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    Vatikan

    „Zeitgemäss und sicher unterbringen“

    Die Unterkunft der Päpstlichen Schweizergarde soll durch einen Neubau ersetzt werden.

    Schweizer Garde soll eine neue Kaserne erhalten
    Die Schweizer Garde soll eine neue Kaserne erhalten. Foto: retrt

    Am 22. Januar 1506 kamen 150 Schweizer Landsknechte nach Rom, um Papst Julius II. (1503–1513) als Leibwache zu dienen. Die Schweizer nahmen Quartier bei der Residenz des Pontifex, dort, wo sich noch heute ihre Unterkünfte befinden. Zeitgenössische Aufzeichnungen sprechen von einer „habitationem extra Palatium pro Custodia Palatij deputatam“, einer Unterkunft außerhalb des Palastes an dessen südöstlicher Seite.

    Die Geschichte der Kaserne

    Eine erste wirkliche Kaserne entstand gut 50 Jahre später im Pontifikat Papst Pius? IV. (1559–1565). Der Bau maß 59 Meter in der Länge und 13 Meter in der Höhe. 1568 wurde beim Gardequartier die Kapelle SS. Martino e Sebastiano degli Svizzeri errichtet. In späteren Jahren wurden kleinere Häuser angebaut und auf dem Längsbau zum Petersplatz hin ein zweites Stockwerk aufgesetzt.

    Als im Jahre 1656 Bernini mit dem Bau der Kolonnaden um den Petersplatz begann, musste beinahe das ganze vordere Gardequartier den Plänen des berühmten Architekten weichen. „Nur die Kapelle, ihr Nebenhaus, die spätere Sakristei sowie einige der kleinen Häuser in der Ecke bleiben stehen und werden durch eine neu errichtete Mauer gegen den Petersplatz hin abgeschlossen. Die obdachlos gewordenen Gardeangehörigen beziehen einige Privathäuser an der Stadtseite der heutigen Via di Porta Angelica, die Miete übernimmt die Bauverwaltung von St. Peter. Wenn die Garde aber den Papst in den Quirinalpalast begleitet, müssen die Häuser geräumt und bei der Rückkehr neu angemietet werden“ (Robert Walpen).

    „Mein Leben wäre ohne die Schweizergardisten undenkbar.“
    Papst Franziskus

    Papst Leo XII. (1823–1829) ließ gegenüber den Mietshäusern der Garde einen Neubau errichten, der durch das Borgiator über einen abgeschlossenen Hof, den heutigen Ehrenhof, betreten werden konnte. Die Kaserne ließ der selige Pius IX. (1846–1878) im Jahre 1862 durch einen weiteren, zweigeschoßigen Bau erweitern. Nach der Gründung des Vatikanstaates (1929) befahl Pius XI. (1922–1939), die Kaserne abzureißen und durch eine neue zu ersetzen.

    Stiftung für die Renovation

    Unter der Schirmherrschaft der „Stiftung für die Päpstliche Schweizergarde im Vatikan“ entstand 2016 in Solothurn die zweckgebundene „Stiftung für die Renovation der Kaserne der Päpstlichen Schweizergarde im Vatikan“. In einer Verlautbarung der Garde hieß es: „Ihr alleiniges Ziel ist die Erneuerung der Kasernengebäude sowie der übrigen Einrichtungen“. Als Grund der Maßnahme wird angegeben: „Zurzeit werden zwei Gebäude als Truppenunterkunft für nicht verheiratete Gardeangehörige, sowie für den Verpflegungsbereich genutzt. Im dritten Kasernengebäude sind das Kommando sowie die im Quartier lebenden Gardefamilien untergebracht. Die Gebäude entstanden im 19. Jahrhundert.

