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    Albert Camus - Ein Gottsucher par excellence

    Der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus hatte einen Sinn für das Heilige, doch mit der Botschaft der Auferstehung tat er sich schwer. Von Ilka Scheidgen

    Zum 50. Todestag von Camus: «Einsam und solidarisch»
    Besaß einen Sinn für das Rätsel des Menschen und der Welt: Albert Camus. Foto: dpa

    Der Literatur-Nobelpreisträger von 1957, den die schwedische Akademie für ein Werk auszeichnete, das „die Probleme beleuchtet, die sich in unserer Zeit dem Gewissen der Menschen stellen“, hatte in einem Vortrag an der Universität Uppsala anlässlich der Nobelpreisverleihung geäußert: „Wir Schriftsteller des 20. Jahrhunderts werden nie mehr allein sein. Im Gegenteil, wir müssen wissen, dass wir dem gemeinsamen Elend nicht entrinnen können und dass unsere einzige Rechtfertigung, wenn es eine gibt, darin besteht, nach bestem Können für die zu sprechen, die es nicht vermögen. Wir müssen in der Tat für alle die Menschen sprechen, die in diesem Augenblick leiden.“ Unter der Sonne Algeriens wurde Albert Camus am 7. November 1913 in Mondovi geboren. Bereits im Oktober 1914 stirbt sein Vater Lucien Auguste Camus an der Front der Marne-Schlacht. Die Mutter, eine einfache Frau, die des Lesens und Schreibens unkundig ist, zieht mit Albert und seinem Bruder Lucien zu ihren Eltern und muss zuerst in einer Rüstungsfabrik, später als Putzfrau arbeiten.

    Diese ärmliche Welt seiner Kindheit beschreibt Camus in mehreren frühen Erzählungen, die unter dem Titel „Licht und Schatten“ 1937 als sein erstes Buch in Algerien veröffentlicht werden. Schon hier finden sich Gedanken, die für Camus lebenslang von Bedeutung bleiben sollen. „Der wahre Mut besteht immer noch darin, die Augen weder vor dem Licht noch vor dem Tod zu verschließen“ und „dass es darauf ankommt, menschlich und einfach zu sein. Nein, es kommt darauf an, wahr zu sein, dann fügt sich alles andere ein, die Menschlichkeit und die Einfachheit.“

    In dem unvollendet gebliebenen Roman „Der erste Mensch“, der erst 1994 posthum in Paris veröffentlicht wurde und mit seinem Erscheinen zu einer wahren Camus-Renaissance und -Begeisterung führte, kehrt der Held Cormery – so nennt sich Camus in diesem autobiographischen Buch – in diese Welt der Einfachheit, einer Art karger Vollkommenheit zurück. Es geht um Heimkehr, um das Wiederfinden des verlorenen Paradieses der Kindheit, um die „Suche nach der verlorenen Zeit“, um dadurch seine besitzlose Familie dem Nichts des Vergessens, der Namen- und Geschichtslosigkeit zu entreißen. Auch um die Suche nach dem Vater, dem schmerzlich entbehrten.

    Zwischen seinem ersten Buch „Licht und Schatten“ und dem Manuskript „Der erste Mensch“, wie es bei Camus' Tod vorgefunden wurde, sollten 23 Jahre vergehen und noch weitere 34 Jahre bis zu dessen endgültigem Erscheinen. 1958 hatte Camus geschrieben, dass seine gesamte Arbeit vergeblich gewesen sei, sollte es ihm nicht gelingen, das Buch seiner Kindheit vollendet zu haben. Denn eins ist für ihn sicher, „dass nämlich ein Menschenwerk nichts anderes ist als ein langes Unterwegssein, um auf dem Umwege der Kunst die zwei oder drei einfachen, großen Bilder wiederzufinden, denen sich das Herz ein erstes Mal erschlossen hat“. Der Grundschullehrer Louis Germain erkennt die außergewöhnliche Begabung seines Schülers Albert und fördert ihn, so dass Camus das Gymnasium und später die Universität besuchen kann. Schon bald nach Beginn seines Studiums beschließt Camus, Schriftsteller zu werden. Alles in ihm drängt dazu, sich mitzuteilen und in Worten auszudrücken. Bald schon, ab 1932, schreibt er Essays für algerische Zeitschriften und wendet sich früh dem Theater zu. Als Journalist beim Alger Républicain kommt er mit den Problemen der Araber in Berührung und schreibt Sozialreportagen über das Elend der Kabylen, wobei er sich unmissverständlich und unerschrocken auf die Seite der Unterdrückten und Rechtlosen stellt.

