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    Aergersheim ist wieder Wahnfried

    Fünf lange Jahre war das Richard Wagner Museum Bayreuth geschlossen. Die Dauerschau hatte nach über 30 Jahren Museumsbetrieb eine grundlegende Erneuerung nötig, das Stammhaus selbst war baulich und technisch sanierungsbedürftig. Um dem Rang als weitweit führende Gedenk- und Forschungsstätte für den Komponisten Richard Wagner (1813–1883) gerecht zu werden, wurden 20 Millionen Euro investiert. Hauptfinanzier war mit sieben Millionen Euro die Stadt Bayreuth, unterstützt von Bund, Freistaat Bayern, weiteren öffentlichen Zuschussgebern sowie Sponsoren und privaten Spendern. Am 26. Juli feiert das Museum seine Wiedereröffnung.

    Wagner-Büste im Untergeschoss des Hauses Wahnfried. Foto: Veit-Mario Thiede

    Fünf lange Jahre war das Richard Wagner Museum Bayreuth geschlossen. Die Dauerschau hatte nach über 30 Jahren Museumsbetrieb eine grundlegende Erneuerung nötig, das Stammhaus selbst war baulich und technisch sanierungsbedürftig. Um dem Rang als weitweit führende Gedenk- und Forschungsstätte für den Komponisten Richard Wagner (1813–1883) gerecht zu werden, wurden 20 Millionen Euro investiert. Hauptfinanzier war mit sieben Millionen Euro die Stadt Bayreuth, unterstützt von Bund, Freistaat Bayern, weiteren öffentlichen Zuschussgebern sowie Sponsoren und privaten Spendern. Am 26. Juli feiert das Museum seine Wiedereröffnung.

    In der Stadt seiner seit 1876 aufgeführten Festspiele ließ sich Richard Wagner einen maßgeblich vom bayerischen „Märchenkönig“ Ludwig II. finanzierten Wohnsitz erbauen, den er 1874 mit Gattin Cosima und den Kindern bezog. Den Namen des Hauses ließ er an der Fassade anbringen: „Hier wo mein Wähnen Frieden fand – Wahnfried – sei dieses Haus von mir benannt.“ Es wurde 1945 durch eine Bombe zu 60 Prozent zerstört. Später wurde es äußerlich getreu rekonstruiert. Nun weist es auch im Erdgeschoss, dessen zentrale Räume die „heilige“ Eingangshalle mit den Büsten Wagners und Cosimas sowie Statuetten des Fliegenden Holländers und weiterer Helden der Bühnenstücke des Musikdramatikers und der Saal mit Bibliothek und Klavier sind, das alte Erscheinungsbild auf. Doch die Rekonstruktionen als solche sollen den Besuchern bewusst bleiben: Verlorenes Mobiliar wird durch hussenbedeckte Stellvertreter repräsentiert. Originale Kleinobjekte wie Brieföffner oder Kaffeetasse sind unter Glasstürzen aufbewahrt.

    Im Obergeschoss von Haus Wahnfried wird die neu erschlossene und gestaltete Dokumentation zu Leben und Schaffen Richard Wagners mit wertvollen Archivalien und Objekten aus dem dem Museum angeschlossenen Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung gezeigt. Ausgestellt ist etwa sein Sterbesofa, aber auch ein Klappstuhl von der Erstbestuhlung des Bayreuther Festspielhauses. Im Untergeschoss werden eigenhändige Urschriften der Werke des Komponisten präsentiert. Museumsdirektor Sven Friedrich berichtet: „Hier kann der Besucher etwas über die Arbeitsweise Wagners von der dramatischen Idee über die Entstehung des Librettos bis hin zur Komposition erfahren. Durchgespielt wird das am Beispiel von ,Tristan und Isolde‘. Wer nicht nur sehen, sondern auch hören will, kann mit Hilfe einer ,Interaktiven Partitur‘ für reale Klänge sorgen.“

