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    Heaven

    All we need is love

    Die Liebe ist ein himmlisches Rätsel. Deshalb tut es gut, über sie zu reflektieren. Besonders heutzutage. Notizen zum Valentins-Tag.

    All we need is love
    Was ist Liebe? Der Antworten gibt es viele. Vielleicht kann man sie am ehesten als ein himmlisches Rätsel begreifen, ein... Foto: Adobe Stock

    Vor einem halben Jahrhundert, also 1970, wurde in den Kinosälen der Welt die romantische Liebe entdeckt. Wiederentdeckt sollte man sagen. Nach den Stellungskämpfen und Positionsübungen der „sexuellen Revolution“ der 60er (Rolling Stones, „I can‘t get no satisfaction“, Oswalt Kolle „Deine Frau, das unbekannte Wesen“) war die technische Entwicklungsarbeit zur Fortpflanzung absolviert, (wenn auch durch die Entdeckung der Pille eher fruchtlos), so dass es nun an die Gefühlsarbeit gehen konnte.

    In die Kinos kam damals die „Love Story“, in der der reiche Spross Ryan O‘Neal sich unsterblich in die schöne italienische Proletarierin Ali McGraw verliebt, die jedoch an einer tödlichen Blutkrankheit leidet. Wir wissen das schon vorher, es hat sich rumgesprochen. So lieben sie sich über einem schwarzen Abgrund, die beiden, sie heiraten, sie leiden, und in all dem ist der Film ein einziger schmerzvoller, tränenreicher Abschied. Er spielte bei 2,2 Millionen Dollar Produktionskosten sagenhafte 106 Millionen ein. Nominiert für sechs Oscars, der schließlich an die Filmmusik ging, die unter dem Titel „Schicksalsmelodie“ von Karel Gott zum Hit gemacht wurde: „Ich höre den Himmel weinen, und gehe mit dir im Sternenschein...“.

    Der Spruch zum Film lautet: „Liebe heißt, niemals um Verzeihung bitten zu müssen.“ Hm. Also ich für meinen Teil habe mich im Laufe meiner knapp 30-jährigen Ehe unzählige Male bei meiner Frau entschuldigt (sie sich übrigens erheblich weniger oft) – und ich liebe sie sehr.

    Im Anschluss an die Love-Story kam es zu einer ganzen Flut von „Liebe ist...“-Sprüchen in Boulevard-Blättern, garniert mit kleinen Amor-Engelchen mit schussbereiten Pfeilen, also „Liebe ist... ihr die Taschen zu tragen“ oder „... ihr Blumen zu schenken“, eher seltener die relevanteren Empfehlungen, „... sie mal nicht zu vermöbeln“ oder .„ihn mal nicht in den Wahnsinn zu treiben“.

    „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig (...).
    Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.
    Die Liebe hört niemals auf“
    Paulus  in 1 Kor 1,13

    Aber was ist Liebe? Es gibt keine Trauung, meine eigene eingeschlossen, in der nicht die berühmten Worte des Apostels Paulus aus dem Korintherbrief zitiert werden: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Und dann wird sie in diesem Hohen Lied in Worten besungen, die selber sind wie Blütenblätter: „Die Liebe ist langmütig,/ die Liebe ist gütig./ Sie ereifert sich nicht,/ sie prahlt nicht,/ sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig,/ sucht nicht ihren Vorteil,/ lässt sich nicht zum Zorn reizen,/ trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht,/ sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles,/ glaubt alles,/ hofft alles,/ hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf./...“

    Es war ausgerechnet der als „Gottes Rottweiler“ verhöhnte Kardinal Ratzinger, der ein weiteres „Liebe ist...“ beisteuerte. Ja, als Papst Benedikt XVI. meditierte er in seiner ersten Enzyklika über die Liebe. Die positiv überwältigte Öffentlichkeit rieb sich die Augen: Der „Panzerkardinal“ als theologischer Sänger. In der innerkirchlichen Auseinandersetzung zwischen Reaktionären und Progressisten könnte man sagen: ausgerechnet er, der ehemalige strenge Chef der Inquisition, haute dem verdutzten Reformflügel, der monomanisch auf eine Lockerung der „katholischen Sexualmoral“ fixiert war, das Wesen der Liebe in filigranster Weise links und rechts um die Ohren.

