• aktualisiert:

    Alles überstrahlt die Idee umfassender Wahrheit

    Das Wunder ereignet sich einer für Hans Blumenberg üblichen Arbeitsnacht. Gerade als er hinter seinem Schreibtisch die Kassette seines Aufnahmegeräts wechseln möchte, geschieht das Ungeheuerliche und Unbegreifliche: Wie aus heiterem Himmel wird er eines stolzen Löwens gewahr, der majestätisch seinen Platz auf dem Teppich einnimmt. Weder Angst noch Unmut stellen sich bei dem Denker im Angesicht dieser geisterhaften Erscheinung ein. Vielmehr liegen Bewunderung und Faszination in der Luft – eine schillernde Stimmung, die Sibylle Lewitscharoffs gesamten Roman „Blumenberg“ durchzieht. Natürlich gilt für die manieriert-erlesen verfasste Annäherung an eine der letzten großen Intellektuellenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Dichtung heißt nicht Wahrheit, obgleich – so viel sei gesagt – die 1954 in Stuttgart geborene Schwäbin durchaus keine recht breit angelegte Recherche zur Vorbereitung ihres Romanprojektes gescheut hat.

    Das Wunder ereignet sich einer für Hans Blumenberg üblichen Arbeitsnacht. Gerade als er hinter seinem Schreibtisch die Kassette seines Aufnahmegeräts wechseln möchte, geschieht das Ungeheuerliche und Unbegreifliche: Wie aus heiterem Himmel wird er eines stolzen Löwens gewahr, der majestätisch seinen Platz auf dem Teppich einnimmt. Weder Angst noch Unmut stellen sich bei dem Denker im Angesicht dieser geisterhaften Erscheinung ein. Vielmehr liegen Bewunderung und Faszination in der Luft – eine schillernde Stimmung, die Sibylle Lewitscharoffs gesamten Roman „Blumenberg“ durchzieht. Natürlich gilt für die manieriert-erlesen verfasste Annäherung an eine der letzten großen Intellektuellenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Dichtung heißt nicht Wahrheit, obgleich – so viel sei gesagt – die 1954 in Stuttgart geborene Schwäbin durchaus keine recht breit angelegte Recherche zur Vorbereitung ihres Romanprojektes gescheut hat.

    Dass die Autorin der Pong-Texte, aber ebenso des raffiniert komponierten Künstlerromans „Montgomery“ (2003) Blumenberg nicht einfach Blumenberg sein lässt, sondern ihn so liebevoll wie gemeinhin verschmitzt in einen literarischen Kosmos verschiebt, macht den faszinierenden und letztlich auch religiösen Reiz des Werkes aus. Schon in einer frühen Bemerkung des Protagonisten im nächtlichen Arbeitszimmer wird klar, wie Lewitscharoff den Hochschullehrer neu zu begreifen sucht: „Der Löwe ist zu mir gekommen, weil ich der letzte Philosoph bin, der ihn zu würdigen versteht“. Aber warum? Um dies zu beantworten, bedarf es zunächst eines Blickes auf den echten Gedankenakrobaten. Allen vor-an in dessen Hauptwerk „Arbeit am Mythos“ (1979) zeigt sich Blumenbergs Hinwendung zum Narrativen und Erfundenen. Da die Wirklichkeit den Menschen zu überfordern sucht, ihn mit Leid und Unglück konfrontiert, fungieren Mythen als Flucht- und Ausgleichssysteme. Wir schaffen uns seit jeher komische oder welterklärende Geschichten, damit wir uns besser mit der Realität zu arrangieren lernen.

    Auch der von Lewitscharoff gezeichnete Löwe – ob als König der Tiere oder als der Heiligenbegleiter und Beschützer des Hieronymus im Gehäus – stammt aus jenem Zwischenreich biblischer und mythologischer Legenden. Er verleiht der ansonsten akademischen Existenz des fiktionalisierten Philosophen eine metaphysische Qualität, welche die profane Gegenwart in gänzlich neuem Licht erscheinen lässt. Bei Vorlesungen sitzt die stolze Raubkatze friedfertig auf der Treppe, ohne dass jemand anderes außer Blumenberg davon Notiz nimmt und weiß, in dem Wesen einen zuverlässigen Begleiter in der intellektuellen Einsamkeit gefunden zu haben. Der Mythos heilt die verlorene Ganzheitlichkeit von Subjekt und Welt, löst die Brüche des Daseins und insbesondere der Moderne auf, indem er einen universalen Zusammenhang aller Dinge und Geschehnisse zu begründen sucht.

