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    Ahrtal

    Wie ein Tsunami

    „Es ging so unfassbar schnell“: Die Flutwelle hat auch das Ahrtal schwer getroffen.

    Nach dem Unwetter in Rheinland-Pfalz
    Auch die Ahrtalbahn wurde teilweise völlig zerstört. Foto: dpa/Boris Roessler

    Langsam beginnt sich der Ablauf der Rettungsarbeiten im Ahrtal zu strukturieren. Aus dem ganzen Bundesgebiet sind Rettungs- und Hilfsorganisationen angereist. Feuerwehr, THW, Rotes Kreuz, Malteser, Panzer der Bundeswehr, Helikopter, Rettungsboote, Schaufelbagger – das Bild im Stadtgebiet von Bad Neuenahr-Ahrweiler, der Kreisstadt des von der Unwetterflut schwer geschlagenen Ahrkreises ist geprägt von unzähligen Rettungsfahrzeugen, die Hilfe signalisieren. Doch immer noch gibt es Ortschaften, die nahezu ausschließlich aus der Luft Rettung und Hilfe erfahren können. Brücken und Straßennetz sind derart nachhaltig zerstört, dass man schon sehr ortskundig sein muss, um über schmale Waldwege zu jenen Orten an der Ahr zu gelangen, die dringend auf Hilfe warten. Immer noch werden Tote geborgen. 117 sind es bisher. Immer noch werden über 100 Menschen vermisst.

    Kaum vorstellbare Gewalt des Wassers

    In den Schlammbergen, welche die tsunamiartige Flutwelle hinterlassen hat, die in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag mit kaum vorstellbarer Gewalt durch Straßen und Häuser raste, stehen an allen Straßenrändern die zerschlagenen Überreste dessen, was noch vor wenigen Tagen das Zuhause von tausenden von Menschen ausmachte: Kommoden, zertrümmerte Schränke, Tische, Sessel, hier eine zerschmetterte Stehlampe, dort verkrustete Kühlschränke, ein Schaukelpferd, die Puppenstube. Graugesichtige Menschen in schlammgrauen Arbeitshosen und Gummistiefeln arbeiten, als gäbe es ein Morgen.

    Über Nacht alles verloren

    Dass dieses noch sehr lange auf sich warten lassen kann, wird täglich klarer, wo die Schäden an der Infrastruktur immer deutlicher werden: In den meisten Orten an der Ahr wird es es noch länger kein Leitungswasser geben, das Abwassersystem und die Gasleitung sind so nachhaltig zerstört, dass es monatelang dauern wird, sie wiederherzustellen. In vielen Stadtteilen und Dörfern gibt es noch keinen Strom, das Telefonnetz ist zerstört, der Mobilfunk noch nicht überall verfügbar. Letzteres birgt noch eine gewisse Hoffnung, dass Vermisste sich nur noch nicht melden konnten. Hunderte, eher Tausende, haben über Nacht ihr Zuhause, ihr gesamtes Hab und Gut verloren. In einem Vorort der Kreisstadt wurde ein neues Haus samt Bodenplatte von der Flut mitgerissen. Als hätte es nie existiert. Seine Bewohner, eine junge Familie, werden immer noch vermisst. Der Leiter eines Fitness-Studios wurde um ein Haar von der Gewalt der zu diesem Zeitpunkt erst 20 Zentimeter hohen Strömung mitgerissen beim Versuch, sein Auto noch zu retten. Stattdessen rettete er auf seiner Flucht durch die Weinberge auf dem Wege eine alte Frau, indem er ein Fenster ihrer Wohnung im Souterrain beherzt mit dem Hammer einschlug – Minuten, bevor die Flut dort bis zur Decke stand.

