• aktualisiert:

    Auf der Deponie der Erdgeschichte entsorgt

    Die Aussage, der Mensch sei Person, gilt als Markenzeichen christlicher Weltanschauung. Wenngleich diese fundamentale Definition erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren charakteristischen Stellenwert erhalten hat, besteht an der substanziellen Bedeutung kein Zweifel. Unter dem Begriff „Personalismus“ sind im Laufe der christlichen Geistesgeschichte viele Konzepte vorgestellt worden. Quintessenziell sind – in Anlehnung an Heinrich Schmidinger – zu nennen: die Fähigkeit des Menschen, seine Identität frei bestimmen zu können; der Mensch lebt in seiner unverwechselbaren Einzigartigkeit; Selbstbestimmung und Autonomie bestehen nur in Bezug auf das konkrete „Du“ des Anderen; die Erfüllung der personalen Existenz ist nicht ohne die Relation zu Gott zu erreichen als den, der unser Leben trägt. Diese allgemeinen Vorgaben sind von herausragenden Theologen konkretisiert worden. Stellvertretend sind Theodor Steinbüchel, Romano Guardini, Karl Rahner und Jacques Maritain zu nennen. In diversen kirchenamtlichen Stellungnahmen – zentral in den Sozialenzykliken „Mater et magistra“ und „Pacem in terris“ – sind personalistische Einflüsse unübersehbar.

    Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas
    Ist der Mensch vollständig messbar? Dann wäre es um die Freiheit geschehen. Foto: dpa

    Die Aussage, der Mensch sei Person, gilt als Markenzeichen christlicher Weltanschauung. Wenngleich diese fundamentale Definition erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren charakteristischen Stellenwert erhalten hat, besteht an der substanziellen Bedeutung kein Zweifel. Unter dem Begriff „Personalismus“ sind im Laufe der christlichen Geistesgeschichte viele Konzepte vorgestellt worden. Quintessenziell sind – in Anlehnung an Heinrich Schmidinger – zu nennen: die Fähigkeit des Menschen, seine Identität frei bestimmen zu können; der Mensch lebt in seiner unverwechselbaren Einzigartigkeit; Selbstbestimmung und Autonomie bestehen nur in Bezug auf das konkrete „Du“ des Anderen; die Erfüllung der personalen Existenz ist nicht ohne die Relation zu Gott zu erreichen als den, der unser Leben trägt. Diese allgemeinen Vorgaben sind von herausragenden Theologen konkretisiert worden. Stellvertretend sind Theodor Steinbüchel, Romano Guardini, Karl Rahner und Jacques Maritain zu nennen. In diversen kirchenamtlichen Stellungnahmen – zentral in den Sozialenzykliken „Mater et magistra“ und „Pacem in terris“ – sind personalistische Einflüsse unübersehbar.

    Der Kampf um Inhalte des Personalismus ist nicht neu. Doch nicht nur Vertreter der Postmoderne, die nach etlichen Jahrzehnten Debatte kaum noch Innovatives zur kulturwissenschaftlichen Gegenwartskontroverse beitragen können, schießen scharf auf das personalistische Erbe; heute sind es vor allem die Nachkommen des Szientismus und Naturalismus, die in die gleiche Kerbe schlagen.

    Spätestens seit dem 19. Jahrhundert sind naturwissenschaftliches Denken und naturalistische Deutung die entscheidenden Generatoren der Weltbilder. An erster Stelle ist das Denken Charles Darwins anzuführen, das unzählige populärwissenschaftliche Abwandlungen erfuhr. Stellvertretend hierfür sind die Arbeiten des Zoologen und Freidenkers Ernst Haeckel und die Thomas Huxleys zu erwähnen. Weitere innerweltliche Totalitätsansprüche auf wissenschaftlich-materialistischer Grundlage stammen von Karl Marx, Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche, um nur die Prominentesten zu nennen.

