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    Archäologe der Seele

    Gott, den Teufel und die Jungfrau Maria gleichzusetzen, die guten und die bösen Seelenanteile zu verbinden, den Schatten zu integrieren – damit hatte der Schweizer Arzt und Psychoanalytiker C.G. Jung (1875–1961), dessen Todestag sich am 6. Juni zum 50. Mal jährt, zeitlebens keine Probleme: „Tag und Nacht, Geburt und Tod, Glück und Unglück, Gut und Böse. Wir sind nicht einmal sicher, ob eins über das andere die Oberhand gewinnen wird, ob das Gute das Böse oder die Freude den Schmerz besiegen.“ Doch Jung selbst löst bis heute (innerhalb der Kirche und in Psychologenkreisen) durchaus kontroverse Reaktionen aus. Einerseits: Offene Ablehnung bei denen, die in Jungs um Archetypen, Symbole und psychologische Typen drehendes Denken eine gnostisch-esoterische Verdrehung der christlichen Glaubenswahrheiten wittern, unwissenschaftliche Scharlatanerie gar. Andererseits: Hingebungsvolle Bewunderung bei denen, die den protestantischen Pfarrerssohn („Ich bin froh, Jung zu sein und kein Jungianer“) für genau diese mythologisch bildhaften, religionsgeschichtlichen Unbestimmtheiten („kollektives Unbewusstes“) lieben und seine methodisch-analytischen Ansätze („Aktive Imagination“) für durchaus hilfreich halten, gerade wenn es darum geht, religiös veranlagten, sensiblen Menschen bei der Neurosen-Behandlung beizustehen. Denn: Das Religiöse der verschiedenen Kulturen und Mythologien zieht sich wie ein roter Faden durch C.G. Jungs Forschungen.

    C.G. Jung hat über die Urbilder der Seele geforscht. Foto: IN

    Gott, den Teufel und die Jungfrau Maria gleichzusetzen, die guten und die bösen Seelenanteile zu verbinden, den Schatten zu integrieren – damit hatte der Schweizer Arzt und Psychoanalytiker C.G. Jung (1875–1961), dessen Todestag sich am 6. Juni zum 50. Mal jährt, zeitlebens keine Probleme: „Tag und Nacht, Geburt und Tod, Glück und Unglück, Gut und Böse. Wir sind nicht einmal sicher, ob eins über das andere die Oberhand gewinnen wird, ob das Gute das Böse oder die Freude den Schmerz besiegen.“ Doch Jung selbst löst bis heute (innerhalb der Kirche und in Psychologenkreisen) durchaus kontroverse Reaktionen aus. Einerseits: Offene Ablehnung bei denen, die in Jungs um Archetypen, Symbole und psychologische Typen drehendes Denken eine gnostisch-esoterische Verdrehung der christlichen Glaubenswahrheiten wittern, unwissenschaftliche Scharlatanerie gar. Andererseits: Hingebungsvolle Bewunderung bei denen, die den protestantischen Pfarrerssohn („Ich bin froh, Jung zu sein und kein Jungianer“) für genau diese mythologisch bildhaften, religionsgeschichtlichen Unbestimmtheiten („kollektives Unbewusstes“) lieben und seine methodisch-analytischen Ansätze („Aktive Imagination“) für durchaus hilfreich halten, gerade wenn es darum geht, religiös veranlagten, sensiblen Menschen bei der Neurosen-Behandlung beizustehen. Denn: Das Religiöse der verschiedenen Kulturen und Mythologien zieht sich wie ein roter Faden durch C.G. Jungs Forschungen.

    Wo immer die objektive Heilungs-Wahrheit auch liegen mag, fest steht, dass C.G. Jungs Ansichten und Anleitungen zur Selbst-Werdung tatsächlich gerade bei künstlerischen Wesenstypen mit religiöser Sozialisierung eine große Anziehungskraft ausgeübt haben und ausüben. So war es immerhin der Schriftsteller Herman Hesse, der sich 1921 während der Arbeit am Roman „Siddharta“ aufgrund von schöpferischen Blockaden in die psychoanalytische Behandlung von C.G. Jung in Küsnacht begab. Mit dem Ergebnis, dass Hesse schon ein Jahr später die Arbeit an dieser Selbstwerdungsgeschichte im indischen Milieu erfolgreich abschließen konnte. Seine Buddha-Figur, die Henry Miller zufolge den allgemein anerkannten Buddha sogar noch übertreffe, spiegelt sehr gut die Idee C.G. Jungs wider, dass das Leben aus dem eigenen Ich heraus in Wahrheit kein Egoismus sei, sondern im Gegenteil der Schlüssel zur höchstmöglichen Harmonie des Einzelnen mit dem Ganzen, mit der Einheit, mit Gott. Auch spätere Romane Hesses wie „Narziss und Goldmund“ (1930) und „Das Glasperlenspiel“ (1943) tragen in ihrem synthetischen Aufbau und dem Willen zur Integration der scheinbar polaren Seelenanteile deutlich Einflusszeichen der Jungschen Welt- und Seelenschau. Verdankt Hesse also der kurzen, intensiven Therapie bei C.G. Jung den Zugang zu den eigenen kreativen Kräften, die Überwindung seiner Blockaden, den Zugang zu neuen inneren Seelenschichten? Vieles spricht dafür.

