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    Antitrinitarische Appelle im Felsendom

    Geburt des Islam: Im achten Jahrhundert wurde Arabien zum Ausgangspunkt einer weltpolitisch folgenreichen Dynamik Von Clemens Schlip

    Felsendom
    Der Felsendom in Jerusalem. Foto: Abedalrahman Hassan (APA Images via ZUMA Wire)

    In alten Büchern wird gerne das Wort „Arabersturm“ gebraucht, um die Expansion des Islam im Frühmittelalter zu beschreiben. In dieser naturgewaltlichen Metapher artikuliert sich die Überraschung darüber, dass Arabien, das immer ein Randgebiet der zivilisierten Welt gewesen war, im siebten und achten Jahrhundert zum Ausgangspunkt einer weltpolitisch folgenreichen Dynamik wurde. Dabei entsteht oft der Eindruck, diese Bewegung sei quasi aus dem Nichts heraus entstanden. Der Grund dafür ist einfach: Das vorislamische Arabien ist eine Leerstelle im historischen Bewusstsein. Diese Lücke zu füllen, unternimmt Glen Bowersock mit „Die Wiege des Islam“. Der emeritierte Professor am „Institute for Advanced Studies“ in Princeton vertraut dabei besonders den gerade in den letzten Jahrzehnten gemachten archäologischen Funden.

    Bowersock stellt das Wirken Mohammeds und seiner Nachfolger in den Kontext der spätantiken Traditionen, die Arabien vor dem Islam prägten. Dass es auf der Halbinsel im sechsten Jahrhundert ein jüdisches Königreich gab, dürfte im allgemeinen ebenso wenig bekannt sein wie dessen Ablösung durch das christliche Reich des Äthiopiers Abraha. In Zafar, der Hauptstadt dieses „Reiches von Himyar“, fanden Archäologen die einzige erhaltene christliche Statue aus vorislamischer Zeit auf der arabischen Halbinsel. Bowersock zeigt gut, wie bunt die religiöse Landschaft war: Neben Juden, Christen und Polytheisten gab es auch noch „heidnische Monotheisten“. Bowersock erinnert daran, dass Mohammed nicht der einzige „Prophet“ war, der zu seiner Zeit in Arabien auftrat. Auch der östlich von Mekka lebende Musailima beanspruchte, vom Erzengel Gabriel Offenbarungen empfangen zu haben, und schlug Mohammed sogar eine Kooperation vor (die dieser aber entrüstet ablehnte). Einen besonderen Fokus legt Bowersock auf die arabisch-äthiopischen Beziehungen. Einige der ersten Anhänger Mohammeds suchten beim äthiopischen Herrscher Schutz vor Verfolgung. Einer dieser Exilanten konvertierte sogar zum Christentum. Gegenüber seinen früheren Glaubensgenossen erklärte Ubaidullah ibn Jahsch, „Muslime sähen nur die Hälfte, Christen dagegen liege alles klar vor Augen“.

    Von faszinierender Folgerichtigkeit sind Bowersocks Überlegungen zum ersten „Umma-Dokument“, das 622 in Medina die Rechte und Privilegien aller in der Stadt lebenden Gruppen (darunter auch Nichtmuslime) formulierte. Bowersock kann plausibel machen, dass Byzanz diese Lösung über seine lokalen Klienten unterstützt haben muss. Seine Interpretation des historischen Kontexts ist bestechend klar, auch wenn es eine Ironie der Geschichte darstellt, dass der byzantinische Kaiser indirekt zum Förderer Mohammeds wurde. Auch auf den konkreten Vorgang der militärischen Expansion des Islam wirft Bowersock einen differenzierten Blick. Am Beispiel des Sophronius, des Patriarchen von Jerusalem, kann er zeigen, dass die Akzeptanz einer muslimischen Oberherrschaft christlichen Zeitgenossen nicht unbedingt als das größte Übel erschien. Sophronius hatte noch die Eroberung Jerusalems durch die zoroastrischen Sassaniden im Jahr 614 in traumatischer Erinnerung. Wesentlich entspannter verhielt er sich angesichts der Machtübernahme durch die Muslime. Sophronius und der Kalif Umar schlossen eine sowohl für Christen wie Muslime vorteilhafte Übereinkunft, von der die Juden der Stadt, die erfahrungsgemäß mit den Sassaniden sympathisierten, ausgeschlossen waren.

    Doch muss man fragen, ob Bowersock die Folgen für die angestammte nichtmuslimische Bevölkerung nicht doch verharmlost. Waren gleich zwei neue Steuern (die „Kopfsteuer“ und die Grundbesitzsteuer) wirklich eine so unerhebliche Neuerung, wie Bowersock suggeriert? Und schließlich muss er selbst einräumen, dass sich schon unter Kalif Abd al-Malik andeutete, dass die muslimischen Herrscher gegenüber den Christen nicht unbedingt immer nur auf Toleranz setzen würden. In Abd al-Maliks auf Koranversen basierenden Gestaltung der Inschriften im Inneren des Jerusalemer Felsendoms haben strikt antitrinitarische Appelle an die Adresse der Christen einen dominanten Platz („So glaubt an Gott und seine Gesandten und sagt nicht: „Drei!“ Hört auf damit, es wäre für euch besser.“) Eine verharmlosende Tendenz wird auch in Bowersocks Ausführungen zur sassanidischen Eroberung von Jerusalem deutlich. Dass die Archäologen in den Massengräbern weniger Leichen gefunden haben, als die historiographischen Quellen vermuten ließen, kann über die Tatsache, dass die Perser doch Teile der Zivilbevölkerung niedermetzelten, nicht wirklich hinwegtrösten.

    Teilweise kritikwürdig ist auch die Darstellungsweise. Kleinere Versehen – wie die rätselhafte Behauptung, dass in Ägypten „die Verwendung von Papyri für Dokumente und Verträge erstmals nach der Ankunft der Muslime begann“ – fallen vielleicht nicht weiter ins Gewicht; der Hang zu redundanten Wiederholungen des in früheren Kapiteln schon Ausgeführten dagegen schon. Der Hauptkritikpunkt ist freilich ein gewisser Minimalismus. Bowersock liefert in seinem insgesamt viel zu knapp gehaltenen Buch mehr andeutende Skizzen als eine wirklich umfassende Darstellung der frühislamischen Expansion. Das Buch bleibt aus diesem Grund trotz seiner unbestreitbaren Qualitäten doch ein wenig hinter den hohen selbstgesteckten Ansprüchen zurück.

    Glenn W. Bowersock: Die Wiege des Islam. Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen. C.H. Beck, München 2018, 160 Seiten, EUR 22,–

    Von Clemens Schlip

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