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    Apostolat bei Facebook

    Wenn man Facebook nutzt, dann ist damit immer auch ein Aufbruch ins Unbekannte verbunden. Um sich im Unbekannten sicher zu fühlen, benötigt man ein stabiles Fundament, von dem aus man operiert. Papst Benedikt vergleicht unsere Situation gegenüber Facebook in seiner Botschaft von 2009 mit der Situation der ersten Apostel: Wie damals die Evangelisierung, um fruchtbringend zu sein, das aufmerksame Verständnis für die Kultur und die Sitten jener heidnischen Völker verlangte, mit dem Ziel, Herz und Sinn dieser Völker zu erreichen, so setzt heute die Verkündigung Christi in der Welt der neuen Technologien deren vertiefte Kenntnis für einen entsprechenden angemessenen Gebrauch voraus. Euch jungen Menschen, die ihr euch fast spontan im Einklang mit diesen neuen Mitteln der Kommunikation befindet, kommt in besonderer Weise die Aufgabe der Evangelisierung dieses „digitalen Kontinents“ zu.

    Nur keine Hemmungen: Wer authentisch schreibt, kann bei Facebook ein erfolgreiches Zeugnis vom Glauben abgeben. Foto: dpa

    Wenn man Facebook nutzt, dann ist damit immer auch ein Aufbruch ins Unbekannte verbunden. Um sich im Unbekannten sicher zu fühlen, benötigt man ein stabiles Fundament, von dem aus man operiert. Papst Benedikt vergleicht unsere Situation gegenüber Facebook in seiner Botschaft von 2009 mit der Situation der ersten Apostel: Wie damals die Evangelisierung, um fruchtbringend zu sein, das aufmerksame Verständnis für die Kultur und die Sitten jener heidnischen Völker verlangte, mit dem Ziel, Herz und Sinn dieser Völker zu erreichen, so setzt heute die Verkündigung Christi in der Welt der neuen Technologien deren vertiefte Kenntnis für einen entsprechenden angemessenen Gebrauch voraus. Euch jungen Menschen, die ihr euch fast spontan im Einklang mit diesen neuen Mitteln der Kommunikation befindet, kommt in besonderer Weise die Aufgabe der Evangelisierung dieses „digitalen Kontinents“ zu.

    Wie aber soll das gehen: Apostolat auf Facebook? Wie kommuniziert man mit den digitalen Eingeborenen? Um das zu verstehen, habe ich im Frühjahr dieses Jahres mit 33 christlichen Facebookern eine Befragung durchgeführt, die nach konkreten Erfahrungen im Facebook-Apostolat fragte. Diese Befragung ist, was die Quantitäten angeht, sicherlich nicht repräsentativ, aber sie ist meines Wissens die erste ihrer Art. Was sind „christliche Facebooker“? Es sind Menschen, in deren Leben der Glaube eine wichtige Rolle spielt, die von ihrem Glauben aktiv sprechen und die dazu auch die sozialen Medien nutzen. Die Befragten, die anonym bleiben, waren zu rund 50 Prozent Geistliche und zu 50 Prozent Laien. Rund 80 Prozent der Befragten waren katholisch.

    Der Fragebogen der umfangreichen Studie, für deren Beantwortung ungefähr 45 Minuten nötig waren, umfasste 37 Fragen zu folgenden Bereichen: Fragen zum persönlichen Facebook-Management, Fragen zur konkreten Facebook-Nutzung und Fragen zur persönlichen Facebook Community. Ich möchte hier schlaglichtartig einige Daten und Aussagen aus der Studie herausgreifen. Die wichtigsten Erkenntnisse dieser Studie können dazu beitragen, die Positionen Benedikts besser zu verstehen. 90 Prozent der Befragten waren männlich, 10 Prozent weiblich. Das durchschnittliche Alter lag bei 35, 6 Jahren – deutlich über dem Facebook-Schnitt: Mehr als die Hälfte der deutschen Facebook-Nutzer ist zwischen 18 und 34 Jahre alt. Die Befragten investieren täglich im Schnitt rund 50 Minuten in Facebook, und zwar für das Posten und Moderieren von Beiträgen sowie zur Informationsaufnahme. Das entspricht dem statistischen Mittelwert: Nur elf Prozent der Deutschen verbringen mehr als zwei Stunden in Facebook, der Rest pendelt sich bei ungefähr einer Stunde ein. Der durchschnittliche Deutsche hat 150 Freunde auf Facebook.

