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    Armut: Mangel und Tugend

    In Deutschland wird über Hartz IV und die Essener Tafel gestritten. Oft uniformiert und kurzsichtig, aber dennoch laut. Von Hans Thomas

    Mittagessen in der Wuppertaler Tafel
    Bedürftige essen zu Mittag in den Räumen der Tafel in Wuppertal am 18. Juni 2015. Foto: Jörg Loeffke (KNA)

    Auch Christen kennen Armut: Als Mangel und als Tugend. Was vor der Verwechslung beider Armutsverständnisse bewahrt und wie sich diesbezügliche Rechts- und Tugendpflichten auseinanderhalten lassen. Ein Beitrag zur Armutsdebatte.

    Arbeitstermin in Rom. Zu dritt sollen wir hin. Flug buchen! Oder fahren wir mit dem Auto? Ja – unter der Bedingung, dass wir auf der Hin- und Rückfahrt je einen halben Tag einlegen, um uns in Italien noch etwas anzuschauen! Entscheidung: Hin Assisi, zurück Siena.

    Start Köln 07:00, Ankunft Assisi 21:00. Herbergssuche, Spaziergang, Abendessen. Am nächsten Vormittag Besichtigung Assisi – eindrucksvoll. Mittags Kloster San Damiano, unweit der Stadt. In der hier 1205 verfallenden Kapelle hörte der heilige Franziskus vor dem Bild des Gekreuzigten die Worte: „Franziskus, siehst du nicht, dass mein Haus in Verfall gerät? Geh also hin und stelle es mir wieder her!“ Dass der nicht nur die Steine meinte, davon war Franziskus später überzeugt. Hier stand aber schon bald diese stattliche Klosteranlage. Heute ist leider alles verschlossen, nur die Kirchentür ist offen, die Kirche aber ohne Boden. Da gähnt ein großes, tiefes Loch. Ausgrabungen!

    Draußen, in der prallen Sonne, spaziert ein Ehepaar: ein deutsches Ehepaar, wie sich schnell herausstellt: Assisi-Fans. Wir kommen ins Gespräch. Sie seien jedes Jahr zweimal hier, erzählen sie. Wir zum ersten Mal, gestehen wir kleinlaut. Den Vormittag hätten wir mit Besichtigungen in der Stadt verbracht. „Und Ihr Eindruck?“, fragt die Frau: „Was hat Ihnen besonders gefallen?“ Darauf einer von uns: „Also was mich besonders beeindruckt hat, ist der Reichtum, mit dem hier die Armut des heiligen Franziskus gefeiert wird.“ – Die Dame wird sichtbar etwas bleich.

    „Nicht dass Sie mich falsch verstehen“, meint sogleich unser Wortführer: „Ich finde das großartig. Der heilige Franziskus wollte mit seiner persönlichen Armut ja gewiss nicht den Mangel verherrlichen. Ihm ging es doch wohl eher um Freiheit von Anhänglichkeiten an materielle Dinge, um Loslösung, um innere Unabhängigkeit. In diesem Sinne innerer Freiheit ist die christliche Tugend der Armut doch auch geradezu eine Form von Herrschaft, innerer Herrschaft über die weltlichen Dinge – geradezu eine Art Weltherrschaft.“

    Das Wort Weltherrschaft löste nochmals Betroffenheit aus, war deshalb Anlass für eine nun liebenswürdige Verständigung, die dann in einen freundschaftlichen Abschied mündete. Dabei ging es um die – in biblischer Sicht jedenfalls – zweifache Bedeutung des Wortes Armut, die uns drei auch im Nachhinein noch beschäftigte.

    Ein Lob des Mangels dürfte in der Heiligen Schrift kaum zu finden sein, weder im Schöpfungsbericht mit der Fülle des Universums – noch im Buch Hiob angesichts aller Not. Auch nicht in den Berichten der Evangelien von den Wundertaten Christi. Da imponiert die Fülle. Dass auf der Hochzeit zu Kana Wein fehlte, entgeht der Aufmerksamkeit der Muttergottes nicht. Der Herr verwandelt Wasser in Wein. Aber nicht etwa drei oder vier Flaschen, vielmehr, wie uns die Exegeten belehren, rund 600 Liter. Zudem – laut Aussage des Speisemeisters – war es besonders guter Wein. Bei der Brotvermehrung nach Johannes sättigten sich 5 000 Männer und Begleitung. Übrig blieben zwölf Körbe voll. Nach Markus aßen 4 000 Menschen und es verblieben sieben Körbe voll. Dann der Fischfang der Apostel: Nach vergeblich nächtlichem Versuch auf Geheiß des Herrn am Tag nochmal – und die Boote konnten die Fische nicht fassen.