    Was es mit dem von C.G. Jung entdeckten, geheimnisvollen „Synchronizitäts“-Prinzip auf sich hat, erfuhr die breite Weltöffentlichkeit dann Anfang der 1980er Jahre ausgerechnet mit dem gleichnamigen Musik-Album der englischen Rockband „The Police“, die – mit einem C.G. Jung Buch auf dem Album-Cover – neben klassischen Pop-Themen wie Liebe und Einsamkeit plötzlich auch von Ereignissen sangen, die zwar nicht über eine Kausalbeziehung verknüpft sind, aber dennoch als sinnvoll erscheinen. Damit nicht genug: Bandleader Sting startete nach einer exquisiten Therapie bei der Jung-Schülerin Marie-Luise von Franz, Mitherausgeberin des Standardwerkes „Der Mensch und seine Symbole“ (1968), eine bis heute anhaltende erfolgreiche Solokarriere, wobei ein Traum von blauen Schildkröten („The dream of the blue turtles“, 1985) angeblich als Inspirations- und Emanzipationsquelle diente. Seitdem hat Sting so ziemlich alles, was der Seelen- und Themenpark von C.G. Jung zu bieten hat, musikalisch verarbeitet: das Animus- und Anima-Konzept, die Traum- und Märchenanalyse, alchimistische Wandlungsmöglichkeiten. Wie übrigens auch der deutsche Schriftsteller Patrick Roth („Johnny shines oder die Wiedererweckung der Toten“) in den inzwischen als Bücher veröffentlichten Poetik-Vorlesungen „Ins Tal der Schatten“ (2001) und „Zur Stadt am Meer“ (2004) den Anteil der Schriften C.G. Jungs am eigenen kreativen Schaffen verdienstvoll hervorgehoben hat.

    Die Sichtweise des Individuationsprozesses als eines nicht nur vom individuellen, sondern auch vom Kollektiven geprägten Phänomens muss man sicher zum Kern der Jungschen Lehranschauungen zählen, eine Seelenarchäologie, die allerdings in theologischer Konsequenz nicht unproblematisch ist. Jung ging in Erläuterungen des Konzepts soweit, den Apostel Paulus und gar Jesus selbst als Profiteure des mythologischen Urgrundes der Menschheit darzustellen. „Es war nicht der Mensch Jesus, der den Mythos des Gottmenschen schuf. Dieser existierte schon viele Jahre vor Christi Geburt. Er selber wurde von diesem symbolischen Motiv gepackt, das ihn, wie der heilige Markus uns berichtet, aus dem beschränkten Leben des Nazarener Zimmermanns heraushob.“ (C.G. Jung. Die menschliche Seele. In: „Der Mensch und seine Symbole“). Sprich: Wer die kollektiven Mythenbilder und Symbole richtig abruft, hat nicht nur das Zeug zum Nobelpreisträger und Popstar, sondern eventuell auch Messias-Potenzial. Mit der offiziellen katholischen Lehrmeinung dürfte dies kaum kongruent sein.

    Doch so fragwürdig Jungs rein psychologische Deutung auf dem religionsgeschichtlichen Gebiet in Einzelfällen auch sein mag, mit der Behauptung, dass die Sexualität nicht die einzige Triebquelle der Psyche sei, die letztendlich 1912 zum Zerwürfnis mit seinem Mentor Sigmund Freud führte, hat C.G. Jung dem modernen Seelenverständnis einen angemessenen, weiten Rahmen beschert. Es wirken mehr Kräfte im Menschen als nur die Libido.

    Auf diese Weise unabhängig geworden gründete Jung seine eigene psychologische Fachrichtung, die „Analytische Psychologie“, die bis heute (neben anderen modernen Erkenntnissen) am C.G. Jung-Institut in Zürich gelehrt wird. Paul Watzlawick, einer der bekanntesten Vertreter der systemischen Psychologie („Anleitung zum Unglücklichsein“, „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“), ist dort als Psychotherapeut ausgebildet worden. Wie auch die Therapeutin und Buchautorin Verena Kast, die soeben mit Ingrid Riedel einen Band mit „Ausgewählten Schriften“ (Patmos, 313 Seiten, 24,90 Euro) von C.G. Jung veröffentlicht hat. Sozusagen eines Quintessenz der elfbändigen C.G. Jung Taschenbuchausgabe, die seit 20 Jahren beim Deutschen Taschenbuch Verlag erhältlich ist.

    Auch wer nicht nach künstlerischem Ausdruck strebt oder Messias-Ambitionen hat, kann dort einige tiefe Weisheiten entdecken. Zum Beispiel über den richtigen Umgang mit den verschiedenen Altersstufen: „Ein Junger, der nicht kämpft und siegt, hat das Beste seiner Jugend verpasst, und ein Alter, welcher auf das Geheimnis der Bäche, die von Gipfeln in Täler rauschen, nicht zu lauschen versteht, ist sinnlos, eine geistige Mumie, welche nichts ist als erstarrte Vergangenheit.“ Sprich: An nichts vermag der Mensch so zu reifen, wie an den verschiedenen Altern des Lebens. So gesehen, muss man C.G. Jung trotz einiger persönlicher Fehltritte (kurze Sympathie für den Nationalsozialismus, Affäre mit einer Patientin) wohl zu den universellen Wissenden der modernen Menschheits- und Gelehrtengeschichte zählen.