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    Auf der Suche nach der Entstehung eines Filmes

    Bereits der Vorspann von Gordian Mauggs „Fritz Lang“ verdeutlicht, worum es ihm geht: Nicht so sehr um die Filmbiografie des berühmten Regisseurs, sondern um die Entstehung seines ersten Tonfilms, „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931), der 2008 von „Cahiers du cinéma“ auf Platz 6 unter den 100 „besten Filmen aller Zeiten“ aufgeführt wurde. Denn noch vor dem Vorspann ist ein Pfeifen mit „In der Halle des Bergkönigs“ aus Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite 2 zu hören, die charakteristische Melodie, die der Mörder in Fritz Langs Film von 1931 immer wieder pfeift, wenn er sich ein neues Opfer ausgesucht hat, und die ihn letztendlich verraten wird. In der ersten Szene erzählt der Serienmörder Peter Kürten (Samuel Finzi) einem Arzt in aller Ruhe von seinem Mord an einer Frau. Darauf folgt der eigentliche Vorspann mit dem Lied „Im Feld des Morgens Früh“ von Ludwig Bauer, gesungen vom Mörder.

    Die Verknüpfung von Spielszenen – Heino Ferch als Fritz Lang im Vordergrund – mit Filmausschnitten aus „M“ – Inge Landgu... Foto: W-film

    Bereits der Vorspann von Gordian Mauggs „Fritz Lang“ verdeutlicht, worum es ihm geht: Nicht so sehr um die Filmbiografie des berühmten Regisseurs, sondern um die Entstehung seines ersten Tonfilms, „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931), der 2008 von „Cahiers du cinéma“ auf Platz 6 unter den 100 „besten Filmen aller Zeiten“ aufgeführt wurde. Denn noch vor dem Vorspann ist ein Pfeifen mit „In der Halle des Bergkönigs“ aus Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite 2 zu hören, die charakteristische Melodie, die der Mörder in Fritz Langs Film von 1931 immer wieder pfeift, wenn er sich ein neues Opfer ausgesucht hat, und die ihn letztendlich verraten wird. In der ersten Szene erzählt der Serienmörder Peter Kürten (Samuel Finzi) einem Arzt in aller Ruhe von seinem Mord an einer Frau. Darauf folgt der eigentliche Vorspann mit dem Lied „Im Feld des Morgens Früh“ von Ludwig Bauer, gesungen vom Mörder.

    Nach dessen Aussage „Dann bin ich ins Kino gegangen“ wendet sich Mauggs Film seiner eigentlichen Hauptfigur zu: Im Kino läuft eine Wochenschau über Fritz Lang. Darin wird über zwei seiner bekanntesten Filme aus der Stummfilmzeit „Die Nibelungen“ (1924) und „Metropolis“ (1927) sowie über den damals aktuellen Kinofilm „Frau im Mond“ (1929) berichtet. Die Wochenschau endet mit einer Frage: Andere Filmregisseure hätten bereits Tonfilme gedreht. „Wird sich Fritz Lang auch in dieser neuen Kunstform beweisen können?“ Der von Heino Ferch dargestellte Fritz Lang, den Gordian Maugg präsentiert, zeigt sich in Gesellschaft geradezu aristokratisch selbstbewusst. In Wirklichkeit befindet sich der Regisseur in einer Krise – genauso wie das ganze Land. Dokumentarbilder aus den beginnenden 1930er Jahren, die in „Fritz Lang“ eingestreut werden, zeigen etwa Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und den erstarkenden Nationalsozialisten. Die Weltwirtschaftskrise hat auch Deutschland erfasst. Einen ersten Hinweis darauf gibt bereits die erwähnte Wochenschau: Bei den Dreharbeiten für „Metropolis“ befänden sich unter den Komparsen etwa 5 000 Arbeitslose.