    In den Worten Christi „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Himmelreich“ (Lk 6, 20) klingt das Wort Armut – also Mangel – in einem ganz anderen, sogar erstrebenswerten Sinne auf. Matthäus spricht hier von denen, „die arm sind vor Gott“ (Mt 5, 3), manchmal auch übersetzt mit den „Armen im Geiste“: Armut als Tugend – aus freiem Willen. Gemeint ist innere Loslösung von unnötigen Bedürfnissen, von Anhänglichkeiten an weltliche Güter, von Geltungsstreben. Geltungssucht wie auch Luxus, Konsumismus oder Geiz können bis zur Versklavung führen. Es geht also um Befreiung von Habgier, Eigensucht, Ichsucht, Stolz – um Freiheit von sich selbst. Oder positiv gewendet: um Großzügigkeit gegenüber anderen und Hilfsbereitschaft. Gleichwohl wird Armut, Mangel, Not, Elend, nicht zu etwas Gutem. Sie bleiben vielmehr ein Übel, das, wo immer Arme uns begegnen, nach Hilfe und Linderung ruft. So ist die Tugend der Armut eine Voraussetzung der noch höheren Tugend der Nächstenliebe, der Caritas. Wer sich nicht selbst um Loslösung von Anhänglichkeiten an materielle Güter bemüht, dem fällt es schwerer, Armen von seinem Besitz etwas mitzugeben.

    Die Verwechslung oder kurzschlüssige Verbindung beider Armutsverständnisse führt gelegentlich auch zu falschen Schlüssen. Ein Beispiel dafür liefert schon das Evangelium des Johannes. Maria von Bethanien gießt das sehr teure Nardenöl auf Jesu Füße – ein Akt der Großzügigkeit und Liebe. Das wird auch gleich kritisiert: „Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?“ Derjenige, der das sagt, ist ausgerechnet Judas, der dann zum Verräter wurde. „Das sagte er aber nicht“, fügt Johannes hinzu, „weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte.“ Jesu Antwort: „Lasst sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses tue. Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer bei euch.“ (Joh 12, 1–8),

    Es ist eine Lektion darüber, dass die Caritas, die Liebe, in Gott wurzelt und besonders ihm geschuldet ist. Liebe ist zudem die Triebkraft einer weiteren Tugend: der „magnanimitas“ – Großmut, Großherzigkeit, Großzügigkeit. In ihrer großherzigen Liebe zum Herrn handelte Maria von Bethanien großzügig. Daran Maß nehmend wurden und werden Kathedralen und Kirchen stets als prächtige Bauten errichtet – nicht nur in Assisi. Und für den Gottesdienst werden Geräte möglichst aus Gold und Edelsteinen gefertigt. Das Beste für IHN!

    Denkt man das weiter, dann verbietet sich eine negative Sicht auf die Reichtümer der Welt. Sie stammen aus Gottes Hand. Wären sie nicht etwas Gutes, gäben sie keinen Raum für die genannten Tugenden. Aber die Dinge der Welt sind kein Ziel an sich, sondern Mittel. Hier mischen sich leicht die Motive. Ein Porsche ist schön. Aber wozu brauche ich einen Porsche? Zu höherem Ansehen in der Gesellschaft? Zugegeben: Anerkennung in der Berufswelt, unter Freunden, in der Familie kann Aufhänger und Instrument wirksameren Dienens sein – oder aber zum bloßen Angeben.