    1938, ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, beginnt Camus mit drei seiner wichtigsten Werke, die sich mit dem Absurden beschäftigen: dem Roman „Der Fremde“, dem philosophischen Essay „Der Mythos des Sisyphos“ und dem Theaterstück „Caligula“. Bezeichnend ist, dass er diese drei Werke, an denen er arbeitet, sein Oeuvre nennt.

    Der Roman „Der Fremde" erschien 1942 während der deutschen Okkupation Frankreichs und wurde als Ausdruck einer Generation verstanden, die während zweier Weltkriege den Zusammenbruch aller Werte und Ordnungen erfuhr. Mersault, ein kleiner Angestellter in Algier, tötet ohne ersichtlichen Grund am Strand unter glutheißer Sonne einen Araber, wird vom Gericht des Mordes angeklagt und zum Tode verurteilt. Der Bericht über diese Ereignisse, auch über den Tod der Mutter, von Mersault in Ichform scheinbar teilnahmslos vorgetragen, entbehrt jeden Sinnzusammenhang. Alles ist gleichgültig. Es geschieht. Und das ist die Absurdität des Lebens, wie Camus sie sieht.

    Caligula protestiert aus Schmerz über den Tod seiner geliebten Schwester Drusilla gegen eine Welt, die „in ihrer jetzigen Gestalt nicht zu ertragen ist“. In seinem Wahn, das Unmögliche zu wollen (dass man ihm den Mond herbeischaffe), wird er zum blutrünstigen Tyrannen. Einem vermeintlichen „Alles ist erlaubt“, wenn dem Leben ein Sinn abgesprochen wird, lässt Camus in der Figur des Dichters Scipio dem Kaiser Caligula entgegenhalten: „Diese Welt besitzt zumindest die Wahrheit des Menschen ... Und die Welt hat keine anderen Seinsgründe als den Menschen, und ihn muss man retten, wenn man die Vorstellung retten will, die man sich vom Leben macht ... und es heißt, der Gerechtigkeit, die er als einziger sich vorzustellen vermag, ihre Chance gewähren.“ Klar, hellsichtig und geradlinig schlägt Camus früh den Weg seiner Arbeit und seines Lebens ein: Das als absurd erkannte Dasein trotzdem zu leben, es als Herausforderung anzunehmen. „Die wahre Großzügigkeit gegenüber der Zukunft besteht darin, alles der Gegenwart zu geben.“

    1943 fährt er ins besetzte Paris, schreibt für die Untergrundzeitung Combat, deren Mitbegründer er ist, engagiert sich in der Résistance. Er lernt die Existenzialisten Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir kennen, deren nihilistischen Ansatz er jedoch nicht teilt.

    Mit großem Mut schreibt er weiter im Combat Leitartikel, die sich mit den wichtigsten Fragen der Zeit, dem weiteren Verlauf des Krieges, der gegenseitigen Anerkennung ehemaliger Feinde und dem Umgang mit Kollaborateuren widmet. Ganz Paris spricht über Camus' Beiträge. Er ist zu einer Berühmtheit und einem Helden geworden.

    1947 erscheint sein Roman „Die Pest“ und wird sofort zu einem großen Erfolg. Dieser Roman steht zeitlich und gedanklich zwischen den beiden philosophischen Essays „Der Mythos des Sisyphos“ (1942) und „Der Mensch in der Revolte“ (1951), stellt somit das Bindeglied dar zwischen der Erkenntnis des auf sich selbst zurückgeworfenen, hilf- und hoffnungslosen Menschen in der Absurdität der condition humaine zu demjenigen, der gegen diese revoltiert und dadurch zu einer tiefen mitmenschlichen Kommunikation und Solidarität findet: „Ich empöre mich, also sind wir.“ Die Verneinung mündet dadurch in eine Bejahung des Seins. Die Sinnleere einer absurden Welt kann durch die Überwindung des leidvollen Schicksals durch wahrhaftiges, liebendes und gerechtes Handeln in der Gegenwart der Wirklichkeit den Menschen ausfüllen und sogar glücklich machen: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

    Der Roman „Die Pest“ ist mit seiner grundlegenden Kritik an jeglichem Totalitarismus und daraus resultierender Gewalt ein zeitloses Werk der Weltliteratur. Er ist eine Allegorie auf die soeben erfahrene, erlittene Zeit der Unmenschlichkeit des Krieges. In der algerischen Hafenstadt Oran bricht die Seuche aus und isoliert deren Bewohner durch Quarantäne von der Außenwelt.

