernimmt, ist eine harte Frau, streng, methodistisch und ohne jede Wärme oder Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse der fantasievollen Kinder.

    Patrick, der sich aus ärmlichen Verhältnissen heraus für ein Studium in Cambridge qualifiziert und schriftstellerische Ambitionen hat, möchte seinen Töchtern eine gute Ausbildung ermöglichen und schickt Charlotte, Emily, Maria und Elisabeth auf ein Internat für Pfarrerstöchter, Lowood School. Die Verhältnisse dort sind in jeglicher Hinsicht grausam. Die Räumlichkeiten werden kaum geheizt, die wenigen Nahrungsmittel sind oft verdorben, die strengen Lehrerinnen demütigen und schlagen die Kinder. Die beiden älteren Brontë-Töchter Maria und Elisabeth erkranken an Tuberkulose und sterben kurz nacheinander. Patrick Brontë zieht die Reißleine und holt die beiden jüngsten nach Haworth zurück. Charlotte wird nun zur mütterlichen Begleiterin der kleinen Geschwister. Alle gemeinsam suchen in Fantasiewelten Zuflucht, die sie nicht nur mündlich farbenprächtig ausmalen, sondern auch verschriftlichen. Gedichte und Geschichten entstehen in einem Ausmaß, das das Erbe der Brontë-Schwestern zum größten Jugendschriftstellerinnenoeuvre macht. Charlotte beschäftigt sich mit Literatur, wann immer die Sorge für die Geschwister es ihr erlaubt. Sie liest Milton, Shakespeare, Goldsmith, Scott, Byron, Southey und Wordworths und schult so ihre eigene Erzähltechnik. Beruflich strebt sie ein Dasein als Hauslehrerin an, träumt aber, auch dies wohl eine Verarbeitung ihrer eigenen traumatisierenden Schulerlebnisse, von der Gründung einer eigenen Schule, inseriert später sogar in einer Zeitung, um ihr Projekt zu bewerben, findet aber keine Schülerinnen. Einen Schulabschluss erwirbt die ambitionierte junge Frau als Klassenbeste innerhalb eines Jahres an der Roe Head School in Mirfield. Dort lernt sie Ellen Nussey und Mary Taylor kennen, beide werden Freundinnen fürs Leben.

    Ab 1839 arbeitet Charlotte als Gouvernante. Kein leichter Beruf, denn einer ihrer Schützlinge, John Benson Sidgwick, war schwer davon zu überzeugen, dass es gut sei, Regeln einzuhalten und bewarf seine Erzieherin während einem seiner legendären Wutanfälle mit einer Bibel. Charlotte nutzte diese wie alle anderen Erfahrungen ihres Lebens als Humus für ihre literarische Entwicklung. Die Szene mit dem Bibelwurf findet sich im Eröffnungskapitel ihres Meisterwerks „Jane Eyre“ wieder, in dem John Reed die junge Jane mit der Heiligen Schrift attackiert. 1842 finden wir Charlotte in Brüssel. Sie möchte ihren Plan umsetzen, eine eigene Schule zu gründen. Dafür aber muss sie perfekt Französisch können und meldet sich deshalb an der Schule von Constantin Héger und seiner Frau Claire Zoe Parent-Heger an. Ihre Schwester Emily begleitet sie und studiert ebenfalls in Brüssel. Beide finanzieren die Unterrichtsgebühren durch eigene Lehrtätigkeit in Englisch und Musik.

    Elisabeth muss schon im Oktober nach Haworth zurückkehren, weil Elisabeth Branwell gestorben ist und sie nun die Sorge für die Familie übernimmt. Charlotte nutzt ihre Chance, allein an den Studienort zurückzukehren, schlecht. Sie verliebt sich in Héger, seine Frau ist not amused und die hoffnungsvolle junge Lehrerin muss die Schule verlassen. Zurück in Haworth widmet sie sich gemeinsam mit ihren Schwestern dem Schreiben. Doch der Gedichtband, den die drei 1846 publizieren, wird nur zweimal verkauft und auch das Manuskript von Charlottes erstem Roman, The Professor, wird nicht akzeptiert. Sie erhält aber einen durchaus ermutigenden Brief des Verlegers, der das Talent der jungen Frau, die unter dem männlichen Pseudonym Currer Bell schreibt, erkennt. Charlotte reagiert prompt, übersendet ein zweites Manuskript, „Jane Eyre: An Autobiography“. Diesmal hat sie Erfolg.

