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    Amtsstreit der Historiker

    Geist und Gegengeist von 1968 konnte man am Mittwochabend in der Katholischen Akademie in München auch als Nachgeborener authentisch wehen fühlen, als der Jenenser Historiker Norbert Frei und der emeritierte Bonner Politikwissenschaftler Christian Hacke um die Studie „Das Amt“ stritten, oder besser: einander bekriegten. Hacke, während der Studentenrevolte RCDS-Vorsitzender in Berlin und damit in Abwehrkämpfen gestählter Konservativer, griff Frei frontal an, der der Historikerkommission angehörte, die die Studie erarbeitete. Als „Fischers willige Helfer“ bezeichnete er die Kommission, anspielend auf Goldhagens umstrittenes Kollektivschuldwerk „Hitlers willige Vollstrecker“, und warf den Historikern damit vor, als wissenschaftliche Erfüllungsgehilfen ihres politischen Auftraggebers gehandelt zu haben. Sie seien dem Anliegen des früheren Außenminister Joseph Fischer auf den Leim gegangen, der anlässlich der Vorstellung des Werkes im Oktober ausgerufen habe: „Endlich bekommen die Herren den Nachruf, den sie verdienen“. Nach dieser Lesart ist die Studie ein später Sieg des Straßenkämpfers und Steinewerfers Fischer samt seinen anti-elitären Ressentiments gegen das bürgerliche Establishment seiner Jugend.

    Die Schatten der Vergangenheit wollen nicht verschwinden: Die Historikerkommission, die die Arbeit des Auswärtigen Amtes... Foto: dpa

    Geist und Gegengeist von 1968 konnte man am Mittwochabend in der Katholischen Akademie in München auch als Nachgeborener authentisch wehen fühlen, als der Jenenser Historiker Norbert Frei und der emeritierte Bonner Politikwissenschaftler Christian Hacke um die Studie „Das Amt“ stritten, oder besser: einander bekriegten. Hacke, während der Studentenrevolte RCDS-Vorsitzender in Berlin und damit in Abwehrkämpfen gestählter Konservativer, griff Frei frontal an, der der Historikerkommission angehörte, die die Studie erarbeitete. Als „Fischers willige Helfer“ bezeichnete er die Kommission, anspielend auf Goldhagens umstrittenes Kollektivschuldwerk „Hitlers willige Vollstrecker“, und warf den Historikern damit vor, als wissenschaftliche Erfüllungsgehilfen ihres politischen Auftraggebers gehandelt zu haben. Sie seien dem Anliegen des früheren Außenminister Joseph Fischer auf den Leim gegangen, der anlässlich der Vorstellung des Werkes im Oktober ausgerufen habe: „Endlich bekommen die Herren den Nachruf, den sie verdienen“. Nach dieser Lesart ist die Studie ein später Sieg des Straßenkämpfers und Steinewerfers Fischer samt seinen anti-elitären Ressentiments gegen das bürgerliche Establishment seiner Jugend.

    Tatsächlich war die sogenannte Nachrufaffäre unter Fischer Auslöser der Studie. Der Grüne hatte 2003 nach Kritik an der Würdigung des früheren Generalkonsuls Franz Nüßlein, der auch NS-Staatsanwalt in Prag gewesen war, zunächst angeordnet, Mitglieder der NSDAP generell von einem Nachruf im Hausblatt „AA Intern“ auszunehmen. Vielleicht weil dies delikaterweise auch die beiden Außenminister Scheel und Genscher betroffen hätte und nach heftigem Protest vor allem ehemaliger Amtsangehöriger, verfügte Fischer, dass auf die übliche Versicherung des ehrenden Angedenkens künftig generell verzichtet werden sollte. Weiter setzte er eine „unabhängige Historikerkommission“ ein, die als Auftrag die Erforschung der Rolle des Amtes im Dritten Reich sowie die personellen Kontinuitäten nach der Wiederbegründung des Amtes 1951 in der Bundesrepublik hatte.

    Die Ergebnisse ihrer Arbeit legte die Kommission im Oktober vergangenen Jahre in Anwesenheit von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) vor. Dieser, anspielend auf die amtsinterne Lesart, die Rolle des Hauses habe irgendwo in der Mitte zwischen Resistenz und Kollaboration gelegen, sagte: „Da liegt sie nicht“. In der Folge schoss das 800-seitige Werk auf die Bestsellerlisten und erhielt maximale Aufmerksamkeit. Die Hauptthesen: Das Amt war kein Hort des Widerstands. Das Amt war nicht nur das Auswärtige Amt im, sondern das Auswärtige Amt des Dritten Reichs. Es sei in dessen Verbrechen nicht einfach nur prozedural verstrickt, sondern an ihnen aktiv, wenn nicht wie im Falle der zeitweise erwogenen Versendung der Juden nach Madagaskar sogar proaktiv beteiligt gewesen. Im Bonner Außenamt hätte man sich nach dem Kriege dann Persilscheine ausgestellt. So hätten es Ex-AAler doppelt so häufig auf die Entlastungsliste im Entnazifizierungsverfahren geschafft wie die Angehörigen anderer Behörden. Intern sei man sich aufgrund der Belastung vieler neuer alter Mitarbeiter aber durchaus bewusst gewesen, dass diese nur im arabischen oder südamerikanischen Raum und dessen Despotien einsetzbar seien. Einzig Amtsangehörige, die sich gegen andere als Denunzianten etwa bei der Gestapo betätigt hätten, seien von einer Wiederverwendung ausgeschlossen gewesen, weil man dieses Vergehen gegen den legendären Korpsgeist der Diplomaten für unverzeihlich gehalten hätte.