    Die Teilnehmer der Studie haben im Schnitt 1 134 Freunde, fast das Zehnfache. Eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Freunden trifft man sonst nur bei Facebookern, die auch überdurchschnittlich viel Zeit mit diesem Medium verbringen. Sie sind permanent online und sammeln alle Kontakte, die sie finden. Das ist hier offensichtlich nicht der Fall. Wie sonst ist die große Anzahl an Freunden bei einem relativ geringen zeitlichen Facebook-Budget zu erklären? Die Befragten haben eine Strategie. Sie setzen Facebook nicht zu Unterhaltungszwecken ein, sondern sie benutzen es als ein ernsthaftes Medium der Kommunikation, mit dem sie einen konkreten Zweck verbinden. Das wiederum macht ihre Facebook-Accounts attraktiv. Nahezu alle Befragten antworteten auf die Frage, ob sie auf Facebook offen von ihrem Glauben sprechen, denn auch mit „Ja“. Das bedeutet, dass ein Großteil der Inhalte, die auf Facebook gepostet werden, „christliche Themen“ sind oder mit christlichen Fragestellungen zu tun haben. 20 Befragte gaben an, dass christliche Inhalte zwischen 70 und 100 Prozent ihrer Facebook-Postings ausmachen. Einer der Befragten fügte in diesem Zusammenhang hinzu: „Sehr wichtig sind mir ein respektvoller Kommunikationsstil und Authentizität. Ich thematisiere neben explizit christlichen Inhalten vor allem christlich motivierte Entscheidungen, Präferenzen und Bewertungen“ – hier sieht man schön, wie die Gedanken Papst Benedikts konkret in die Facebook-Wirklichkeit umgesetzt werden können.

    Bei der Frage, welche christlichen Themen im Vordergrund stünden, kristallisierten sich drei Schwerpunkte heraus: Themen der persönlichen Lebensführung, die Rolle der Kirche und theologische Fragestellungen. Dabei geht es nicht immer harmonisch zu: Immerhin 20 der Befragten gaben an, „manchmal“ auch kritische Themen wie den Missbrauchsskandal offen anzusprechen, um eine Diskussion in Gang zu bringen und die Argumente der Kirche, die ja in den Medien oft verfälscht dargestellt werden, vorzubringen, Facebook also als ein Gegenmedium zu den offiziellen Medien zu verwenden.

    Nur zwei der Befragten sagten, sie würden das „oft“ machen, elf dagegen „nie“. Die Frage ist insofern interessant, als man sich darüber streiten kann, ob die Art und Weise, wie auf Facebook kommuniziert wird, sich für komplexere, schwierige Diskussionen eignet. Hierzu bedarf es einer enormen Disziplin aller Diskussionsteilnehmer, eines sehr hohen Diskursniveaus, das man in Facebook leider kaum antreffen wird. Daher ist die Position der elf Befragten, die sagen, sie würden von sich aus kritische Themen gar nicht erst ansprechen, nachvollziehbar.

    Spannend wäre aber auch zu hören, welche konkrete Strategie die zwei Befragten anwenden, die jeden Stier bei den Hörnern packen. Der Wert eines Facebook-Postings misst sich nicht an dem Lob, das wir dafür bekommen – diese Form der digitalen Eitelkeit hat Papst Benedikt deutlich kritisiert –, sondern an der Resonanz, die es auslöst. Deshalb fragte die Studie danach, ob es schon besonders erfolgreiche Postings (mehr als 100 Kommentare) zu bestimmten Themen gegeben hätte. Auf diese Frage gab es folgende Antworten: die Diskussion eines Fernsehbeitrags zu wiederverheiratet Geschiedenen mit mehr als 200 Kommentaren, Postings zu Erziehungsthemen, zum Thema gleichgeschlechtliche Ehe, zu Sexualität und Sexualmoral, zu kirchlichen Schulen und zum Zölibat. Es sind einerseits Dauerbrenner der christlichen Kirche, die in Facebook „gut laufen“ und auf die man gut vorbreitet sein muss, wenn man sie auf der eigenen Facebook-Seite anspricht und moderiert. Andererseits sind es persönliche Glaubenszeugnisse, die die Menschen interessieren und bei denen sie nach Antworten suchen. Facebook bietet hier offensichtlich die Möglichkeit, eine niedrige Schwelle für das Stellen solcher Fragen und für ihre Beantwortung anzubieten. Diese „Niedrigschwelligkeit“ sollte sich als eine der Kernaussagen der Befragung herausstellen.