    Die Versuchungen zu einer kurzschlüssigen Motivlage reichen bis hinein in die Politik. Nahe liegt der Reiz – über die Staatspflicht gerechter Sozialordnung und Fürsorge für Notleidende hinaus – den vorhandenen Neid zwischen Arm und Reich zu parteilicher Stimmungsmache zu nutzen. Im geläufigen sozialpolitischen Wettbewerb ist das eher harmlos, wurde aber auch schon zum erklärten Klassenkampf gesteigert. Die Anstifter erklären Arme schlechthin zu Opfern von Ausbeutung, reden ihnen Rechtsansprüche auf fremdes Eigentum ein, schaffen Feindbilder, treiben die Masse – nunmehr Proletariat genannt – in die Anarchie, verkünden ihr eine Heilsmission und erheben sich selbst zu deren totalitären Herrschern. Gottlob arten soziale Problemlagen eher selten in hochpolitische Zuspitzungen aus.

    Das tatsächliche Problem besteht darin, dass unter den Bedingungen unserer Erbsündigkeit das Kleben an den schönen – und als solchen auch guten – weltlichen Gütern ungeordnet ist. Sie verführen gern zu Gier, Geiz oder Neid. Auch in unseren Wohlstandsgesellschaften empfiehlt es sich, hierfür ein feinsinnigeres Gespür zu entwickeln, als es bei der Unterscheidung von Recht und Unrecht, Urteil und Vorurteil – zumal in der öffentlichen Berichterstattung – häufig erlebt werden kann.

    Ein aktuelles Beispiel ist das Medien- spektakel um die „Essener Tafel“ wegen des angeblich fremdenfeindlichen Ausschlusses von Migranten. Und das, obwohl Jürgen Kaube schon am 1. März in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das ganz und gar einfühlbare Verhalten von Jörg Castor, dem Vorsitzenden des Tafel-Vereins, beschrieben hatte: Die private Lebensmittelhilfe für Arme und Obdachlose nahmen in Essen inzwischen zu rund 75 Prozent Migranten (für die akute Nothilfe doch wohl eine öffentliche Aufgabe sein sollte) in Anspruch. Darunter auffallend viele junge Männer mit Zulassungsschein, die sich zudem offenbar damit hervortaten, ältere deutsche Bittsteller, zumal Frauen und Witwen zu belästigen und zurückzudrängen. Mit der Verfügung, die Ausstellung weiterer Berechtigungsscheine an Migranten einstweilen einzustellen, erntete Herr Castor schnöde Kritik. Nicht nur in den Medien, sondern auch aus Politik und Verwaltung – ihrerseits unter Verzicht auf genauere Kenntnisnahme des eingetretenen Missstands oder auf gar amtliche Abhilfe. Eines Missstands, der immerhin als Folge höherer politischer Entscheidungen betrachtet werden kann. Würdigung und Ermutigung eines privaten Hilfsdienstes, wie ihn Herr Castor und sein Team der Essener Tafel seit Jahren ehrenamtlich leisten, sieht anders aus.

    In unserer Wohlstandsgesellschaft liegt die Versuchung nahe, zutiefst persönliche Lebensideale, -haltungen und -ziele wie Nächstenliebe und Dienen in öffentliche, sozialstaatliche Zuständigkeit zu übertragen. Persönlich kann sich dabei leicht ein Gefühl der Befreiung einstellen. In Wirklichkeit aber engt sie den Blick auf die anderen und das Miteinander ein und konzentriert ihn zunehmend auf die bloß eigenen Interessen, auf mein Ich, auf einen Individualismus mit schließlich freier Bahn für unser Geltungsstreben, hinter dem sich meist Stolz verbirgt. Stolz, der abhängig macht und bis hin zur Versklavung führen kann.

    Hiervon frei werden oder bleiben, dem dient die christliche Tugend der Loslösung. Sie fordert Arme und Reiche gleichermaßen. Es gibt Arme, die von dem wenigen, über das sie verfügen, völlig gefangen sind. Und es gibt Reiche, die recht anspruchslos leben, ihren Reichtum dazu einsetzen, Wohlstand für viele zu schaffen und sonst noch manches Gutes tun.

    Gesunder Selbstliebe widerspricht übrigens die Tugend der Armut keineswegs. Christus selbst erklärt sie zum Maßstab der Nächstenliebe. Wer unter der christlichen Tugend der Armut Verzicht nur um des Verzichts willen versteht, hat noch kein Ziel, das ihn als solches motiviert. Das Ziel gemäß dem Vorbild Christi ist da anspruchsvoller: Danach tritt an die Stelle des bloßen Egoismus das Miteinander mit allen anderen Personen auf gleicher Augenhöhe.

    Von Hans Thomas

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