    Auf den Schultern solcher Riesen steht der weltweit rezipierte israelische Gegenwartsautor Yuval Noah Harari, der den Menschen als „Black Box“ betrachtet. In seinem Buch „Homo Deus“, dem Nachfolger des Erfolgstitels „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, vertritt er mitunter plausible Thesen. So lässt sich belegen, dass die traditionellen Geißeln der Menschheit (tödliche Krankheiten, Kriege, Hunger) tendenziell eingedämmt werden konnten. Die von ihm untermauerte Entkopplung von Bewusstsein und Intelligenz, die mehr und mehr künstliche Züge annimmt, stellt in der Tat eine Zäsur dar, wie es sie in der Menschheitsgeschichte wohl noch nie gegeben hat. Vergleichbar mit Singularitätstheoretikern wie Ray Kurzweil sieht er die Möglichkeit des ewigen Lebens auf Erden naherücken – eine sicherlich sehr optimistische Perspektive für unser Dasein.

    Den Fehdehandschuh aufzunehmen lohnt, wenn es um den von ihm intendierten Frontalangriff auf das abendländische Menschenbild geht. Dieses liegt sicherlich in unterschiedlichen Akzentuierungen vor. Zentral sind aber Annahmen über die Existenz der Seele, des freien Willens und des „Ichs“. Für den Naturalisten sind diese Entitäten nur fromme Erfindungen. Harari bringt die Logik dieser weltanschaulichen Perspektive auf den Punkt: „Wenn Wissenschaftler heute fragen, warum ein Mann ein Messer zückte und einen anderen erstach, reicht es deshalb nicht zu sagen: ,Weil er das so beschlossen hat.‘ Genetiker und Hirnforscher liefern stattdessen eine viel detailliertere Antwort: ,Er tat es aufgrund dieser und jener elektrochemischen Prozesse im Gehirn, die durch bestimmte genetische Veranlagungen beeinflusst sind, in der alte evolutionäre Zwänge gepaart mit zufälligen Mutationen zum Ausdruck kommen.‘ Die elektrochemischen Abläufe im Gehirn, die in den Mord münden, sind entweder deterministisch oder zufällig oder eine Mischung aus beidem – aber sie sind niemals frei.“ Handelnde sind für ihn nicht Personen, sondern Gene, Nervenzellen und Hormone, die naturwissenschaftlichen Gesetzen unterliegen. Es braucht nicht erwähnt zu werden, dass bei solchen Erklärungen der für Personalität entscheidende Begriff der Schuld eliminiert wird. Die Konsequenzen für das Rechtssystem sind kaum überschaubar, folgt man diesen Annahmen. Gleiches gilt für politische Implikationen.

    Harari befindet sich in prominenter Gesellschaft. Schon seit den 1980er Jahren wird über die neurobiologische Frage „Wer trifft Entscheidungen – das autonome Ich-Bewusstsein oder das Gehirn?“ heftig gestritten. Materialistisch orientierte Hirnforscher wie Gerhard Roth, Wolf Singer, Michael Prinz, um nur bekannte Namen zu präsentieren, votieren für Letzteres: Für sie gehen Konjunktionen von Hirnsynapsen, die wiederum genetisch oder durch bestimmte Erfahrungen im Laufe des menschlichen Lebens determiniert sind, den bewussten Willensentscheidungen voraus. Diese degenerieren in ihrer Sicht zur bloßen Illusion. Die Einwände der Fachwelt gegen diese Argumente sind zahlreich. Greifen wir nur zwei heraus: Die Vorstellungen von Freiheit sind in kulturgeschichtlicher Hinsicht vielfältig. Dieser Facettenreichtum wird in den neurobiologischen Experimenten weder aufgegriffen noch kann er überhaupt herausgearbeitet werden. Für Freiheit gibt es kein neuronales Korrelat, wie der Tübinger Neurobiologe Niels Bierbaumer herausstellt. Ein anderer Widerspruch liegt auf der Hand: die alte Denkfigur des Widerspruchs im Vollzug. Die genannten Autoren nehmen die Freiheit in Anspruch, um sie zu leugnen. Die Berufung auf einen Punkt ihres eigenen Bewusstseinsstromes reicht wohl nicht aus, um der entsprechenden Stellungnahme einen Wahrheitsgehalt zuzubilligen – ein Anspruch, auf den die betreffenden Wissenschaftler indessen nicht verzichten können. Roth, Singer und Harari eint ihr atheistisches Weltbild. Jedoch ist einzuräumen, dass auch die theologische Tradition eine Einschränkung der Willensfreiheit kennt, als Folge der Erbschuld. Augustinus ist ein markantes Beispiel mit vielen Nachahmern, zu denen Luther und (noch dezidierter) Calvin zählen. Die katholische Seite, besonders die jesuitische Traditionslinie, legt hingegen auf den (trotz Sündenfall) im Kern immer noch freien Willensentschluss Wert.

