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    9/11: Noch nicht erzählt

    Es war ein ruhiger Morgen im April 2009, als am New Yorker Himmel eine tieffliegende Boeing 747-200B, begleitet von zwei F-16 Kampfjets, auftauchte. Schnell machte sich Panik breit. Das Notruftelefon klingelte ununterbrochen, Menschen stürmten aus ihren Büros, die Angst vor einem neuen „9/11“ war sofort spürbar. Der Spuk hatte ein schnelles Ende. Dieses Mal hinterließen keine „bemannten Geschosse“ Chaos und Zerstörung im Big Apple. Im Gegenteil: Was den New Yorkern die noch immer unverarbeitete Präsenz der Terroranschläge vom 11. September 2001 vor Augen führte, war ein Werbeflug der Air Force One, der Maschine des amerikanischen Präsidenten. Ein unangekündigter Fototermin für das Pentagon zeigte im achten Jahr des sogenannten globalen Krieges gegen den Terror, welche Kraft die Erinnerung an „9/11“ noch immer besitzt.

    Ein Mann stürzt sich am 11. September 2001 vom World Trade Center: Das archetypische Bild für die Katastrophe. Foto: INT

    Es war ein ruhiger Morgen im April 2009, als am New Yorker Himmel eine tieffliegende Boeing 747-200B, begleitet von zwei F-16 Kampfjets, auftauchte. Schnell machte sich Panik breit. Das Notruftelefon klingelte ununterbrochen, Menschen stürmten aus ihren Büros, die Angst vor einem neuen „9/11“ war sofort spürbar. Der Spuk hatte ein schnelles Ende. Dieses Mal hinterließen keine „bemannten Geschosse“ Chaos und Zerstörung im Big Apple. Im Gegenteil: Was den New Yorkern die noch immer unverarbeitete Präsenz der Terroranschläge vom 11. September 2001 vor Augen führte, war ein Werbeflug der Air Force One, der Maschine des amerikanischen Präsidenten. Ein unangekündigter Fototermin für das Pentagon zeigte im achten Jahr des sogenannten globalen Krieges gegen den Terror, welche Kraft die Erinnerung an „9/11“ noch immer besitzt.

    Hängengeblieben sind die in Endlosschleifen wiederholten Flugzeugeinschläge in das World Trade Center, dem Symbol für den amerikanischen Turbokapitalismus, und die monströsen Aschewolken über Manhattan. Schlaglichtartig sind diese Bilder als Platzhalter für die Erinnerung ins Bewusstsein abrufbar, wenn das Schlagwort „11. September“ fällt. Auch das Datum ist nicht mehr unschuldig, sondern schon längst als feststehender Begriff in das westliche Geschichtsempfinden eingeschrieben. Dass dieses Ereignis ein Denken in Bildern und Zeitkoordinaten forciert, liegt auch an der noch immer fehlenden, verbalen Greifbarkeit des „11. Septembers“ – für dieses Datum gibt es noch keinen anderen konkreten Titel. Das Ereignis wird vielmehr eher vage und allgemein als eine epochemachende Zäsur wahrgenommen. Seit diesem Tag sei die Welt nicht mehr jene, die sie vorher war, heißt es. Gleichzeitig erscheint der westlichen Geschichtsschreibung der global geführte „Krieg gegen den Terror“ beinahe als „natürliche“ Konsequenz des „11. September“, als gerechtfertigt und führenswert. Er hat die vergangene Dekade bestimmt und in den Vereinigten Staaten tief den sozialen Alltag durchdrungen. So zeigen die Weiterführung von Militärtribunalen statt Zivilgerichten für Terrorverdächtige, das Festhalten an der unbeschränkten Beugehaft in Guantanamo Bay, die fortwährenden Debatten um globale Sicherheitspolitik und die Fortsetzung des Krieges in Afghanistan eine unveränderte Kriegshaltung an.

    Apokalyptische Rhetorik neben politischem Stammeln

    Begleitet sind derartige politische Maßnahmen von einer apokalyptischen Rhetorik. So galt der „11. September“ im amerikanischen Bewusstsein als ein neuer „Tag der Schande“, der einstige Präsident Bush hielt die Ereignisse als „das Pearl Harbor des 21. Jahrhunderts“ fest. Die Angst vor einem Dritten Weltkrieg gegen eine neu definierte „Achse des Bösen“ beherrschte den öffentlichen Diskurs. Jede politisch-akademische Debatte verabschiedete den politischen Pragmatismus und forderte eine Rückkehr zu Ethik und Moral. Samuel Huntingtons damals zehn Jahre alte These vom „Kampf der Kulturen“ erhielt starken Zuspruch und bestimmt bis hin zur jüngsten sogenannten Jasminrevolution in Tunesien auch noch gegenwärtig die Debatte über den Nahen Osten nach dem „11. September“.