    „Deus caritas est“ hieß dieses Wunderwerk an theologischer Klarheit. Zunächst die Begriffsbestimmung. Benedikt unterschied zwischen Eros, der begehrenden und sinnlichen Liebe, und Agape, der sich verschenkenden und verströmenden Liebe, der Hingabe an den Mitmenschen und an Gott. Um im zweiten Teil den Liebesbegriff auf die „caritas“ auszuweiten, die Hochachtung bedeuten kann und Mildtätigkeit, Liebe zum Nächsten und Liebe zu Gott. Ja, sie ist so eng verbunden mit der Gottesliebe, „dass die Behauptung der Gottesliebe zur Lüge wird, wenn der Mensch sich dem Nächsten verschließt oder gar ihn hasst“.

    Von der Problematik politisch verordneter Fernstenliebe

    Nun hat es ja den Anschein, dass die Nächstenliebe, besser: die Fernstenliebe, zum politischen Imperativ der Stunde geworden ist. Sind wir alle, samt den Regierungsfunktionären und Abgeordneten, den Vereinspräsidenten, Fußballprofis, Bäckern und Boten, den Wirtschaftslobbyisten, Beamtenheeren, Redakteuren und Politpensionären plötzlich ein Volk von gottesliebenden Heiligen geworden? „Wir dürfen nicht nur an uns denken“, sagte die Kanzlerin zur Flüchtlingskrise – und ließ, applaudiert von den Medien, unter dem Bruch ihres Amtseides und gegen Verfassung und Staatsrecht die Grenzen fallen und trieb ihr Wahl-Volk in eine Art Auflösung, zumindest aber in die tiefste Spaltung hinein. Was dieses Volk, dem sie trotz aller spektakulärer Morde und Terrorakte ein freundliches Gesicht verordnet, tief verstörte und längst, siehe Thüringen, einen geistigen Bürgerkrieg ausgelöst hat. Man müsste mit Paulus sagen, diese als Staatsräson verordnete Form der Liebe in ihrer Form als Caritas bläht sich auf, sie lässt sich zum Zorn reizen, sie ereifert sich, sie prahlt, und sie freut sich nicht an der Wahrheit. Sie schafft Parias, sie grenzt aus.

    Die Kirchen beteiligen sich eifrig an diesem bösen Kesseltreiben, und nebenbei rüsten sie mit großem Tamtam Schiffe aus, um soviel Migranten wie möglich aus den Fluten des Mittelmeers zu retten, in die sich jene – in der Hoffnung auf Rettung – von Schleppern auf Hochsee-untaugliche Schlauchboote aussetzen ließen. Sie locken sie damit, das ist belegt, in den Tod.

    „Gerechtigkeit ohne Erbarmen ist grausam – aber Erbarmen
    ohne Gerechtigkeit führt zur totalen Auflösung“
    Thomas von Aquin

    Wenn das politische Kalkül nicht so sehr durchschimmern würde, könnte man meinen, Politik und Kirchen verhielten sich gesinnungsethisch und verschlössen ihre Augen vor der Tatsache, dass ihr Handeln verantwortungsethisch – also in der Praxis – in die Katastrophe führt. Der heilige Thomas von Aquin fasst die Spannung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik in diese Worte: „Gerechtigkeit ohne Erbarmen ist grausam – aber Erbarmen ohne Gerechtigkeit führt zur totalen Auflösung.“ Und in der Auflösung sind Spender und Empfänger gleichermaßen verloren.

    Diese Fernsten-Liebe ist nicht langmütig, sondern sie sucht ihren Propagandavorteil. Immer deutlicher wird, dass die Partei der vermeintlichen „Nächstenliebe“ ihre Gegner, die für Vernunft und Verantwortung im Staatswesen plädieren, mit Sprechverboten, Verordnungen und Diffamierungen aus dem Verkehr ziehen möchten, indem sie ihnen „hatespeech“, also Hass vorwerfen. Und im Hass auf die Hasser sind die Nächstenliebenden nicht wählerisch. Sie rasen. Sie denunzieren. Sie schüchtern ein. Sie möchten sie am liebsten „zu Brei schlagen“ und tun es bisweilen ungehindert. Eine verheerende Dialektik ist da in Gang gekommen, in der auch ich als „Nazi“ geschreddert wurde.

