• aktualisiert:

    Anwältin der Bedrängten

    Ich soll das Leiden der Menschen aussprechen.“ Mit diesen Worten beschrieb die Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz ihre Lebensaufgabe. Wegen dieser sozialen Haltung ist die Künstlerin hoch geachtet, wird aber auch als „Schmerzensmutter der Nation“ bespöttelt. Doch ihr Sohn Hans wandte ein: „Was konnte die Mutter lachen und wie sehnte sie sich, zu lachen. Menschen, die sie nur erlebt haben mit ihren guten traurigen Augen zuhörend, oder die sie nur von ihren Arbeiten her kennen, kennen nur einen Teil von ihr und nicht den, der Freude hatte an der Bejahung, an den jungen Menschen, am Witz, am Lachen, am Übermut, an der Komik.“

    Eindrucksvolle Bronze von Käthe Kollwitz: Klage (1938/40). Foto: Museum

    Ich soll das Leiden der Menschen aussprechen.“ Mit diesen Worten beschrieb die Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz ihre Lebensaufgabe. Wegen dieser sozialen Haltung ist die Künstlerin hoch geachtet, wird aber auch als „Schmerzensmutter der Nation“ bespöttelt. Doch ihr Sohn Hans wandte ein: „Was konnte die Mutter lachen und wie sehnte sie sich, zu lachen. Menschen, die sie nur erlebt haben mit ihren guten traurigen Augen zuhörend, oder die sie nur von ihren Arbeiten her kennen, kennen nur einen Teil von ihr und nicht den, der Freude hatte an der Bejahung, an den jungen Menschen, am Witz, am Lachen, am Übermut, an der Komik.“

    Die am 8. Juli 1867 in Königsberg geborene Käthe verbrachte mit ihren drei Geschwistern eine glückliche Kindheit. Ihr Vater Carl Schmidt war ein erfolgreicher Bauunternehmer. Ihre Mutter Katharina war die Tochter des evangelischen Theologen Julius Rupp. Früh erkannten die Eltern das künstlerische Talent Käthes – und förderten es durch privaten Zeichenunterricht sowie Studienaufenthalte in Berlin und München. Die angehende Künstlerin heiratete 1891 den Berliner Kassenarzt Karl Kollwitz. Das Paar bekam die Söhne Hans und Peter. Trotz Mutterpflichten setzte die Arztfrau am Küchentisch ihre künstlerische Arbeit fort.

    Mit einem für eine Künstlerin außergewöhnlich revolutionären Thema feierte sie ihren ersten großen Erfolg. Drei Jahre lang arbeitete sie an den drei Radierungen und drei Lithografien des Zyklus „Ein Weberaufstand“ und präsentierte ihn 1898 auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Die Jury schlug vor, Käthe Kollwitz für ihren Weber-Zyklus mit einer Medaille auszuzeichnen. Doch Kaiser Wilhelm II. verhinderte das: „Ich bitte Sie, meine Herren, eine Medaille für eine Frau, das ginge denn doch zu weit.“ Ein Jahr später war der Weberaufstand in der Deutschen Kunstausstellung Dresden zu sehen – und Max Lehrs sorgte dafür, dass Käthe Kollwitz die Kleine Goldmedaille erhielt.

    Als Leiter des Dresdner Kupferstich-Kabinetts war Max Lehrs der erste Museumsmann, der Werke von Käthe Kollwitz in eine öffentliche Kunstsammlung aufnahm. Mit dem Anspruch auf Vollständigkeit trug er eine der bedeutendsten Sammlungen der Druckgrafik von Käthe Kollwitz zusammen. Lehrs schätzte besonders ihre meisterhafte Beherrschung der druckgrafischen Techniken. Wiederholt bat er die Künstlerin, ihm Probe- und Zustandsdrucke zu überlassen.

    Während eines Studienaufenthaltes 1904 in Paris machte sich Käthe Kollwitz mit den Grundlagen plastischen Schaffens vertraut. Sie äußerte: Wenn sie noch einmal leben könne, würde sie sich ganz auf die Bildhauerei konzentrieren. Der rang sie mit dem 1932 vollendeten Mahnmal der „Trauernden Eltern“, die zum Gebet auf die Knie gesunken sind, ihr ergreifendstes Werk ab. Den Anstoß zu ihm gab der schwerste Schicksalsschlag ihres Lebens: der Tod des Sohnes Peter. Der 18 Jahre alte Kriegsfreiwillige fiel 1914 in Flandern. Daraufhin wandelte sich Käthe Kollwitz zur engagierten Pazifistin. Eines ihrer bekanntesten Plakate fordert „Nie wieder Krieg!“ (1924). Ein anderes klagt „Deutschlands Kinder hungern!“ (1923). Solcherlei Arbeiten mit humanitären oder sozialpolitischen Anliegen wirken recht gefühlsduselig. Denn um der Wirkung willen trug sie nach eigenem Bekunden „knüppeldick in Auffassung und Ausdrucksart“ auf. Sie verkündete: „Ich bin einverstanden damit, dass meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind.“

    Eben noch mit Ehrungen überhäuft, verdüsterten die Nationalsozialisten nach ihrer Machtübernahme 1933 die letzten Lebensjahre der Künstlerin. Sie nötigten Käthe Kollwitz zum Austritt aus der Akademie der Künste und sorgten für die Entfernung ihrer Arbeiten aus Ausstellungen. Sie notierte in ihr Tagebuch: „So etwas von Stille um mich – Das muss alles erlebt werden!“ Doch Käthe Kollwitz setzte ihr Werk unverdrossen fort. Eine ihrer späten Druckgrafiken wendet sich gegen den Zweiten Weltkrieg. Eine Frau birgt schützend Kinder unter ihrem Mantel: „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden“ (1942). Ihre Bildfindung geht auf das mittelalterliche Motiv der „Schutzmantelmadonna“ zurück: Die Jungfrau Maria hat ihren Umhang geöffnet, um die Menschen in ihre Obhut zu nehmen. Eine Plastik von 1937/38 stellt eine sitzende Frau mit ihrem toten Sohn im Schoß dar. Ihr Titel „Pieta“ weist darauf hin, dass das Motiv von der christlichen Kunst angeregt ist: Die Muttergottes trauert um den tot auf ihrem Schoß liegenden Jesus. Aber wie hielt es die von großer Nächstenliebe beseelte Käthe Kollwitz überhaupt mit der Religion? Einmal schreibt sie: „Ich bin kein religiöser Mensch.“ An anderer Stelle heißt es: „Bis heute weiß ich nicht, ob die Kraft, die meine Arbeit hervorgebracht hat, etwas ist, was mit Religion verwandt ist oder gar sie ist.“

    Ihr letztes Werk ist die 1943 geschaffene Kleinplastik „Zwei wartende Soldatenfrauen“. Das Gipsmodell ist im Sterbezimmer der Künstlerin ausgestellt. Im Juli 1944 war Käthe Kollwitz auf Einladung des sächsischen Prinzen Ernst Heinrich nach Moritzburg bei Dresden gezogen. Hier bewohnte sie zwei Zimmer im „Rüdenhof“, wo sie am 22. April 1945 starb.

    – Käthe Kollwitz Haus, Meißner Straße 7, Moritzburg. Mo.–Fr. 11–17 Uhr, Sa., So. 10–17 Uhr. Informationen: www.kollwitz-moritzburg.de. Bis 6.8. läuft die Sonderschau „Der Tod im Leben“.

    – Das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zeigt ab 19.10. im Residenzschloss die Sonderausstellung „Käthe Kollwitz in Dresden“.