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    Auf Christus vorbereitet sein

    Wer heute bei Google „Antichrist“ eingibt, der stößt als erstes auf den gleichnamigen Film des Lars von Trier. Weitere Recherchen ergeben die kulturelle Vielfalt des Begriffs in allen Niveauschichten. Eine biblisch schmale Textbasis (1 Joh 2, 18–25; 2 Thess 2, 1–12) führte besonders seit der ersten Jahrtausendwende des Mittelalters zu apokalyptischen Visionen und Legenden. Kulturgeschichtlich denkt man zunächst an die heftige Papstkritik Luthers, die Schrift Nietzsches, die Erzählungen Wladimir Solowjews oder Robert Hugh Bensons. Fundamentalistische Gruppen jeglicher Couleur nehmen sich des emotional oft stark besetzten Themas an, in ganz anderer Weise aber auch der Heiligenkreuzer Zisterzienser Dominicus Trojahn in einem bewegenden Essay (DT vom 16.11.2010). Carl Gustav Jung hat einmal gemeint, dass für jemand, der eine positive Einstellung zum Christentum besitzt, „das Problem des Antichristus eine harte Nuss“ sei. Für Erik Peterson ist die Gestalt des Antichristen „die unheimlichste Zuspitzung aller nur denkbaren Dämonologien“. Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar erwähnen ihn kaum, bei Karl Barth ist die „analogia entis“ Erfindung des Antichrist. Der römische Weltkatechismus spricht von ihm als „religiösen Betrug eines falschen Messianismus, worin der Mensch sich selbst verherrlicht, statt Gott und seinen im Fleisch gekommenen Messias“ (KKK 675).

    „Predigten und Taten des Antichrist“, Gemälde von Luca Signorelli um 1500. Foto: IN

    Wer heute bei Google „Antichrist“ eingibt, der stößt als erstes auf den gleichnamigen Film des Lars von Trier. Weitere Recherchen ergeben die kulturelle Vielfalt des Begriffs in allen Niveauschichten. Eine biblisch schmale Textbasis (1 Joh 2, 18–25; 2 Thess 2, 1–12) führte besonders seit der ersten Jahrtausendwende des Mittelalters zu apokalyptischen Visionen und Legenden. Kulturgeschichtlich denkt man zunächst an die heftige Papstkritik Luthers, die Schrift Nietzsches, die Erzählungen Wladimir Solowjews oder Robert Hugh Bensons. Fundamentalistische Gruppen jeglicher Couleur nehmen sich des emotional oft stark besetzten Themas an, in ganz anderer Weise aber auch der Heiligenkreuzer Zisterzienser Dominicus Trojahn in einem bewegenden Essay (DT vom 16.11.2010). Carl Gustav Jung hat einmal gemeint, dass für jemand, der eine positive Einstellung zum Christentum besitzt, „das Problem des Antichristus eine harte Nuss“ sei. Für Erik Peterson ist die Gestalt des Antichristen „die unheimlichste Zuspitzung aller nur denkbaren Dämonologien“. Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar erwähnen ihn kaum, bei Karl Barth ist die „analogia entis“ Erfindung des Antichrist. Der römische Weltkatechismus spricht von ihm als „religiösen Betrug eines falschen Messianismus, worin der Mensch sich selbst verherrlicht, statt Gott und seinen im Fleisch gekommenen Messias“ (KKK 675).

