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    Annäherung zwischen Kommissaren

    Voriges Jahr nahm beim Münchener „Polizeiruf 110“ Christian Petzold auf dem Regiestuhl Platz. Der renommierte Regisseur, der mit seinen Kinofilmen, so zuletzt „Barbara“ (2012) und „Phoenix“ (2014), immer wieder internationale Preise gewonnen hatte, führte im neuntem Fall des von Matthias Brandt dargestellten Kriminalhauptkommissars Hanns von Meuffels „Kreise“ (DT vom 27.06.2015) erstmals Regie bei einem Fernsehfilm. Von Meuffels wurde zu Beginn der Folge Constanze Hermann (Barbara Auer) zur Seite gestellt, die nach privaten Problemen und längerer Auszeit ihren Wiedereinstieg in den Berufsalltag versucht. Obwohl „Kreise“ auch von der Aufklärung eines Mordes handelt, inszeniert Christian Petzold die Folge betont anders als klassische Kriminalfilme. Petzold geht es in „Kreise“ vor allem um Seelenzustände und um zwischenmenschliche Beziehungen. Diese Akzentsetzung zusammen mit den ästhetisch anspruchsvollen Bildern von Hans Fromm verleiht „Kreise“ eine Anmutung, die sich den Gesetzen des Krimigenres teilweise widersetzt – obwohl Petzolds „Polizeiruf 110“-Folge auf den ersten Blick wie jeder andere Krimi abläuft und auch den Kriminalfall aufklärt.

    Constanze Hermann (Barbara Auer) und Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) sind auf dem Hof des Türken Mehmet Özhan auf S... Foto: BR/Claussen+Putz/Christian Schulz

    Voriges Jahr nahm beim Münchener „Polizeiruf 110“ Christian Petzold auf dem Regiestuhl Platz. Der renommierte Regisseur, der mit seinen Kinofilmen, so zuletzt „Barbara“ (2012) und „Phoenix“ (2014), immer wieder internationale Preise gewonnen hatte, führte im neuntem Fall des von Matthias Brandt dargestellten Kriminalhauptkommissars Hanns von Meuffels „Kreise“ (DT vom 27.06.2015) erstmals Regie bei einem Fernsehfilm. Von Meuffels wurde zu Beginn der Folge Constanze Hermann (Barbara Auer) zur Seite gestellt, die nach privaten Problemen und längerer Auszeit ihren Wiedereinstieg in den Berufsalltag versucht. Obwohl „Kreise“ auch von der Aufklärung eines Mordes handelt, inszeniert Christian Petzold die Folge betont anders als klassische Kriminalfilme. Petzold geht es in „Kreise“ vor allem um Seelenzustände und um zwischenmenschliche Beziehungen. Diese Akzentsetzung zusammen mit den ästhetisch anspruchsvollen Bildern von Hans Fromm verleiht „Kreise“ eine Anmutung, die sich den Gesetzen des Krimigenres teilweise widersetzt – obwohl Petzolds „Polizeiruf 110“-Folge auf den ersten Blick wie jeder andere Krimi abläuft und auch den Kriminalfall aufklärt.

    Nachdem beim 10. Meuffels-Film „Und vergib uns unsere Schuld“ der ebenfalls bekannte Marco Kreuzpaintner Regie führte, inszeniert Christian Petzold erneut einen Münchener „Polizeiruf 110“. Wieder ermittelt Constanze Hermann zusammen mit Hanns von Meuffels, so dass „Wölfe“ als eine Art Fortsetzung von „Kreise“ angesehen werden kann.

    Nach einer fast surrealistisch anmutenden Szene mit einem Wolfsrudel in der Abenddämmerung beginnt die neue „Polizeiruf 110“-Folge mit einem Telefonat zwischen der Hamburger Kommissarin Constanze Hermann und Hauptkommissar Hanns von Meuffels, bei dem dem Zuschauer schnell deutlich wird, dass er in seine Kollegin verliebt ist. Sie sei in Hamburg, sagt sie zu ihm. In Wirklichkeit hat sie in einem Wellness-Center in einem bayerischen Dorf Zuflucht gesucht, um ihr Alkoholproblem zu überwinden. Bei dem Telefonat gibt sie ihm Tipps für die Aufklärung eines Falles. Eine Rechtsanwältin ist tot und mit entstelltem Gesicht aufgefunden worden. Ob es sich um einen rituellen Mord handelt, fragt der Hauptkommissar Constanze. Aber sie hat eine andere, viel einfachere Lösung. Meuffels erkennt wieder das, wofür er seine Kollegin bewundert, ihre hohe Intelligenz und Kombinationsfähigkeit.