    Bei Fritz Lang scheint die Krise nicht so sehr finanzieller Art, obwohl er mit „Metropolis“ Millionen verloren hat. Nein, es handelt sich um eine künstlerische Krise: Nach den aufwändigen Massenfilmen – die er „Schinken“ nennt – möchte sich der Regisseur dem Menschen zuwenden, tiefer in die Psychologie der Figuren eindringen. Zwar dringen sowohl der Produzent als auch seine (noch)-Ehefrau und Mit-Drehbuchautorin Thea von Harbou (Johanna Gastdorf) auf ein baldiges neues Drehbuch, aber Fritz Lang will sich Zeit lassen. Bis er auf eine Zeitungsüberschrift stößt: „Die Bestie von Düsseldorf hat wieder zugeschlagen“. Lang wittert darin die Geschichte für seinen nächsten Film und reist unverzüglich nach Düsseldorf.

    Das Drehbuch von Regisseur Gordian Maugg und seinem Mit-Autor Alexander Häusser verwebt die Geschichte der zwei Männer, des Regisseurs Fritz Lang und des Triebtäters Peter Kürten, miteinander. Zwar weckt „Fritz Lang“ den Eindruck eines Dokumentarspiels oder Dokudramas, weil mit der Spielhandlung Dokumentarbilder beispielsweise aus dem Landesarchiv Nordrhein-Westfalen („Peter Kürten Originaldokumente“) oder aus dem Dokumentarfilm „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) von Walter Ruttmann sowie Filmausschnitte aus „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ verknüpft werden. Gordian Mauggs Film ist jedoch eher ein auf wahren Tatsachen beruhender Thriller, der im vier-mal-drei-Kinoformat der damaligen Zeit, in expressionistischen Schwarz-Weiß-Bildern und mit kriminalistischem Gespür die Vorgeschichte des ersten Tonfilmes von Fritz Lang größtenteils fiktiv nachzeichnet.

    Fiktiv sind mit Sicherheit Langs Besuche bei Peter Kürten im Gefängnis. Als der Triebtäter gefasst wurde – in Gordian Mauggs Film geschieht dies genau in der Filmmitte – war das Drehbuch von Thea von Harbou und Fritz Lang für „M“ bereits fertig. Aber nicht nur Peter Kürten diente als Inspiration für den in Langs Film von Peter Lorre dargestellten Mörder Hans Beckert. Das von Kürten ermordete kleine Mädchen Gertrud war ebenso Vorbild für Elsie Beckmann wie der bekannte Kriminalrat Ernst Gennat (Thomas Thieme) für Kriminalkommissar Karl Lohmann in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Offen lässt „Fritz Lang“ allerdings die Frage, wie die erste Frau des Regisseurs, Elisabeth Lang, im September 1920 ums Leben kam. Laut der offiziellen Version nahm sie sich spontan das Leben, nachdem sie Zeugin der Affäre ihres Mannes mit Thea von Harbou geworden war.

    Abgesehen von der hervorragenden, teilweise an den Expressionismus, teilweise an den „Film noir“ angelehnten Kameraarbeit von Lutz Reitemeier sticht in „Fritz Lang“ der Schnitt, die Montage hervor. Die Verknüpfung von Originalbildern und Spielszenen gelingt geradezu atemberaubend, nicht nur, wenn Heino Ferch als Fritz Lang in eine Szene von „M“ hineingeschnitten wird, sondern etwa auch, wenn eine Zugfahrt aus einer perfekten Verschmelzung von Originalbildern aus der Zeit und einer Spielszene besteht.

    Gordian Maugg inszeniert „Fritz Lang“ als Mischung aus Kriminalstück, bei dem der österreichisch-deutsche Regisseur mit Unterstützung von Kriminalrat Gennat aktiv an den Ermittlungen im Falle Peter Kürten teilnimmt, und Psychogramm von Fritz Lang an einem Wendepunkt in seiner Karriere, aber auch in seinem Leben, da die Scheidung von Thea von Harbou bevorsteht.

    „Fritz Lang“, Regie: Gordian Maugg,

    100 Min., DVD-EAN: 4250128417921. EUR 16,99