    Da ist zuerst der Arzt Rieux, der sich aufopferungsvoll und trotzdem illusionslos der mörderischen Epidemie entgegenstellt und sich mit den Leidenden solidarisiert. Der Jesuitenpater Paneloux sieht zunächst in der Pest eine Art Gottesgericht. Der Tod eines unschuldigen Kindes führt ihn dazu, gegen den als ungerecht empfundenen Tod in einem Sanitätstrupp mitzuhelfen, bis er schließlich auch ein Opfer der Seuche wird. Die Gespräche zwischen Rieux und Paneloux sind wohl eine der spannendsten existenziellen Auseinandersetzungen. In Tarrou findet Rieux einen Freund. Tarrou stellt die vielleicht wichtigste Frage in diesem Roman, die meines Erachtens für Camus die alles entscheidende ist: „Kann man ohne Gott ein Heiliger sein, das ist das einzig wirkliche Problem, das ich heute kenne.“ Sie alle, die gemeinsam gegen die Pest kämpfen, haben erkannt und erfahren, dass nur das Mitgefühl, die liebende Verbundenheit mit einem Menschen, – denn „eine Welt ohne Liebe (ist) eine tote Welt“ – Ehrlichkeit, Güte und Selbstlosigkeit den Menschen dazu befähigen, die Daseinsabsurdheit zu bewältigen und dadurch zu einer moralischen Kraft zu finden, im Hier und Jetzt ganz Mensch zu sein.

    Den „Sprung“ in die Metaphysik auf die Daseinsfrage allerdings lehnte Camus für sich ab, ohne ihn jedoch anderen abzusprechen. Er war nie apodiktisch und eigentlich ein Gottsucher par excellence. Im Grunde ist Camus' Werk ein zutiefst religiöses. Mit Dorothee Sölle könnte man sagen, er hat „atheistisch an Gott geglaubt“. Von den Dominikanern in Paris eingeladen, in ihrem Kloster einen Vortrag zu halten, sagte er: „Ich möchte festhalten, dass ich mich nicht im Besitz irgendeiner absoluten Wahrheit oder einer Botschaft fühle und deshalb niemals vom Grundsatz ausgehen werde, die christliche Botschaft sei eine Illusion, sondern nur von der Tatsache, dass ich ihrer nicht teilhaftig zu werden vermochte.“ Und in einem Interview mit Jean-Claude Brisville im Jahre 1959 antwortete er auf die Frage: „Eines Tages haben Sie geschrieben ,Geheimnis meines Universums: sich Gott vorstellen ohne die Unsterblichkeit der Seele‘ – Können Sie Ihren Gedanken verdeutlichen?“ – „Ja. Ich habe einen Sinn für das Heilige, und ich glaube nicht an ein zukünftiges Leben; das ist alles.“ In seinen letzten Tagebüchern (1951–1959) notiert Camus viele Gedanken zu Romanprojekten, immer wieder auch zu „Der erste Mensch“. Viele hat er nicht mehr ausführen können.

    „Zu sterben erschreckt mich nicht, wohl aber im Tod zu leben.“ „Anbetung. Das Rätsel der Welt.“ „Was ich gesagt habe, habe ich zum Wohle aller gesagt und zum Wohle jenes Teils von mir, der dem Alltag zugekehrt ist. Aber ein anderer Teil von mir erkennt ein Geheimnis, das nicht offenbart werden kann – und mit dem ich werde sterben müssen.“ Ob er geahnt hat, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben würde? Im Tagebuch notiert Albert Camus für den „Premier Homme“: „Roman-Ende. Mama. Was ihr Schweigen ausdrückte. Was dieser stumme und lächelnde Mund rief. Wir werden auferstehen.“ Der plötzliche Tod hinderte Camus daran, bis zu diesem Romanende zu gelangen.

    Als Albert Camus am 4. Januar 1960 bei einem Autounfall ums Leben kam, trauerte die Welt um ein Idol, einen Aufrechten, einen Wahrheitssucher, einen, der sich in einer wahren „Besessenheit für die Gerechtigkeit“ (André Malraux) aufrieb, einen, der mit Wort und Tat für Humanismus gekämpft hatte und diese Botschaft in seinen Werken der Nachwelt hinterlassen hat.

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