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    Auferstehung der Toten

    Als Kind liebte ich diesen Passus des Credo besonders, weil ich ihn instinktiv mit der Hl. Beichte und mit dem verklärten Leib Christi auf dem Berg Tabor verband. Da ich mir die Seele als eine Art weißes Leintuch vorstellte, das querschnittig im Körper ausgespannt ist und durch meine Sünden verdreckt wird, verließ ich nach erfolgtem Sündenbekenntnis, größtmöglicher Reue, verrichteter Buße und empfangener Absolution mit vor Glück geschwellter Brust die Kirche und strahlte jeden Menschen, der mir begegnete, an. Zu dieser Zeit gab es eine Waschmittelwerbung mit gleißendem Weiß und dem Slogan „nichts wäscht weißer als ...“. Ja, so in etwa empfand ich den Menschen im Stande der heiligmachenden Gnade und so stellte ich mir auch die Auferstehung von den Toten vor, nicht bedenkend, dass ich ja auch zu denen gehören könnte, die nicht zum himmlischen Hochzeitsmahl zugelassen werden. Der Tod war mir unheimlich, die Auferstehung der Inbegriff von Schönheit und Glück.

    „Mit Leib und Seele bei Gott“: Ausschnitt des „Jüngsten Gerichts“ von Michelangelo. Foto: IN

    Als Kind liebte ich diesen Passus des Credo besonders, weil ich ihn instinktiv mit der Hl. Beichte und mit dem verklärten Leib Christi auf dem Berg Tabor verband. Da ich mir die Seele als eine Art weißes Leintuch vorstellte, das querschnittig im Körper ausgespannt ist und durch meine Sünden verdreckt wird, verließ ich nach erfolgtem Sündenbekenntnis, größtmöglicher Reue, verrichteter Buße und empfangener Absolution mit vor Glück geschwellter Brust die Kirche und strahlte jeden Menschen, der mir begegnete, an. Zu dieser Zeit gab es eine Waschmittelwerbung mit gleißendem Weiß und dem Slogan „nichts wäscht weißer als ...“. Ja, so in etwa empfand ich den Menschen im Stande der heiligmachenden Gnade und so stellte ich mir auch die Auferstehung von den Toten vor, nicht bedenkend, dass ich ja auch zu denen gehören könnte, die nicht zum himmlischen Hochzeitsmahl zugelassen werden. Der Tod war mir unheimlich, die Auferstehung der Inbegriff von Schönheit und Glück.

    Dann gab es für längere Zeit keine Beichte, keine Hl. Messe, kein Sündenbewusstsein mehr und damit auch keinen Gedanken an die Auferstehung der Toten. Die Horizontale sollte ohne die Vertikale, also ohne das Kreuz, von Leid, Krankheit, Not geheilt werden. Was aus dieser Verheißung dann an Elend in die Welt gekommen ist, ist bekannt. Auferstehung wurde nur noch betrachtet als infame Vertröstung und Ablenkung von den Aufgaben des Diesseits im Interesse derer, die Macht besitzen. Berüchtigt das Wort des protestantischen Theologen Oskar Cullmann: „... ,Die Unsterblichkeit der Seele'. In dieser Form ist diese Meinung eines der größten Missverständnisse des Christentums.“ Jahre später verschwanden die Gedanken über die Auferstehung der Toten in einer wachsenden Dankbarkeit und Liebe zu dem rettenden und bergenden Gott; so sicher war ich mir, dass ich mich schon – zumindest etwas – auferstanden empfand, auferweckt aus der hochtrabenden Gottvergessenheit. Erst als mir bei einem Gespräch ein Kollege den Vorwurf machte, wir Katholiken würden einmal von der Unsterblichkeit der Seele sprechen, dann wieder von der Auferstehung des Leibes, dann wieder von einer Auferstehung schon jetzt, begann ich, die Katechismen zu durchstöbern und theologische Traktate auch außerhalb der katholischen Kirche zu studieren – es war recht „voller Komplexion“, wie Tschechow sagen lassen würde.

    Ist die Seele nun getrennt vom Leib, was geschieht in der „Zeit“ zwischen dem persönlichen Tod und der Auferweckung durch den Heiland am Ende der Zeiten und was wird da eigentlich auferweckt? Auffällig war mir, dass in vielen neueren, insbesondere protestantischen theologischen Einlassungen von der Unsterblichkeit der Seele und des Leibes fast gar nicht mehr die Rede war, dass in vielen Osterpredigten Auferstehung als Ermutigung im Alltagsleben verkündet wurde, nicht klein beizugeben. Vom ewigen Leben kaum ein Wort. Nun war aber offensichtlich, dass eine derartige Profanierung weder mit dem Evangelium noch mit der Tradition der katholischen Kirche zu vereinbaren war. Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass an dieser Frage alles hängt. Gibt es dieses ewige Leben nicht oder wird aufgrund einer Gnadenhypertrophie die Beteiligung der Person am Heilsgeschehen verworfen, ist alles, das ganze Leben, auf das Nichts zulaufend und also sinnlos. Die entscheidenden, lösenden Worte kamen, wie so oft in meinem Leben von unserem Heiligen Vater, vormals Kardinal Ratzinger. Er weist darauf hin, dass Christus als der auferstandene Kyrios der Ort unseres unzerstörbaren Lebens (ist) und nach keinem anderen Ort braucht gefragt und gesucht zu werden“. Der sterbende Herr sagt zum rechten Schächer: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!“ Später betet der Hl. Stephanus, der erste Märtyrer: „Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!“ Also, der Herr selbst ist das Paradies, in das hinein unser Leben aufgehoben ist. Mit Leib und Seele sind wir bei unserem Gott, nicht als Teile, sondern ganz, als die jeweilige, unverwechselbare Person.

    Dass nicht jeder Pickel, jede Runzel, jeder Fersensporn auferweckt wird, scheint mir ziemlich sicher zu sein. „Wahrheit und Gerechtigkeit sind nicht nur Ideen, sie sind. Anders ausgedrückt: Gott i s t. Darin aber ist im Grunde die Unsterblichkeit mitausgesagt. Denn Gott ist ein Gott der Lebenden. Im Gottesbegriff ist nach meinem Dafürhalten die Unvergänglichkeit des Menschen bereits eingeschlossen. Denn ein Geschöpf, das der ansieht und liebt, der Ewigkeit ist, hat damit Anteil an der Ewigkeit. Wie man dies dann genau formulieren oder gar wie man es sich vorstellen soll, sind letztlich sekundäre, wenn auch keineswegs unwichtige Fragen ... Vor allem geht es in keinem Fall darum, Schilderungen des Jenseits zu gewinnen und so den Raum unserer Neugier auszuweiten. In seinem Kern ist das Bekenntnis zur Unsterblichkeit nichts anderes als ein Bekenntnis dazu, dass Gott wirklich ist.“ Ach, wie herrlich, dass ich meinen so schönen Kinderglauben nicht nur nicht auf den Misthaufen schmeißen muss, sondern ihn mit gereifter Begeisterung leben kann.