    Der Roman wird publiziert und bringt umgehend auch finanziellen Ertrag. G. H. Lewis schreibt über das Werk, es sei das Raunen aus den Tiefen eines strauchelnden, leidenden, viel erduldenden Geistes. Und in der Tat verarbeitet die junge Frau hier vieles von dem, was sie selbst erlebt hat. Ihre Schwestern profitieren von dem Erfolg Charlottes. Das Pseudonym bleibt nicht lange unentdeckt und die Brontë-Schwestern segeln nun im Windschatten des Erfolgs von „Jane Eyre“ und „Emily“ veröffentlicht „Wuthering Heights“ und „Agnes Grey“. Doch Charlottes Leben bleibt dunkel und schicksalhaft.

    Als sie 1848 an ihrem zweiten Roman, Shirley, arbeitet, sterben drei Mitglieder der Familie, der alkohol- und opiumabhängige Branwell, Emily und Anne innerhalb von acht Monaten. Charlotte ist wie gelähmt durch diese rasche Folge tiefgreifender Verluste. Doch wieder wird ihr das Schreiben zum rettenden Anker. Der in der dritten Person geschriebene Roman Shirley wird vollendet. Er ist weniger direkt, distanzierter und vermeidet die schockierenden konfrontativen Szenen ihres Erstlings – ein Versuch, die eigene Trauer auf Abstand zu halten.

    Brontës Erfolg zwingt sie, sich des Öfteren in London aufzuhalten, wo sie auch Freundschaften schließt, so etwa mit Harriet Martineau, Elisabeth Gaskell, ihrer späteren Biografin und William Makepeace. Doch wann immer es möglich ist, zieht sie sich in die Einsamkeit nach Haworth zurück, auch, um für ihren älter werdenden Vater da zu sein. Villette, ihr dritter Roman, erscheint 1853. Hier thematisiert sie, was sie selbst am meisten beschäftigt: ihre Einsamkeit, den sozialen Druck, der einer Frau, was in ihrer Zeit anfänglich kritisiert wird, ein Leben mit vielfältigen verpflichtenden Bindungen nahelegt. Thematisch verarbeitet sie in diesem Roman ihre Zeit in Brüssel, die Protagonistin erlebt ein fremdes Land, eine andere Religion und verliebt sich in einen unerreichbaren, weil verheirateten Mann. Bemerkenswert ist, dass die Kritiker vor allem die unweiblichen Sehnsüchte der Heldin des Romans kritisieren und so Brontës eigene Kritik bestätigen. Ist es ein Widerspruch, dass Charlotte gerade in dieser Zeit einen Heiratsantrag des Hilfspfarrers ihres Vaters erhält und ihn annimmt? Ihre Freundin und Biografin Gaskell ermutigt sie zu diesem Schritt, doch Charlotte selbst scheint in der Ehe nicht glücklich geworden zu sein. Sie fühlt sich zerrieben zwischen den Bedürfnissen von nun zwei Männern, für die sie zu sorgen hat, eingeschränkt in ihrer schriftstellerischen Tätigkeit und als sie, schwanger, erkrankt, verweigert sie eine adäquate Behandlung und stirbt schließlich im Alter von nur 38 Jahren im Jahr 1855.

    Die Biografie Gaskells erscheint nur zwei Jahre später und zeigt deutlich, welches Ansehen die Schriftstellerin genossen hat, ist sie doch die erste bekannte biografische Würdigung einer Autorin. Sie ähnelt in mancherlei Hinsicht einer Heiligenvita, zeigt sie Charlotte doch als idealtypisierte engelsgleiche Frau und hält dem Faktencheck nicht immer stand. Dass Patrick Brontë seinen Kindern verbat, Fleisch zu essen, wird durch Tagebucheinträge Charlottes widerlegt, in denen sie berichtet, wie sie Stew kochte, die Liebe zu Constantin Héger wird in der Biografie ebenso den Erfordernissen des Zeitgeistes angepasst. Doch die am 29. July 1913 von der Times veröffentlichten, vom Adressaten übrigens unbeantworteten Briefe Charlottes sprechen hier eine andere Sprache. Brontë ist nicht nur eine bedeutende Autorin des 19. Jahrhundert, sie ist in ihrem Facettenreichtum und den Tiefenschichten ihrer Schilderungen immer noch eine zu entdeckende.