    Die Tote mit dem entstellten Gesicht ist jedoch nicht der Fall, der in „Wölfe“ im Mittelpunkt steht. Vielmehr geht es um einen großen Wolf, der in Oberbayern sein Unwesen treibt und bereits etliche Schafe gerissen hat. Einem Wolf besonderer Art begegnet Constanze im Wald, als sie vom Zigarettenholen aus dem Dorf in die Klinik zurückkehrt. Sie hat einen Wolf auf zwei Beinen gesehen! Oder war es lediglich eine Halluzination, nachdem sie in der Dorfkneipe nicht nur Zigaretten gekauft, sondern gleich neun Gin-Tonic verzehrt hat? Am nächsten Morgen erfährt sie allerdings, dass eine Klinikangestellte (Anna Unterberger) ermordet wurde. Sie hatte Constanze noch am Abend in der Kneipe getroffen, wobei sie allerdings merkwürdige Dinge erzählt hatte. Rätselhaft hört sich ebenfalls die Expertise eines zu Rate gezogenen Zoologen aus der Münchener Universität (Sebastian Hülk) an: Dieser Wolf muss mindestens zwei Meter groß gewesen sein. Etwas Ähnliches hat der Zuschauer, wenn auch ziemlich undeutlich, in der Vollmondnacht gesehen.

    Das Mythische, das Märchenhafte im Zusammenhang mit Wölfen steht im Mittelpunkt von „Wölfe“, nicht so sehr eine möglichst realistische Darstellung des Fernsehkrimis. Die üblichen Krimielemente sind hier lediglich angerissen: Bei ihren Ermittlungen geraten von Meuffels und Hermann an den Hundezüchter Mehmet Özhan (Ercan Durmaz), der einen halbzahmen Wolf besitzt. Außerdem hatte er ein Verhältnis zur Toten. Özhan ist allerdings ehemaliges Mitglied der rechtsextremen türkischen Partei „Graue Wölfe“ und steht unter dem Schutz des Bundesnachrichtendienstes. Deshalb taucht irgendwann einmal Meuffels Vorgesetzter auf, um den beiden Kommissaren den Fall zu entziehen. Dafür sei nun der BND zuständig.

    Irgendwann einmal ist – wie schon bei „Kreise“ – der Fall gelöst. Aber darum geht es eigentlich nicht. Der Film konzentriert sich erneut auf die Beziehung zwischen Hanns von Meuffels und Constanze Hermann. Die Zeit, die sie vorzugsweise im Auto zusammen verbringen, während sich die beiden über Filme mit Paul Newman oder Yves Montand unterhalten, machen den Kern von „Wölfe“ aus. Oder auch die Zeit, in dem sie zusammen rauchen und Musik hören – der Song „Anyone Who Had a Heart“ ist gleich mehrfach zu hören. Barbara Auer fasst es so zusammen: Es gehe eigentlich „um die beiden Ermittler, ihre Einsamkeit, ihre Sehnsucht und die gegenseitige Anziehung. Eine erwachsene Liebe zwischen Menschen, die vom Leben beschädigt sind und die sich über Musik, Filme und Bücher austauschen, annähern und sich verlieben.“

    Kameramann Hans Fromm arbeitet mit helldunklen Kontrasten. Bei etlichen Szenen verzichtet er auf künstliches Licht, so dass die Dunkelheit überwiegt. Für die Schönheit des Alpenlandes scheint er kein Auge zu haben. Vielmehr betont Fromm die Dunkelheit des Waldes, in dem so viele Märchen und Mythen spielen. Dadurch wird eine düstere Märchenhaftigkeit betont, die zusammen mit wenigen, aber wirkungsvoll eingesetzten Schockelementen aus „Wölfe“ eigentlich ein Anti-Märchen machen.

    „Polizeiruf 110: Wölfe“. Regie: Christian Petzold, Sonntag, 11. September, 20.15 Uhr, ARD, 90 Minuten