    Spannend wurde es vor allem bei den Fragen zur persönlichen Facebook-Community. Was bedeutet es für die Befragten, „Freunde“ auf Facebook zu haben? Welchen Charakter haben diese Freundschaften? Reichen sie hinüber ins wirkliche Leben? Sind das echte menschliche Kontakte? Überraschend waren bereits die Antworten auf die erste Frage dieses Blocks: „Wieviel Prozent Ihrer Facebook-Freunde haben Sie erst über Facebook kennengelernt?“ 18 der Befragten sagten unter 20 Prozent, acht um die 50 Prozent, sechs über 70 Prozent und ein Befragter antwortete „die allermeisten“. Im Klartext heißt das: Fast die Hälfte der Befragten (14) hat die Hälfte oder mehr ihrer Facebook-Freunde in Facebook selbst kennengelernt. Wenn man in Facebook bereit ist, auch unbekannte Menschen als Freunde zu akzeptieren, dann stellt sich die Frage nach dem Auswahlkriterium. „Wie qualifizieren Sie Ihre Freundschaftsanfragen?“ war eine weitere Frage. Sechs antworteten, sie nähmen jede Freundschaft an, zehn antworteten, sie orientierten sich an Zahl und Art der gemeinsamen Freunde, und 17 qualifizieren Anfragen auf andere Art und Weise. Viele davon nehmen nur Freundschaften an zu Menschen, zu denen bereits ein persönlicher Kontakt besteht oder zu denen sich „sinnvolle Kontakte“ ergeben, beispielsweise ein beruflicher oder organisatorischer.

    Diese Facebook-Kontakte sind nur dann positiv nutzbar, wenn andere auch an einem echten Austausch interessiert sind. „Sind die Menschen, die Sie auf Facebook treffen, Ihrer Meinung nach an einem echten Kontakt interessiert?“, fragte die Studie. Die Antwort auf diese Frage war überraschend. 22 der Befragten antworteten mit „Ja“, elf mit „Nein“. Es gibt ein deutliches Übergewicht in Richtung Facebook-Optimismus. Zwei Drittel der Befragten, die sich immerhin alle intensiv mit Facebook und seinen Möglichkeiten beschäftigen, haben die Erfahrung gemacht, dass diese Plattform eben doch kein „second life“ ist, sondern eine sinnvolle Verlängerung des echten Lebens darstellt, in der Menschen nach einem authentischen Austausch suchen.

    Um das zu vertiefen, lautete eine weitere Frage: „Haben Sie mit Ihren Facebook-Freunden auch Kontakte in der realen Welt?“ Alle Befragten antworteten mit „Ja“. Facebook ist also so etwas wie eine Brücke, die von der virtuellen Welt in die reale Welt hinüberführen kann, wenn man sich darum bemüht. Können über Facebook vielleicht sogar echte Freundschaften entstehen? 17 antworteten auf diese Frage mit „Ja“, 16 mit „Nein“. Das ist ein beachtliches Resultat, und es unterstreicht die Beobachtung, dass Facebook eine wertvolle Brücke zu Menschen sein kann, zu denen man ohne Facebook keinen Zugang gehabt hätte. Doch wie tief gehen diese allgemeinen Kontakte im Bereich des Glaubens wirklich? Wie apostolisch ist Facebook? „Kamen Sie mit Facebook-Freunden schon in Kontakt zu persönlichen Glaubensfragen?“, lautete die nächste Frage. 20 antworteten mit „Ja, öfters“, zwölf mit „Eher selten“, einer mit „Noch nie“. Wenn man bedenkt, dass viele der Befragten auf Facebook mit einer breiten Gruppe von lose und vielleicht sogar recht zufällig verknüpften Menschen kommunizieren, dann ist das eine hohe apostolische Quote. Denn im realen Leben ist es bekanntlich schwer, über Glaubensfragen zu sprechen.

    Schnell steht man im Kollegen- oder Freundeskreis als der einzige da, der sich zu seinem Glauben bekennt, und da man das weiß, geht man dieser Situation aus dem Weg. Hier deutet sich an, dass Facebook aufgrund der Distanz, der Anonymität, der Unverbindlichkeit, die dieser Kanal bietet, ein guter „Einstieg“ in Glaubensfragen oder Fragen der Lebensführung sein kann.

    Hier einige natürlich anonymisierte Beispiele von konkreten Situationen, in denen die Befragten mit Menschen auf Facebook in ein christliches Gespräch kamen: „Es haben mich auf Facebook Angehörige von Missbrauchsopfern kontaktiert. Ebenso Menschen, die keinen Sinn mehr in der Ehe sehen. Ein Kontakt war mit einer Frau, die zur Prostitution und Abtreibung gezwungen werden. Dies sind Grenzfälle, die immer wieder den eigenen Glauben herausfordern.“ Oder: „Es kommt auf Facebook immer wieder zu persönlichen Glaubensgesprächen, vor allem im persönlichen Chat. Meines Erachtens ist es für kirchliche Mitarbeiter wichtig, eine Facebook-Präsenz zu zeigen und als solche kenntlich zu sein. Ich sehe den Chat als Möglichkeit, über Glaubensdinge im Gespräch zu bleiben. Der grüne Online-Punkt hinter dem Namen ist ein Aufruf, wieder mit der Person in Kontakt zu treten, mit der man verbunden ist.“ Ferner: „Leute schreiben mir: Wieso machst Du das? Glaubst Du das wirklich?“ „Manche Menschen stellen auf Facebook wichtige Fragen, auf die ich einzugehen versuche. Mit einigen Personen ergibt sich ein regelmäßiger Kontakt.“ „In Diskussionsgruppen stoße ich immer wieder auf Menschen, die um ihren Glauben ringen.“