    Aber mittlerweile ist mein Rollenfach offenbar ein anderes: Ich bin jetzt der komische Dicke beziehungsweise der „Harlekin“, wie ich jüngst im Deutschlandfunk genannt wurde, weil man in diesem Land der plötzlich aufgeblühten „Allgüte“ (Franz Werfel) und Nächstenliebe nicht im Ernst der Kanzlerin und ihrer Politik die Gefolgschaft verweigern kann.

    Aber, ich kann mir nicht helfen, ich erschrecke vor dem antichristlichen Furor des Islam. Ich halte ihn für rückständig, kulturvernichtend und mörderisch – was nicht ausschließt, dass ich der netten türkischen Änderungsschneiderin oder dem persischen Hausarzt mit freundschaftlichem Respekt begegne oder die muslimischen Studienbuddies meines Sohnes prima finde. Aber mein Gott ist einfach ein anderer als der des Islam. Nicht der zornig verhüllte Abgewandte, sondern der menschgewordene große Nachsichtige und Liebende.

    In der Liebe den göttlichen Funken erkennen

    Ich bin sicher kein Vorzeige-Katholik. Ich vertrete eher die Richtung des Dr. More, des Helden von Walker Percys Roman „Liebe in Ruinen“, der den Untertitel trägt: „Die Abenteuer eines schlechten Katholiken kurz vor dem Ende der Welt“. Nicht wörtlich, aber in der Tendenz: „Ich glaube an Gott und den ganzen Kram“, erklärt er sich dem Leser, „aber Frauen liebe ich am meisten, dann Musik und Wissenschaft, dann Whisky, Gott an vierter Stelle und meinen Nächsten fast überhaupt nicht. Im Allgemeinen mache ich, was ich will. Ein Mann, schrieb Johannes, der sagt, er glaube an Gott, und seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner. Wenn Johannes recht hat, dann bin ich ein Lügner. Trotzdem glaube ich noch.“

    Ich auch. Denn all meine Defizite hindern mich nicht, in der Liebe den göttlichen Funken zu erkennen, der in uns alle gesenkt wurde. Das schlichte Hohelied der Liebe des Apostel Paulus rührt mich an in seiner kaum fassbaren Schönheit und Tiefe. Die Liebe meiner Frau ist ein Wunder.

    Die „Love Story“ und Zefirellis Verfilmung von Shakespeares Liebestragödie „Romeo und Julia“ ließen mir mit 17 meine Augen ebenfalls feucht werden. Der Film bekräftigte das, was wir alle selber später erfahren sollten und was Chesterton in das Bonmot kleidete: „Freie Liebe gibt es nicht. Liebe ist immer unfrei.“ Aber zunächst einmal und zur notwendigen pubertären Auflockerung hatten natürlich die Beatles Recht 1968, als sie gegen die verbissenen linken Politkommissare ein wenig bekifft ansangen: „All you need is love“.

    „Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,/ woher das
    Sanfte und das Gute kommt,/ weiß es auch heute nicht und muß nun gehn“
    Gottfried Benn

    Liebe ist, tja was? Sie ist ein himmlisches Rätsel. Die Mutter etwa, die ohne nachzudenken ihr Leben für ihr Kind opfert. Sie ist ein Rätsel wie das Gute überhaupt, über das Gottfried Benn die Zeilen schrieb: „Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,/ woher das Sanfte und das Gute kommt,/ weiß es auch heute nicht und muß nun gehn.“

    Ach ja, vielleicht sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass der heilige Valentinus, den wir am 14.Februar mit roten Herzchen und Rosen feiern, ein Märtyrer war, dessen rotes Blut floss. Er zelebrierte während der Christenverfolgung Messen und traute römische Soldaten und bekehrte sie. Ein Held der Liebe. Ich stelle ihn mir sanft vor, aber von einem unbeugsamen Willen beseelt, gegen alle Widerstände oder Ächtungen überzeugt zu bleiben von seiner Liebes-Mission.

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