    Seither wurden kaum Erneuerungen durchgeführt; deswegen verursachen die mangelhafte Isolation und die schlechte Gebäudesubstanz unverhältnismäßig hohe Unterhaltskosten. Das Projekt ist aufgrund der historischen Lage der Gebäude, sowie der geologischen und archäologischen Begebenheiten äußerst komplex. Eine weitere Herausforderung ist die Unterbringung der Truppe während der Umbauarbeiten, damit das Korps weiterhin die Sicherheit des Heiligen Vaters und seiner Residenz gewährleisten kann.“

    Ein ehrgeiziges Bauprojekt

    Der Kasernenkomplex der Päpstlichen Schweizergarde im Vatikan muss abgerissen und neu gebaut werden. So fordert es nun eine Studie der Architekten Pia Durisch und Aldo Nolli aus Lugano (Schweiz). Zu dem ehrgeizigen Bauprojekt hat der Heilige Stuhl bereits grünes Licht gegeben. „Die Gebäude sind so alt, dass es keine anderen Möglichkeiten gibt“, teilte Stiftung mit. Ursprünglich standen drei Optionen zur Diskussion: eine Teilsanierung, eine Neuaufteilung der Räume unter Beibehaltung der alten Kasernenmauern oder ein Neubau.

    Pia Durisch stellt klar: „Die heutige Situation ist prekär. Die Kaserne entspricht den heutigen Standards in keiner Form mehr, nicht nur bezüglich Privatsphäre und Komfort, sondern vor allem auch bezüglich Sicherheit. Die Kellerräume und die Trainingshalle sind regelmässig überschwemmt, die Feuchtigkeit steigt von unten auf. Der Kanal, der unter den Gebäuden durchführt, ist quasi ein Wildbach.“

    Beschränkungen beim Neubau

    Die Architekten stehen vor enormen Herausforderungen. So sind die Platzverhältnisse im Vatikan eng; sie müssen auf demselben „Footprint“ bauen, aber 30 Prozent mehr Volumen schaffen. Des Weiteren müsse typologisch und städtebaulich das Gebäude zur Familie der umliegenden Bauten gehören. Man sei in der Höhe limitiert, werde aber vielleicht etwas höher gehen müssen als heute, jedoch nur unwesentlich, ohne das Ortsbild des Weltkulturerbes Petersplatz zu tangieren.

    Das Architektenduo Durisch-Nolli legt besonders großen Wert darauf, dass der Bau transparenter und heller werde und eine Beziehung zur Altstadt herstelle. Es sei ihnen an einem schlichten Bau gelegen; man wolle etwas Beständiges schaffen, das eine gute Atmosphäre nach innen und nach aussen ausstrahlt – keinen Prestigebau, sondern bodenständig, bescheiden, reduziert auf das Wesentliche. Das mit 55 Millionen Schweizer Franken veranschlagte Projekt wird aus privaten Spenden finanziert.

    Die Kaserne soll an ihrem derzeitigen Standort neu errichtet werden. Während der Bauzeit von rund zwei Jahren werden die Gardisten in einem Container-Dorf in der Vatikanstadt leben. Es wird so platziert und organisiert sein, dass die Sicherheit des Papstes und des Vatikans lückenlos gewährleistet ist und das Funktionieren der Garde keinerlei Einschränkung erfährt.

    Gardisten dürfen jetzt früher heiraten

    Ein Neubau der Kaserne ist auch deswegen zwingend erforderlich, da der Heilige Vater den Sollbestand seiner Leibwache von 110 auf 135 Mann erhöht hat. Zudem war bis jetzt den Gardisten eine Heirat erst ab dem Rang eines Korporals möglich. Der Papst entschied, dass nun früher geheiratet werden darf.

    Papst Franziskus hat klare Worte zur Bedeutung der Päpstlichen Schweizergarde gefunden und sich unmissverständlich für ihre Anliegen eingesetzt: „Mein Leben wäre ohne die Schweizergardisten undenkbar. Immer sind sie in meiner Nähe — Tag und Nacht. Ihre Professionalität, Disziplin, Diskretion und Freundlichkeit erfüllen mich mit grosser Dankbarkeit. Es sind junge Männer, die einen strengen Alltag haben und sich rund um die Uhr für meine persönliche Sicherheit einsetzen. Umso wichtiger ist es, dass sie im Vatikan — der zunehmend auch für ihre Frauen und Kinder zu einer zweiten Heimat wird — zeitgemäss und ebenfalls sicher untergebracht sind.“

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