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    Als sich Hans Küng gegen Rom gestellt hat

    Die Katholisch-Theologische Fakultät Tübingen feierte ihr 200. Bestehen. Ein Blick in ihre Geschichte macht deutlich, wie die Tübinger Schule zunächst die Wahrheit des katholischen Glaubens in seiner Ganzheit gezeigt hat. Von Michael Karger

    Verabschiedung Hans Küng
    Hans Küng bei seiner Verabschiedung in Tübingen 2013. Foto: dpa

    Mit der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen verbindet sich besonders der Begriff der Tübinger Schule. Nun bemerkte unlängst der Tübinger Kirchenhistoriker Holzem, dass es sich bei der „Tübinger Schule“ lediglich um eine „stolze Selbstzuschreibung einiger Professoren“ (KNA) handle, denn „besondere und dauerhaft angewandte Kriterien, wie Theologie zu betreiben ist und auf Herausforderungen zu reagieren habe, gebe es nicht. Bis heute.“ Im Gegensatz dazu hat Max Seckler die Verbindung „strenge Wissenschaftlichkeit, praktische Gegenwartsbezogenheit und unbeirrbare, selbstständige, mündige Kirchlichkeit“ als die drei Prinzipien benannt, die für die Tübinger Schule kennzeichnend sind. Durch die gelungene Synthese von theologischer Forschung und kirchlicher Glaubenshaltung sei, so Max Seckler, der „Identitätsstrom der katholischen Tübinger Schule nie abgerissen“. In diesem Zusammenhang nannte er die Namen der Tübinger Theologen des 20. Jahrhunderts Karl Adam und Josef Rupert Geiselmann.

    Alles begann an der theologischen Fakultät in Ellwangen. Dort lehrte der Gründer der Tübinger Schule, der 1853 gestorbene Johann Sebastian Drey. An die Universität Tübingen übersiedelte die Fakultät 1817. Seit 1819 gibt die Fakultät die „Theologische Quartalschrift“ heraus, deren von Drey verfasste Richtlinien als die eigentliche Programmschrift der Tübinger Schule gelten. Zu den wichtigsten Vertretern gehören Johann Adam Möhler, Fr. A. Staudenmaier, J. B. Hirscher, dann J.E. Kuhn und C. J. Hefele. Über die römische Schule beeinflussten die Tübinger auch John Henry Newman. Später wirkten ihre Schriften auch auf das Denken der großen französischen Theologen H. Lubac und Y. Congar ein. Der Tübinger Schule ging es darum, die Wahrheit des katholischen Glaubens in seiner Ganzheit darzustellen. Damals schuf man die neue Disziplin der „theologischen Enzyklopädik“, in der es um die Zusammenschau der Theologie, des Glaubens, des Christentums und des Katholizismus ging.

    Identität des Katholischen ist heute beliebig geworden

    Inkarnatorisches Prinzip, geschichtliches Denken, Wiederentdeckung der Patristik, Überwindung des Rationalismus, sakramentales Kirchenverständnis, Organismusgedanke, Erneuerung des Traditionsbegriffs, Ökumene sind Stichworte, die andeuten, dass der Einfluss der Tübinger Schule auf die Entwicklung der Theologie nicht zu überschätzen ist. Mit der „Symbolik“ wurde in Tübingen eine weitere Disziplin, die in der evangelischen Theologie entstanden war, für die katholische Theologie fruchtbar gemacht, man würde es heute Konfessionskunde nennen. Dabei wurde die spezifische Kirchlichkeit aus den jeweiligen Bekenntnisschriften erhoben und begründet. Man fragte nach der grundlegenden Idee, die das Zentrum des eigenen Bekenntnisses ausmachte und den Unterschied zu anderen Konfessionen begründete.

    Besonders Möhler stellte in seiner „Symbolik“ den organischen Zusammenhang aller Glaubensinhalte dar und ordnete sie um die eine Grundidee. Die Orientierung der Tübinger Schule an den Glaubensinhalten ist von bleibender Bedeutung: Das Bekenntnis macht den Glauben. Die Frage nach der Identität des Katholischen ist gerade heute massiv der Beliebigkeit und dem Identitätsverlust ausgesetzt.

    Erst die Gewissheit der eigenen Identität ermöglicht aber das Verstehen des Partners im ökumenischen Dialog und das Lernen voneinander. Dies wäre im Geist der Tübinger Schule dem Motto der aktuellen Feierlichkeiten zum Fakultätsjubiläum „Nicht ohne die Anderen“ hinzuzufügen. Als grundlegendes Prinzip der Kirche bezeichnete Möhler das Gott-Menschliche: „Die Grundlage der Kirche ist der lebendige Christus, der Mensch gewordene Gott, nicht das Suchen, wer er sein möge …; denn Christus ist heute und in Ewigkeit derselbe.“