    Dass die Wahl der Trägerin des Georg Büchner-Preises des Helden ihres Buches angesichts dessen gerade auf den bis zuletzt an der Westfälische Wilhelms-Universität Münster lehrenden Professor fiel, dürfte sicherlich kein Zufall gewesen sein. Sein Selbstbild als Agnostiker erscheint dazu prädestiniert, es für den Vorstellungsraum des Glaubens aufzuweiten. Eigentlich sah sich Blumenberg mehr oder weniger als Rationalist, den die studierte Religionswissenschaftlerin Lewitscharoff charmant katholiziert. Literarisch mag man ihr Verfahren der Irrealisierung und Irrationalisierung durch das Übersinnliche als magischen Realismus einordnen. In einer tieferen Dimension vollzieht sie jedoch das Entstehen des Glaubens an sich nach und offenbart dessen stabilisierende Wirkung. Der Mythos wird für diesen halbbiografischen Blumenberg zum vitalen Erlebnis, spendet Trost und macht die Existenz durch die Anwesenheit eines quasigöttlichen Wesens reicher und intensiver.

    Die letzten Sätze des Buches schließen nicht nur ein Leben im Zeichen der Forschung und des Schreibens ab, sondern fungieren als Schleuse ins christliche Jenseits: „Königlich, königlich schollernden Klanges fuhr Blumenberg! Aus dem Rachen des Löwen. War der Mann in der Höhle bisher nicht viel mehr gewesen als Luft an der Luft, schien auf den Namenszuruf hin eine andere Materie ihn zu befüllen. Lichtsendendes Blut zirkulierte in seinen Adern. Er strahlte und zitterte und hielt die schwankenden Arme weit ausgebreitet. Da hieb ihm der Löwe die Pranke vor die Brust und riss ihn in eine andere Welt.“ Es ist die Erlösung, das Aufgehen in höhere Gefilde, die den unermüdlichen Denker sein gesamtes Leben umtrieben.

    Versteht sich die Autorin damit als eine Missionarin im Mantel der Kunst? Das sicherlich weniger. Lewitscharoff möchte keine Heilsgeschichte verkaufen. Sie ist keine Gottes-Maklerin oder schreibende Wanderpredigerin, sondern zeigt auf höchst präzise Weise die Kraft des Metaphysischen in ihren Werken auf. Gemäß der biblischen oder auch der kabbalistischen Auffassung wirkt in der Schrift selbst das Überweltliche und Überzeitliche. Die Figuren der Schriftstellerin mögen modern erscheinen, ihre Ideen und Sehnsüchte, ihre Sinn-und Identitätssuchen sind aber von zeitloser Bewandtnis. „Blumenberg“ dürfte in dieser Hinsicht ihr hellsichtigstes und bislang einschlägigstes Werk mit christlicher Ambition sein. Ihr Mirakulismus trägt darin das Wunder wie einen himmlischen Sohn in das profane Dasein.

    Weniger plakativ, dafür aber nicht minder reizvoll ist ihr Roman „Apostoloff“ (2009). Bereits aus dem Titel ergibt sich die Nähe zum Evangelium. Die Handlung dieses rasant erzählten inneren Monologs mutet hingegen sehr banal an: Nach dem Tod ihres Vaters macht sich die Ich-Erzählerin gemeinsam mit ihrer Schwester auf den Weg nach Bulgarien, wo sie den Leichnam des Verstorbenen beisetzen wollen. Voll grotesk-amüsantem Hass zieht sie im Laufe des Road-Berichts über die zerfallene Ostblock-Landschaft her. Wohingegen Sie sich auf der Oberfläche ihrer Suade mit der familiären Vergangenheit wie gleichsam ihrer kulturellen Identität auseinandersetzt, schimmert darunter immer wieder ein christlicher Subtext durch – etwa, wenn sie komödienhaft auf ihre Großmutter zu sprechen kommt: „Sie war die Himmelsgarantin, die mit Gesang und Gebetbuch das Unheimliche in Schach hielt. Sie wusste, an welcher Stelle Moses im Himmel saß, wo die Apostel, wo Jesus. Unser Vater saß etwas weiter entfernt und befasste sich mit Jesus. Er war ja neu im Himmel und musste warten und lernen. Wie lange dieser Wartezustand dauern würde, wusste die Großmutter nicht zu sagen, bei seinem Eifer und den guten Anlagen wohl nicht allzulang. Nach einer Wartezeit würde er frei sein und käme in der Not, uns zu beschützen.“ Wer den ansonsten abgrundtiefen Hämen auf den Vater Glauben schenkt, wird spätestens an dieser anekdotischen Abschweifung die Reifung und Entwicklung zu einem guten Menschen (im Jenseits) begreifen.