    Es ist also wichtig, die Thematik frei von apokalyptischen Mythologien und konkreter Zuweisung (von Nero bis Hitler) in nüchterner theologisch-philologischer Wissenschaftlichkeit anzugehen, um so sowohl den Ernst, als auch die Relativität des mit „Antichrist“ Gemeinten zu verstehen und in eine christliche Eschatologie/Geschichtstheologie einordnen zu können. Nachdem seit kurzem ein großer Sammelband in ökumenischer Herausgeberschaft zwei große Tagungen in Fribourg aus dem Jahr 2007 dokumentiert („Der Antichrist. Historische und systematische Zugänge“, Fribourg/Stuttgart 2011), hat nun der neben Horst Dieter Rauh beste Kenner der mittelalterlichen Antichrist-Dispute, der Eichstätter Dogmatiker und Dogmengeschichtler Manfred Gerwing, den spannenden Traktat „Vom Antichrist und vom Ende der Welt“ des 1306 gestorbenen Pariser Dominikaners Johannes Quidort in einer kritischen lateinisch-deutschen Edition vorgelegt. In einer über hundert Seiten umfassenden Hinführung ordnet Gerwing zunächst die Antichrist-Typoi systematisch in die Eschatologie ein, skizziert die an Augustinus anknüpfenden mittelalterlichen Geschichtsperiodisierungen bis hin zu Joachim von Fiore, und beschreibt sehr gut nachvollziehbar die bereits in seiner monumentalen Habilitation „Vom Ende der Zeit“ (Münster 1996) untersuchten Pariser akademischen Auseinandersetzungen um die Berechnung des Kommens des Antichrist. Eine solche enthielt mit astronomischen, exegetisch-theologischen und astrologischen Beobachtungen die vom 1311 gestorbenen Laientheologen und Arzt Arnald von Villanova verfasste Schrift „De tempore adventus Antichristi“ und setzte dafür das Jahr 1378 an. Während Heinrich von Harclay, Petrus von Auvergne, der Franziskaner Nikolaus von Lyra und der Karmelit Guido Terrena Arnalds Berechnungen für das Kommen des Antichrist als geradezu häretisch ablehnen, vertritt der Dominikaner Johannes Quidort eine verständnisvollere Position, die ohne genaue Zeitangaben ebenfalls mit dem nahen Kommen des Antichrist „innerhalb der nächsten 200 Jahre“ rechnet und gegen einen „wie immer gearteten heilsgeschichtlichen Triumphalismus und Automatismus“ protestiert.

    Bei Thomas kein Hauch von apokalyptischer Emotion

    Aber anders als der an Joachim von Fiore anschließende Laientheologe steht Johannes Quidort mehr in der ruhigeren Nachfolge des Thomas von Aquin, in dessen Schriften nicht „ein Hauch apokalyptischer Emotion wahrzunehmen“ (Josef Pieper) ist. Der mit exaktem Apparat edierte Text des interdisziplinär informierenden Quidort-Traktates über den Antichrist und das Ende der Welt lohnt auch heute die nun leicht mögliche intensive Lektüre. Vor allem Arnald und Quidort werden mit anderen wie Regiomontanus vom bekannten Mediävisten Johannes Fried wegen ihrer sehr genau vorgenommenen Berechnungen am Ursprung der modernen Naturwissenschaft bis hin zum Computerwesen gesehen. Auch wenn sich der Ort, die Person und die Zeit des Antichrist letztlich doch nicht genau festlegen lässt, da es sich (nach Klaus Berger) bei den biblischen Bezügen auf Babylon oder Rom um wechselbare „Kleider“ des Antichristlichen handelt, ist doch deutlich genug Warnung und Weckruf in die jeweilige Gegenwart ergangen.

    Dabei ist offen, wer die Rolle des den Antichrist noch aufhaltenden „Katechons“ (2 Thess 2, 6; für Carl Schmitt die Kernfrage seiner politischen Theologie) spielt – ob zum Beispiel das römische Recht. Das nun nachlesbare gewissenhafte geistige Ringen im 13. und 14. Jahrhundert um das angekündigte Kommen des Antichrist mahnt auch heute zur Umkehr und zur Vorbereitung auf „die finale Wiederkunft Christi“. Diese wird den „Gesetzwidrigen“ (dazu Kurt Anglets Schrift „Macht und Offenbarung“) durch „den Hauch seines Mundes töten und durch seine Ankunft und Erscheinung vernichten“ (2 Thess 2, 8). Gerwings vorzüglicher Edition geht es darum, „dem mediävistischen Fachgelehrten aus Profession wie dem historisch, theologisch-philosophisch Interessierten aus Passion das Lesen und Verstehen des mittelalterlichen Textes zu erleichtern“. Man kann sich nur wünschen, dass am Eichstätter Lehrstuhl noch mehr derartige Texte in die Gegenwart finden.

    Manfred Gerwing: Johannes Quidort von Paris. De antichristo et de fine mundi – Vom Antichrist und vom Ende der Welt. Lateinisch – Deutsch (Eichstätter Studien Band 65), Pustet Verlag, Regensburg 2011, 352 Seiten, ISBN 978-3-7917-2375-4, EUR 39,90