    Hacke warf nun den Historikern vor, vom hohen Ross der Nachgeborenen herab und mit moralischem Rigorismus Urteile über die Diplomaten zu fällen, die in einer Zeit der Diktatur, des Massenmordes und Weltkrieges gelebt hätten. Es sei offenbar selbst Historikern nicht mehr begreifbar zu machen, dass man – sei es aus Opportunismus, sei es aus falsch verstandenem Patriotismus – Parteimitglied geworden und gleichzeitig Widerstandskämpfer gewesen sein konnte. Der hochtrabende Idealismus werde den Umständen schlicht nicht gerecht. Vielmehr solle man sich an der Weisheit eines Thukydides, Machiavellis oder Hans Morgenthaus orientieren, die allesamt für einen menschenbildlichen Realismus standen und damit die Grauzonen des Handelns besser würdigen konnten.

    Das rief den anwesenden Philosophen Jürgen Habermas auf den Plan, der sich überrascht zeigte und Fronten, wie sie in der Diskussion offenbar geworden wären, seit Ende der achtziger Jahre für unmöglich gehalten hätte. Damit bezog er sich auf den von ihm Mitte der achtziger Jahre maßgeblich mitangeheizten Historikerstreit um Ernst Nolte und das in der Folge dogmatisch gewordenen Urteil über die Singularität des Holocausts. Ob er, Hacke, seinen realistischen Ansatz denn nicht für gefährlich halte, fragte Habermas. Reiche eine realistische Anthropologie wirklich aus, um die wenigstens äußerliche Anpassung der alten Eliten im neuen NS-Staat zu erklären? Oder müsse nicht zumindest eine Überlappung der Mentalitäten hinsichtlich des geteilten Nationalpatriotismus und Antisemitismus angenommen werden? Hacke gab Habermas in seiner Replik die Gefahr des Apologetischen durchaus zu. Aber gerade für die Zeit des Nationalsozialismus erkläre der realistische Ansatz mehr als der idealistische, weil dieser die Gefahr der Weltfremdheit berge. Kollege Frei selbst erklärte sich als Historiker für derartige Fragestellungen schlankweg nicht zuständig. Idealismus oder Realismus: das spiele für ihn keine Rolle, weil er sich der Objektivität verpflichtet fühle. Zudem habe er zusammen mit den Kollegen eine Institutionen- und keine Personengeschichte geschrieben.

    Das wiederum wollte Hacke so nicht gelten lassen. Beides könne man gar nicht trennen. Außerdem bestehe die Studie zu weiten Teilen aus Kurzbiografien. Gerade in diesen aber würde alles, was einzelne entlaste, heruntergeredet, während sie gleichzeitig, alles was sie belaste, überbetonten. Unter vielen Beispielen führte er den Botschafter Erwin Wickert an, den Vater des Journalisten Ulrich Wickert. Zudem sei die Kennzeichnung des Auswärtigen Amtes als verbrecherischer Organisation, wie sie etwa Kommissionsmitglied Eckart Conze vorgenommen habe, maßlos übertrieben. Die Annahme, das Amt sei ein Motor der Judenvernichtung gewesen, sei haltlos. Dem Historiker Daniel Koerfer folgend hätte der Holocaust auch dann stattgefunden, wenn ein Ufo das Amt entführt und aus der Welt gebracht hätte, so Hacke. Außerdem übersehe die Studie geflissentlich, welche Verdienste sich die Diplomaten aus der Berliner Wilhelmstraße in der Bonner Republik erworben hätten. Botschafter Rolf Friedemann Pauls etwa sei erster Vertreter der Bundesrepublik in Israel gewesen und habe sich um die Aussöhnung beider Völker hoch verdient gemacht.

    Das wiederum brachte ihm den Tadel Freis ein. Zwar habe er durchaus Verständnis für integrierte Eliten. Nicht verstehen aber könne er, wenn Jüngere meinten, dass Verdienste in der Bundesrepublik das Versagen im Dritten Reich überwiegen und wiedergutmachen könnten. So geriet dieser Abend zu einer Anschauungsstunde über Geschichtspolitik in Nachkriegsdeutschland. Denn letztere sagt offenbar mehr aus über die Gegenwart als über die Vergangenheit, die nicht vergehen will.