    Tradition und unfehlbares Lehramt gehören notwendig zur katholischen Glaubenslehre. Die Lehre von der Kirche als Sakrament, ihre einzigartige Christusverbindung, wurde im 19. Jahrhundert in Tübingen mit der Formel von der Kirche als dem „fortlebenden Christus“ ausgesagt. Heute sieht man darin die Lehre von der Kirche als Ursakrament des Zweiten Vatikanischen Konzils vorweggenommen. Von Hans Küng umworben, der seit 1960 den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie in Tübingen innehatte, kam Joseph Ratzinger zum Wintersemester 1966/67 an den Neckar. Küng wollte auch Karl Rahner nach Tübingen holen, um von dort aus die seiner Meinung nach vom Konzil nur unzureichend erledigte Reformarbeit fortzusetzen. Beflügelt von dem neuen Selbstbewusstsein der Theologen, die sich seit dem Konzil als das neue Lehramt verstanden, dem die Bischöfe zu folgen hätten, schwebte Küng Tübingen als das Zentrum einer permanenten Reformbewegung im Kampf gegen römischen Zentralismus und konservative Bischöfe vor. Im Sommersemester 1967 hielt Joseph Ratzinger für Hörer aller Fakultäten die Vorlesung „Einführung in das Christentum“. Er folgte damit einer Anregung eines Verlegers, der ihm vorgeschlagen hatte, eine zeitgemäße Darstellung des Glaubens analog dem Buch des Tübinger Dogmatikers Karl Adam „Das Wesen des Katholizismus“ zu schreiben.

    Ratzingers „Einführung“ bestand in der Auslegung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Damit stellte er sich gewissermaßen in die große Tradition der Tübinger Schule. Diese Vorlesung, 1968 als Buch veröffentlicht, wurde ein spektakulärer Verkaufserfolg. Viel Menschen weltweit fanden über das Buch zum Glauben. In den Verwirrungen der frühen Nachkonzilszeit stellte Ratzinger die Frage nach Gott und nach Jesus Christus als die Mitte des christlichen Glaubens heraus: „Wenn für das christliche Gottesbild das Stichwort Logos – das Wort am Anfang, die schöpferische Vernunft und Liebe – bestimmend ist und wenn der Begriff des Logos zugleich die Mitte der Christologie, des Christusglaubens bildet“, dann zeige sich darin die „Untrennbarkeit von Glaube an Gott und Glaube an seinen menschgewordenen Sohn Jesus Christus“. Auf die „Einführung“ von Ratzinger antwortete Hans Küng 1977 mit seinem Buch „Christ sein“. Ratzinger hatte sich bereits 1969 von Küng abgewandt und Tübingen verlassen. Von Theologie im Sinne einer Orientierung am Bekenntnisglauben hatte sich Küng schon 1970 mit „Unfehlbar? Eine Anfrage“ verabschiedet. Prinzipiell entschied er sich hier für das Dogma: Kein Dogma. An die Stelle der Kirche als Vergewisserungsinstanz für den Glauben setzt Küng die Autorität des Wissenschaftlers und seiner Hypothesen.

    Zukunftsweisend: Joseph Ratzingers Prinzipienlehre

    Damit wird der Glaube dem Pluralismus der Meinungen und der Beliebigkeit ausgeliefert: Trinitätslehre und Zwei-Naturenlehre sind nur noch hellenistische Fehlinterpretationen des allein von der historisch-kritischen Methode zu erhebenden Schriftbefundes. War die „Einführung in das Christentum“ die letzte große Sternstunde in der Geschichte der Fakultät Tübingen, die zudem ganz im Geist der Tübinger Schule deren Prinzipien in zeitgemäßer Form kreativ erneuerte, so hat Küng in „Christ sein“ mit diesen Prinzipien gebrochen. Auch wenn Hans Küng 1979 die Lehrbefugnis entzogen wurde – er lehrte in Tübingen weiter bis 1996 –, machen die damaligen Ereignisse in Tübingen eine Krise der katholischen Theologie deutlich, die bis heute nicht überwunden worden ist.

    Wenn Glauben heißt, sich der Überlieferungsgemeinschaft der Kirche anzuschließen, dann setzt die Theologie den Glauben voraus. Die Theologie dient dem Taufglauben. Dieser Glaube hat eine inhaltliche Gestalt. Als Repräsentanten der Kirche haben die Bischöfe die Pflicht, der Theologie gegenüber für den Taufglauben einzutreten. Insofern meint die Bezeichnung Tübinger Schule eben keine einseitige Richtungsbildung innerhalb einer Pluralität von theologischen Meinungen. Diese kann es erst geben, wenn das Dogma als die gemeinschaftliche Form des Glaubens verschwunden ist, lehrt Ratzinger.

    Die Tübinger Schule verstand sich als kirchliche Theologie, deren Prinzipien von Joseph Ratzinger gerade aufgrund seiner Erfahrungen seiner Tübinger Zeit zukunftsweisend in seiner theologischen Prinzipienlehre erneuert worden sind. Was man im Sinne von Max Seckler als Beweis dafür nehmen darf, dass der „Identitätsstrom der katholischen Tübinger Schule nie abgerissen“ ist.

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