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    Auf der Suche nach der eigenen Erinnerung

    Ein U-Bahn-Tunnel: Mitten auf den Gleisen wacht ein Jugendlicher (David Kross) auf. Völlig desorientiert, kann er sich nicht einmal an seinen Namen erinnern. Auf dem U-Bahnhof hört er, wie ein Polizist ihn als „die gesuchte Person“ bezeichnet, und rennt einfach weg. Eine Visitenkarte in seiner Hosentasche führt ihn in ein Restaurant, wo ein Kellner ihn wiedererkennt: Er sei vor ein paar Stunden mit Freunden hier gewesen. Von einem inneren Antrieb geleitet, entdeckt er auf der Toilette ein kleines Notizbuch: „Ich schreibe das für den Fall, dass ich mich so wie die anderen an nichts mehr erinnern kann. Fass an dein Jochbein. Fühlst du da was? Wenn ja, bist du der Richtige. Das an deinem Jochbein ist eine Metallplatte. Die hast du seit einem Unfall. Besser gesagt; Die habe ich seit einem Unfall. Denn ich bin du.“ So erfährt der junge Mann, dass er Sam heißt.

    Sam (David Kross) und Lara (Emilia Schüle) nehmen am Resozialisierungs-Programm „Kooperation X“ teil. Bald stellen sie a... Foto: Koch Media

    Ein U-Bahn-Tunnel: Mitten auf den Gleisen wacht ein Jugendlicher (David Kross) auf. Völlig desorientiert, kann er sich nicht einmal an seinen Namen erinnern. Auf dem U-Bahnhof hört er, wie ein Polizist ihn als „die gesuchte Person“ bezeichnet, und rennt einfach weg. Eine Visitenkarte in seiner Hosentasche führt ihn in ein Restaurant, wo ein Kellner ihn wiedererkennt: Er sei vor ein paar Stunden mit Freunden hier gewesen. Von einem inneren Antrieb geleitet, entdeckt er auf der Toilette ein kleines Notizbuch: „Ich schreibe das für den Fall, dass ich mich so wie die anderen an nichts mehr erinnern kann. Fass an dein Jochbein. Fühlst du da was? Wenn ja, bist du der Richtige. Das an deinem Jochbein ist eine Metallplatte. Die hast du seit einem Unfall. Besser gesagt; Die habe ich seit einem Unfall. Denn ich bin du.“ So erfährt der junge Mann, dass er Sam heißt.

    Der Film ist eine Dystopie für ein jugendliches Publikum

    Als Sam das Tagebuch zu lesen anfängt, taucht in dem Lokal unvermittelt eine junge Frau namens Lara (Emilia Schüle) auf. Sie trägt die gleiche dunkle Kleidung wie er. Wie Sam hat Lara auch die gleiche Brandwunde in der linken Handfläche. Erinnern kann sich Lara ebenso wenig an die Vergangenheit. Sie weiß allerdings, dass Sam wegen Mordes gesucht wird. Denn in den Nachrichten läuft den ganzen Tag die Meldung vom gewaltsamen Tod von Thomas Fredersen (Jörg Hartmann) zusammen mit einer Aufzeichnung der Überwachungskameras, auf der Fredersens Mörder zu sehen sein soll: Sam! Gemeinsam mit Lara, mit deren Schicksal sein eigenes verbunden zu sein scheint, begibt sich Sam auf eine Reise in die im Tagebuch festgehaltene Vergangenheit. Und damit eröffnen Regisseur Özgür Yildirim und seine Mit-Drehbuchautoren Philipp Delmaar und Marco van Geffen eine zweite Zeitebene. Fortan erzählt ihr auf dem gleichnamigen Jugendbuch der niederländischen Autorin Mirjam Mous basierender Spielfilm „Boy 7“ auf den zwei Zeitebenen.