    Dieser Debatte stellte sich die amerikanische Kultur lange Zeit nicht. Nach einigem Warten hat sich die amerikanische Literatur auf eine noch immer andauernde Suche nach der geeigneten Repräsentation für die Ereignisse begeben. Noch haben sich die Autoren nicht loslösen können vom visuellen Stimulus und dem genuin politischen Diskurs. Neben narrativen Leerstellen wie in Paul Austers „Brooklyn Follies“ (Die Brooklyn-Revue, 2005) oder Jay McInerneys „The Good Life“ (Das gute Leben, 2006), beherrscht ein Erzählen in bekannten Bildern die Repräsentation der Ereignisse des „11. Septembers“. So findet sich etwa zu Ende des Romanes „Extremely Loud & Incredibly Close“ (Extrem laut und unglaublich nah, 2005) von Jonathan Safran Foer ein Daumenkino, das Richard Drews ikonische Aufnahme des „Falling Man“ – der Fotograf hatte am 11. September 2001 um 9.41 Uhr Ortszeit in New York einen Mann aufgenommen, der sich vom World Trade Center stürzte – je nach Perspektivierung entweder umkehrt oder nachempfindet. Frederic Beigbédérs „Windows on the World“ (Fenster zur Welt, 2004) imitiert Holocaust-Prosa und zeichnet schließlich die Türme des World Trade Centers mitsamt der Antenne im Kapitel „10:28“ mit Wörtern nach. Die Kapitelüberschrift bezeichnet den Zeitpunkt des Einsturzes des Nordturmes.

    Der „Falling Man“ (2007) ist auch titelgebende Figur für Don DeLillos Roman zum „11. September“. Trotz bedenklicher Innenperspektiven aus der Hamburger Terrorzelle gilt dieser Roman bis heute als Paradigma der 9/11-Literatur. Der Täterblick begeisterte auch John Updike in „Terrorist“ (2006). Wenn es in diesen Romanen um die „fremde“ Sicht geht, schaffen es beide Autoren nicht, sich von der Tatsächlichkeit der wahrgenommenen Realität zu lösen, aus dieser Perspektive eine eigene Stimme zu finden und eine eigene Figur zu schreiben, die vom sich perpetuierenden politischen Diskurs befreit wäre. Stattdessen zeichnen Updike und DeLillo die Täter als sehr artifizielle, wenig greifbare und mit Stereotypen aufgeladene Charaktere. Zudem zeigen bis heute die sogenannten 9/11-Romane eine Tendenz an, die Terroranschläge zu einem Angriff auf die weiße amerikanische Mittelklasse zu stilisieren. Als dezidiert „weißes Trauma“ gilt deshalb der „11. September“ etwa in den Augen der vornehmlich afroamerikanischen Opfer des Hurrikans Katrina, der 2005 New Orleans zerstörte, während umgekehrt die weiße Mittelschicht diese Katastrophe gerne als ein „Black Nation's 9/11“ bezeichnen, also einen „11. September der Schwarzen Nation“.

    Während die Literatur noch immer an der Definition des Post-9/11-Romanes arbeitet, legte der Film-Regisseur Spike Lee als einer der Ersten fest, wie ein bildhaftes Erzählen über die Ereignisse stattzufinden hat. Im Film „25th Hour“ (Die fünfundzwanzigste Stunde, 2002) fängt er den desolaten Zustand der USA in der Hauptfigur Montgomery Brogan ein. Gedreht im New York nach den Anschlägen thematisiert der Film die Lust am Leben nach einer privaten Katastrophe. Das kollektive Ereignis kommt so im Privaten zur Geltung. Erst im Wiederentdecken amerikanischer Mythen und Symbole kann daraufhin das individuell durchgearbeitete Trauma wieder ein kollektives werden.

    Wie wird Hollywood den Tod Bin Ladens inszenieren?

    Interessant wird, wie Hollywood die am 2. Mai 2011 erfolgte Ermordung Osama bin Ladens, dem Drahtzieher von „9/11“, inszenieren wird. Die medienwirksamen Jubelfeiern haben gezeigt, wie emotional die Erinnerung an den „11.September“ noch immer aufgeladen ist. Sie lassen auch vermuten, mit welcher patriotischen Macht der Krieg gegen die Täter im kulturellen Unbewussten noch immer verbunden ist. Daher ist es spannend zu sehen, wie die letztjährige Oscar-Gewinnerin Kathryn Bigelow das entsprechende Filmprojekt umsetzt. Im Oktober 2012 soll der noch titellose Film in die Kinos kommen. Sicher verändert er nachhaltig den Diskurs über den Krieg gegen den Terror.

    Doch auch diese Produktion wird eines bestätigen: Der Drang, jeder politischen, theoretischen oder kulturellen Haltung zum „11. September“ einen bildhaften Ausdruck zu geben, erlaubt jedem Film, Buch, Theaterstück, jeder Rede, politischen Handlung, jedem Medienbericht und so weiter nur bestimmte perspektivische Erzählungen über die Erinnerung an den „11. September“. Damit erst halten sie auch Einzug in die Lebenswelt ihres Publikums, erschaffen eine und zugleich mehrere Versionen dieser Vergangenheit. Sie liefern die Zeichen und das Vokabular für das Erzählen, Fühlen und Erfahren dieser Erinnerung. Deshalb bleibt die Aufgabe bestehen, diesen Bildern kritisch zu begegnen. Das große Verstehen gibt es noch nicht. Auch im zehnten Jahr nach den Anschlägen ist der „11. September“ nicht in Worte gefasst. Weiterhin prägen vor allem die gleichsam dokumentarischen Bilder der Ereignisse selbst noch über viele Generationen hinweg das Selbstbild der amerikanischen Nation.

    Der Autor lehrt am Seminar für Anglistik der Universität Siegen. Jüngst erschien seine Monografie „Die traumatisierte Nation? – ,Pearl Harbor' und ,9/11' als kulturelle Erinnerungen“ bei transcript.