    Diese Sätze klingen zugegeben kokett, witzig, aber sie implizieren keinen postmodernen Spott. Vielmehr bindet Lewitscharoff den moralischen Hintergrund mit großer Leichtigkeit in ihren Roman ein. Erneut wirbt sie nicht, sondern ermöglicht uns durch die Introspektive in die Charaktere eine unmittelbare Identifikation mit Glaubensidealen. Das Lesen gleicht einem Prozess der Verinnerlichung, hebt das Mediale und Gleichnishafte in einem Einswerden zwischen dem Rezipienten und buchstäblicher Offenbarung auf. Es gibt keine Grenze, kein Medium, sondern nur die Idee einer umfassenderen Wahrheit.

    So gesehen, könnte man die schwäbelnde Grand Dames der deutschen Prosa als die literarische Mystikerin unserer spätmodernen Epoche betrachten. Die Nähe zum Göttlichen demonstriert sich dabei nicht nur auf Ebene ihres Kunstschaffens. Auch in der Gesellschaft bezieht Lewitscharoff immer wieder – wie zuletzt in der umstrittenen Dresdner Rede – (bio-)ethische Positionen und gibt sich gerade durch kontroverse Interventionen wie zur künstlichen Befruchtung oder den rechten Umgang mit dem Tod als konservative Denkerin, angesiedelt im Gedankenkreis aus Martin Mosebach oder Botho Strauß, mit christlichen Hintergrund zu erkennen. Sowohl in ihren Äußerungen in der Öffentlichkeit wie gleichsam ihrem Schreiben umkreist sie einen weltbildlichen Kern, den sie stets verdichtet und mit Substanz anreichert. Sie schärft es durch Bezüge zum Kanon (sie liebt Kafka!), durch eine immer feiner ausbalancierte Virtuosität ihrer Sprache, durch ein Spiel aus Ironie und Ernsthaftigkeit.

    Klar ist: Von ihr werden die deutschen Leser noch vieles erwarten können: Insbesondere ihr aktuelles schriftstellerisches Projekt zu Dante Alighieris Opus magnum „Die Göttliche Komödie“, dem Meisterwerk auf der Schwelle zur Neuzeit. Welche Aktualisierungen wird sie vornehmen? Wird sie wie Dante Zeitgenossen satirisch in ihre Annäherung an das legendarische Werk auf die Schippe nehmen? Man darf gespannt sein. Immerhin hat sie zuletzt in einem Radiointerview einen kleinen Einblick in ihr loderndes Dantefeuer gegeben: „Man muss vorsichtig sein: Also die ,Commedia‘ hat drei Teile. Und der dritte Teil, der wird immer so gerne unterschlagen. Dabei ist das ein königlicher anderer Teil, wo es wirklich in die große Freiheit der Paradiessehnsucht geht. Man versteht die ,Commedia‘ nicht, wenn man nur den ersten Teil immer vor Augen hat, wo es so drastisch zugeht. Es gibt wirklich diese ganz anderen Teile. Schon im Läuterungsberg wird es schon ein bisschen gemütlicher. Aber die Schönheit ist auserlesen auch in den Versen, wenn es Richtung Paradiso geht. Wunderbar auch in der Rhythmik. Große Klasse.“ Dass sie angesichts dieser Vorlage ihre religiös-kultische Vertiefung fortsetzen wird, steht nun außer Frage. Man darf gespannt sein, welchen göttlichen Garten und sicherlich auch welche höllischen Sündensümpfe sie uns vorführen wird.