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    Auf der Suche nach dem Urklang der Schöpfung

    György Ligeti, dessen Todestag sich am 12. Juni zum zehnten Mal jährt und der vor 50 Jahren nach dem Ende des Ungarnaufstandes mit seiner späteren Frau Veronika Spitz nach Wien floh, ist ein exzeptioneller und zugleich nicht festlegbarer Tonkünstler. Das Fließende des Klanges zum Thema zu machen, der vollkommenen Verwischung und der Überlagerung verschiedenster rhythmischer Strukturen und ihrer Zusammenführung zu einer homogenen Klangmasse den Vorzug vor der Rückkehr zu helleren, diatonischen Klangkonstruktionen zu geben, wie er es in einem Gespräch mit Péter Várnai formulierte, war das Lebensthema des in Ungarn geborenen und aufgewachsenen Komponisten.

    Komponist György Ligeti gestorben
    Der Komponist György Ligeti. Foto: dpa

    György Ligeti, dessen Todestag sich am 12. Juni zum zehnten Mal jährt und der vor 50 Jahren nach dem Ende des Ungarnaufstandes mit seiner späteren Frau Veronika Spitz nach Wien floh, ist ein exzeptioneller und zugleich nicht festlegbarer Tonkünstler. Das Fließende des Klanges zum Thema zu machen, der vollkommenen Verwischung und der Überlagerung verschiedenster rhythmischer Strukturen und ihrer Zusammenführung zu einer homogenen Klangmasse den Vorzug vor der Rückkehr zu helleren, diatonischen Klangkonstruktionen zu geben, wie er es in einem Gespräch mit Péter Várnai formulierte, war das Lebensthema des in Ungarn geborenen und aufgewachsenen Komponisten.

    Die Eltern Ligetis waren jüdischer Herkunft, wenngleich weder gläubig noch praktizierend. Dennoch beeinflusste das religiöse Erbe seiner Familie Ligetis Lebensweg radikal. Sein Studienwunsch Mathematik und Physik wurde György 1941 aufgrund seiner jüdischen Herkunft verweigert, sein im Ersten Weltkrieg hochdekorierter Vater wurde im April 1945 im Konzentrationslager Bergen Belsen ermordet. Bei Ferenc Farkas am Konservatorium von Cluj die Fächer Orgel und Musiktheorie zu studieren, war also zunächst die zweite Wahl. Das Interesse für Strukturen, die Mathematik und Musik gleichermaßen prägen aber blieb, ebenso wie die Liebe zur Theorie, die Ligeti als Lehrer für Harmonielehre, Kontrapunkt und Musikanalyse in Budapest seinen Studenten weitergab.

    Als Komponist arbeitete er zunächst für die Schublade, eine Ehre, wie er in einem Begleittext zur Einspielung seiner Werke 2010 bekräftigte. Denn im kommunistisch regierten Ungarn wurde billige Massenkunst präferiert, flach-wohltönender sozialistischer Realismus. Seine komplexen Klangflächen entstanden „in der kaum vorhandenen Freizeit“. Klanglich orientierte Ligeti sich zunächst an seinem Landsmann Béla Bartók und widmete ihm seine Klavierstücke Musica Ricercata, die zwischen 1951 und 1953 entstanden und von Musikwissenschaftlern gern mit Bartoks Mikrokosmos in Beziehung gesetzt werden. Die ungarischen Behörden verboten deren zehntes Stück prompt, weil es zu intelligent, Verzeihung, zu dekadent war. Ligetis erste im Exils entstandene Werke sind von seiner Beschäftigung mit der elektronischen Musik geprägt. Doch seine stete Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen ließ ihn nicht in diesem Segment stehenbleiben. Von serieller Musik setzte er sich ab, sie war ihm zu festgelegt, zu unlebendig. Ihr setzte er seine Klangflächenkomposition entgegen, die in der elektronischen Musik wurzelt, aber über deren ureigene Begrenzungen hinausgeht.

    Ligeti bevorzugte letztlich die von lebendigen Stimmen und von Menschen gespielten Instrumenten gewebten Klangflächen, deren Konstruktionsprinzip auf der Mikropolyphonie basiert, der Verflechtung vieler Stimmen auf engstem Raum. Das Ergebnis ist in vielen Werken ein scheinbar unbewegtes Klangbild, dessen Texturen sich dennoch ständig wandeln. Ligeti selbst beschreibt dieses Kompositionsprinzip anhand seines Werkes Atmospheres: „Das ist eine Musik, die den Eindruck erweckt, als ob sie kontinuierlich dahinströmen würde, als ob sie keinen Anfang hätte, auch kein Ende; was wir hören, ist eigentlich ein Ausschnitt von etwas, das schon immer angefangen hat und noch immer weiterklingen wird.“

    Ligetis Suche nach dem Urklang der Schöpfung, der sich hinter seiner Beschäftigung mit komplex konstruierten Klangflächen und der Struktur afrikanischer Kulturen jenseits der Sahara verbirgt, aus denen er analog zu Maurits Eschers „unmöglichen perspektivischen Gestalten“ „illusionäre melodisch-rhythmische Konfigurationen“ schuf, in denen in der Kombination der Obertonreihen auch hörbar war, was gar nicht gespielt wurde, verbirgt sich letztlich eine Spiegelung der Harmonie des Kosmos hinein in die irdische Wirklichkeit.