    Doch Museumsdirektor Friedrich weiß: „Wagner polarisierte das Publikum schon zu seinen Lebzeiten und tut es bis heute.“ Er spricht den emotionsgeladenen Klangwelten des Schöpfers des „Ring des Nibelungen“ oder des „Parsifal“ überragenden ästhetischen Wert zu, erkennt aber auch dessen hoch problematische ideologische Schlagseite: „Die kulturgeschichtliche Bedeutung Wagners und seines Werkes steht heute ebenso außer Frage wie die fragwürdigen und problematischen Seiten seiner ästhetischen Weltanschauung, die stets auch von seinem notorischen Antisemitismus grundiert ist, dessen monströse Dimension und Tragweite sich erst im weiteren Gang der Geschichte nach Wagners Tod entpuppte und schließlich im Holocaust eine beispiellos mörderische Konsequenz erfuhr.“ Erstmals widmet sich das Museum dieser Ideologiegeschichte in einer Dauerausstellung. Zu sehen ist sie im östlich des Hauses Wahnfried erbauten Siegfried-Wagner-Haus. Damit steht erstmals das gesamte Erdgeschoss des von Wagners Sohn Siegfried 1894 errichteten Gebäudes für das Publikum offen. Das dortige Speisezimmer ist noch so erhalten, wie es sich Siegfrieds Gattin Winifred um 1930 einrichten ließ, die das Haus bis zu ihrem Tod 1980 bewohnte. Winifred war seit der ersten Begegnung mit Hitler 1923 seine Anhängerin. Regelmäßig war der „Führer“ Besucher der Bayreuther Festspiele und logierte im Siegfried-Wagner-Haus. Der Ausstellungsgestalter HG Merz lässt die zum musealen Objekt erklärten Räume, die wie das holzvertäfelte Kaminzimmer zumeist völlig leer sind, unangetastet. Der Dokumentation der Ideologiegeschichte dienen auf den Fußboden montierte Monitore, auf denen Dokumente, Fotos und Filme gezeigt werden. Sie werden begleitet von gesprochenen Kommentaren. Westlich des Hauses Wahnfried ist nach dem Entwurf des Berliner Architekten Volker Staab ein Neubau errichtet worden. In seiner Glasfassade spiegelt sich der Garten mit dem Grab Richard und Cosima Wagners. Im Erdgeschoss des Neubaus und dem angrenzenden historischen Gärtnerhaus ist der Besucherservice mit Kasse und Information, Shop und Café untergebracht. An zwei Hörstationen mit Audiothek kann der Besucher Aufnahmen der Musikdramen Wagners aufrufen. Die Sonderausstellungsräume im Erdgeschoss werden mit der Schau „Wahnfried oder Aergersheim“ eingeweiht. Sie berichtet mit Dokumenten und Objekten wie Wagners Kompositionsklavier von der wechselvollen Geschichte der Komponisten-Villa, die der Bauherr „Aergersheim“ nannte, als es während der Errichtung zu immer neuen Problemen kam.

    Das Schlusswort hat Sven Friedrich: „Wenn das Museum einen Beitrag dazu leisten und helfen kann, sich Wagner nicht mehr in der gebückten Haltung devoter und blinder Verehrung nähern zu müssen oder ihn vorurteilsbeladen in Bausch und Bogen abzulehnen, sondern Faszination und Vernunft in reflektierender, aufgeklärter Wahrnehmung zusammenzubringen, dann ist ein wesentliches Ziel erreicht.“

    – Richard Wagner Museum, Richard-Wagner-Straße 48, Bayreuth. Juli/August täglich 10–18 Uhr, ab September Di–So 10–18 Uhr. Informationen: Tel.: 0921/ 75 72 80, Internet: www.wagnermuseum.de. Eintritt: 8 Euro. Das im Deutschen Kunstverlag erschienene neue Richard Wagner Museumsbuch kostet im Museumsshop 9,90 Euro.

    – Die Sonderschau „Wahnfried oder Aergersheim“ läuft bis 31.1.2016.