    Harari greift nicht nur christlich fundierte Traditionen an, sondern erkennt eine neue Religion am Horizont, den „Dataismus“. Wenn Menschen immer weniger wichtig sind, weil Maschinen ihre Funktionen besser und schneller erfüllen, dann sind besondere Rechte für die einstige „Krone der Schöpfung“ hinfällig. Dem Liberalismus, der den christlichen Anthropozentrismus auf mannigfache Weise beerbt hat, wäre die Basis entzogen. Wenn computergestützte Algorithmen sich gegenüber den älteren, mit mehr organischen Schwächen behafteten Bioautomaten, herkömmlich Menschen genannt, letztendlich durchsetzten, dann wäre auf der Basis darwinistischer Prämissen nicht einzusehen, warum Letztere nicht auf der Deponie der Erdgeschichte entsorgt werden sollten. Schließlich haben Homines sapientes über unüberschaubare Zeiträume hinweg die ihnen unterlegenen Tier- und Pflanzenarten nicht anders behandelt. Die Würde des Menschen ist ebenso fiktiv wie die von fernsteuerbaren Robo-Ratten, so der visionäre Apokalyptiker.

    Christliche Interpreten haben stets die Gefahren solcher Entwürfe gesehen. Der Schriftsteller Clive S. Lewis hat 1943 eine bemerkenswerte Vorlesung gehalten, deren Essenz 1979 in deutscher Sprache unter dem Titel „Die Abschaffung des Menschen“ erschienen ist. An einer Stelle heißt es da: „Der Endzustand ist erreicht, wenn die Menschen durch Eugenik, vorgeburtliche Konditionierung… die vollständige Kontrolle über sich erreicht haben. Des Menschen Eroberung seiner selbst bedeutet ganz einfach die Herrschaft der Konditionierer über das konditionierte menschliche Material… Das traditionelle Menschliche soll abgetakelt und die Menschheit in eine neue Form umgeprägt werden, nach dem Willen von Leuten der einen Generation, die gelernt hat, wie man das macht. Wie König Lear haben wir versucht, unser menschliches Vorrecht abzulegen und es gleichzeitig zu behalten. Das ist unmöglich. Entweder wir sind vernunftbegabter Geist, Ebenbild Gottes, und für immer diesem verpflichtet, oder wir sind bloße Natur …“ Zwar beschäftigt sich heute eine größere Zahl von Theologen mit den Auswirkungen des naturwissenschaftlichen Welt- und Menschenbildes, von Christian Kummer über Georg Baudler bis Eugen Drewermann. Doch sind die meisten der von ihnen veröffentlichten Studien nicht wertungsstark, sondern öfters wertungszurückhaltend. Eine derartige Methodik ist freilich im Hinblick auf das Schicksal der Menschheit nicht ratsam. Hararis Deutung der „Geschichte von Morgen“ bedarf eines entschiedenen christlichen Korrektivs, um Humanität nicht vollständig zur Farce werden zu lassen.

    Yuval Noah Harari: Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen. C.H. Beck Verlag 2017, 576 Seiten, ISBN-13: 978-

    340670-401-7, EUR 24,55