    Es gibt durchaus christliche Substanz auf Facebook – vorausgesetzt, man nimmt sich diese auch vor und bleibt in der eigenen Kommunikation konsequent. Das gilt auf jeden Fall für geistliche Berufe. Es kristallisiert sich die These heraus, dass eine Facebook-Präsenz für pastorale Berufe ein Muss ist – ein unabdingbares, niederschwelliges Gesprächsangebot, das es so woanders nicht gibt, das eine Brücke zu Menschen baut, die man sonst nicht oder nur schwer erreicht. Facebook kann dabei bis zu einer Bekehrung führen.

    Auf die Frage, ob es schon einmal zu Bekehrungssituationen aus Facebook heraus gekommen ist, gab es immerhin drei „Ja“-Antworten – das heißt drei Fälle einer nachweislichen Konversion. Doch nicht immer geht es gleich ums Ganze. Diese drei Beispiele sind natürlich nur die Spitze des apostolischen Eisbergs. Eine weitere Frage wollte wissen, ob eine Facebook-Kommunikation schon einmal Einfluss auf konkrete Lebensentscheidungen der Facebook-Freunde gehabt hat, und wenn ja, auf welche. Nahezu alle Befragten konnten hierzu Positives berichten.

    Ich zitiere wieder einige anonymisierte Beispiele: „Kommunikation über Facebook beeinflusst sehr oft den Besuch der heiligen Messe.“ „Mehrmals konnte ich über Facebook Menschen ermutigen, wieder zur Beichte oder zur Heiligen Messe zu gehen – auch wenn ich meistens versuche, solche Dinge persönlich zu besprechen.“ „Ich wurde als Vertreter der Kirche und als Freund des Lebens wahrgenommen. Ich denke, auf diese Art und Weise sollten wir als Kirche präsent sein, um für die der Kirche Fernstehenden zu Ansprechpartnern in der Welt werden.“ „Ja, ich bekomme immer wieder das Feedback, dass Klischees aufgebrochen wurden. Dass Kirche neu, zeitgemäß und fröhlich wahrgenommen wurde. Manche finden neuen Zugang zum Glauben, dankbar sind viele für Gebetszusagen, viele stellen konkrete Fragen zu Glaubensthemen.“ „Es gab einen Mann, der aufgrund geposteter Gottesdienst-Zeiten beschloss, erstmals in seinem Leben eine Messe zu besuchen.“

    Kommunikation auf Facebook zieht sich durch alle Lebensbereiche und Problemkreise hindurch. Diese reichen vom Alltäglichen bis zum Schicksalshaften. In nahezu jedem Fragebogen fand sich auch die ergänzende Bemerkung: „Ich versuche so schnell wie möglich mit den Menschen in ein persönliches Gespräch zu kommen“. Aber manchmal ist das aufgrund der räumlichen Entfernung nicht möglich, oder aber die anderen wünschen diesen persönlichen Kontakt nicht, sondern erwarten sich gerade im Internet Unterstützung, Argumente, Hilfe. Wir müssen uns darauf einlassen, dass Facebook ein eigenständiger Kanal Gottes ist, der nicht unbedingt in ein reales Gespräch münden muss, sondern der apostolischen Eigenwert hat.

    Unsere Präsenz in Facebook muss den Menschen, mit denen wir in Kontakt stehen und die wir vielleicht nur oberflächlich oder gar nicht kennen, die Chance lassen, sich wieder zurückzuziehen. Schön, wenn es zu einer persönlichen Begegnung kommt, wenn aus der virtuellen Freundschaft eine reale wird. Aber genauso schön, wenn wir die kurze Zeit der Aufmerksamkeit, die uns andere Menschen auf Facebook schenken, weil sie auf uns aufmerksam geworden sind durch unseren authentischen christlichen Auftritt in diesem Medium, so nutzen, dass der andere aus dieser Begegnung verändert hervorgeht. Facebook als Medium Gottes hat viele Gesichter: es bricht Klischees auf, modernisiert die Kommunikation der Kirche, erleichtert den Zugang zu Christus, löst die Zunge, wenn es um schwierige Fragen geht. Die digitale Spiritualität, von der Papst Benedikt in seinen beeindruckend modernen Botschaften gesprochen hat, besteht nicht nur in einem Weiterleiten der Kontakte von Facebook ins reale Leben. Sie besteht vielmehr darin, in Facebook selbst und mit den Gesetzmäßigkeiten von Facebook christliche Wahrhaftigkeit zu verwirklichen.