    Die lange Rückblende klärt den Zuschauer darüber auf, wie Sam als Schüler ein Computergenie war, was ihm aber zum Verhängnis wurde: Als er sich für eine Schülerin in den Schulrechner einhackte, wurde er erwischt. Sam bekam zwei Monate Resozialisierung in einer Anstalt namens „Kooperation X“ – der Name, der auf dem schwarzen Einband seines Tagebuchs steht. Bei seiner Ankunft erläutert ihm der freundliche Direktor Thomas Fredersen, dass bei „Kooperation X“ jeder individuell gefördert werde, damit er nach der Resozialisierung an „einen guten Arbeitgeber vermittelt wird“. Wie alle andern bekommt Sam eine Nummer. Jetzt heißt er nur noch „Nummer 7“. Bald fällt ihm „Nummer 8“ auf, die keine andere als Lara ist. Das aufmüpfige Mädchen legt sich sogar mit Fredersens rechter Hand Isaak (Jens Harzer) an, der vor allem für den Drill der Jugendlichen zuständig ist. Bald entdeckt Sam, dass sich hinter der freundlichen „Resozialisierungs“-Fassade Menschenexperimente mit kriminellen Absichten verbergen. Er muss hier weg und mit ihm das Tagebuch, in dem er die Beweise aufgezeichnet hat.

    „Boy 7“ erinnert unter vielen Aspekten an Teri Terrys 2012–2014 erschienene „Gelöscht“-Trilogie. Denn „Gelöscht“ (Original „Slated“) handelt von einer 16-Jährigen, die nachdem sie straffällig geworden war, dadurch resozialisiert werden soll, dass ihr das Gedächtnis ausgelöscht wird. Yildirims Film reiht sich aber darüber hinaus in die Riege dystopischer Erzählungen mit Jugendlichen als Protagonisten ein. Prominentestes Beispiel dafür ist die Trilogie „Die Tribute von Panem“ („The Hunger Games“) von Suzanne Collins, deren Hauptfigur die zu Beginn der Handlung ebenso 16-jährige Katniss Everdeen ist. Gibt Teri Terry ein genaues Datum für den Beginn der Handlung in „Gelöscht“ an, das Jahr 2054, so spielen sich die anderen dystopischen Entwürfe in einer nicht näher definierten Zukunft ab. All diesen Jugendliteratur-Beststellern und deren Verfilmungen – von Lois Lowrys „Hüter der Erinnerung“ („The Giver“) über „Die Bestimmung – Divergent“ von Veronica Roth, und „Maze Runner“ (deutscher Romantitel: „Die Auserwählten – Im Labyrinth“) von James Dashner bis Stephenie Meyers „Seelen“ („The Host“) – ist eines gemeinsam: Sie zeichnen eine düstere Zukunft mit totalitären Zügen, weshalb die Romane einen sozialkritischen Charakter besitzen. Besonders bemerkenswert: Mit Ausnahme des Anfang der 90er Jahre erschienenen „The Giver“ von Lois Lowry sind sie alle in den letzten Jahren veröffentlicht und verfilmt worden, wobei selbst die Filmadaption von „The Giver“ erst aus dem Jahre 2014 stammt.

    Düstere Zukunftsaussichten kennt das Kino schon lange. Dass sich diese Dystopien an ein jugendliches Publikum richten, ist neu. Zu diesem Subgenre gehört nun denn auch „Boy 7“. Zwar machen die Genrekonventionen und eine allzu deutliche Gut-Böse-Verteilung Yildirims Film vorhersehbar. Seine Inszenierung gleicht aber einiges wieder aus: Eine bewegliche Kameraführung mit ausgefallenen Blickwinkeln zeugt davon, dass deutsche Genrefilme den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchen. Zwar erreicht „Boy 7“ nicht die atmosphärische Dichte des letztjährigen deutschen Genrefilms schlechthin „Who Am I – Kein System ist sicher“ (DT vom 27. September 2014). Aber die Verknüpfung aus Science Fiction und Thriller ist dem Regisseur weitgehend gelungen. Daran haben die Hauptdarsteller großen Anteil: David Kross überzeugt als verunsicherter Jugendlicher genauso wie Emilia Schüle als hyperaktive Rebellin.

    Weil solche Zukunftsvisionen heutige Verhältnisse in die Zukunft projizieren, stellt „Boy 7“ ebenso sozialkritische Fragen wie etwa auch die anderen Romane und Filme des Genres.