    Erst nach Tagen gerettet

    Menschen, die auf Bäume flüchteten, einige wurden nach Stunden, gar Tagen gerettet, andere sind kraftlos geworden in die Fluten gestürzt. Ungezählt sind solche traumatischen Erzählungen. Menschen die zusehen mussten, wie ihre Nachbarn von der Flut mitgerissen wurden. Die in ihren Tiefgaragen ertranken. Oder die – manche mit Baby auf dem Arm – schier endlos lang auf Dächern und Speichern auf Rettung harrten. „Es ging so unfassbar schnell“ hört man allerorten. Die beschauliche Ahr, die sich sonst so romantisch durch das schöne Ahrtal schlängelt, war zum reißenden Monster geworden, das noch hunderte von Metern von seinem Bett entfernt Opfer fand. Der Schock sitzt tief, auch bei allen, die nicht unmittelbar „betroffen“ sind, wie es so schön heißt, wenn Wohnung oder Haus noch stehen oder bewohnbar sind. Wie könnte irgendjemand nicht tief betroffen sein, wenn die Heimat sich binnen weniger Stunden in eine todbringende Trümmerwüste verwandelt, von der die ganz Alten sagen, so schlimm sei es nicht einmal im Krieg gewesen?

    Ein Bild des Grauens

    Für manche, die sich nicht im unmittelbaren Gefahrenradius befanden, zumal in den Höhenlagen, war die erste Feststellung in der Schicksalsnacht, dass etwas nicht stimmt, ein durchdringender Diesel- und Ölgestank gewesen. Was sich aber dann im Morgengrauen im Tal offenbarte, sprengte jede Vorstellungskraft. Nahezu ein ganzer Landkreis in Trümmern. Kaum jemand kennt aus eigenem Augenschein das gesamte Ausmaß der Verwüstung. Nur eingefleischte Katastrophen-Gaffer bringen es über sich, den Rettungskräften im Wege zu stehen und die unfassbare Not und das Unglück von Menschen sensationslustig zu bestaunen. Für alle anderen bleibt die nächste Umgebung, wo fast überall Autos in Hecken, an Mauern klebend oder sogar in Bäumen hängend zu sehen sind. Die bis ins erste, teils sogar zweite Obergeschoss verwüsteten Häuser in der Nachbarschaft. Der Bahnhof, an dessen Stelle jetzt ein tiefer Krater klafft. Und die Fotos aus anderen Ortschaften, aus den Nachrichten, von Drohnen und Hubschraubern: Der überflutete Friedhof von Ahrweiler, bei dessen Anblick „dem Erdboden gleichgemacht“ ein Euphemismus wäre. Ein Bild des Grauens. Die überfluteten, teils abbruchreifen Kirchen. Die verschwundenen Brücken. Bundeskanzlerin Merkel, die das schwer geschlagene Dörfchen Schuld stellvertretend für das ganze Katastrophengebiet besuchte, traf es gut: Dass es schlicht keine zutreffenden Worte gebe für das Ausmaß dieser Zerstörung und des Leids.

    Wir leben – Gottseidank

    Und dennoch gibt es Licht: Das wohl häufigste Wort, das man gerade von unmittelbar Betroffenen hört: „Aber wir leben. Gottseidank.“ Eine Frau, die sowohl ihr Haus als auch ihr alt eingesessenes Restaurant unwiederbringlich verloren hat, fügt hinzu: „Wir fangen eben von vorne an.“ Eine Gruppe von Männern, die acappella in Kirchenchorqualität zwischen Schlamm und Trümmern das berühmte Lied der Bläck Fööss singen: „Wat och passeht (..) Dat eine is doch klar, denn he hällt m'r zesamme, ejaal wat och passet, in uns'rem Veedel.“

    Die wirklich unfassbare Hilfsbereitschaft: Freunde, Arbeitskollegen, völlig Fremde helfen in Scharen beim Müllentsorgen, bei der Säuberung der bis auf die Wasserschäden erhaltenen Wohnungen und Häuser. Bauern kommen von nah und fern mit ihren Treckern und Schaufelbaggern, um Müll und Schutt wegzuschaffen. An vielen Ecken wird warmes Essen angeboten. Die geradezu unfassbare Menge an gespendeter Kleidung für die Menschen, die oft nur noch ihren Schlafanzug besitzen, Lebensmittel, Stromaggregate, Schubkarren, Schaufeln, Eimer – sobald jemand einen Aufruf in einem der sozialen Netzwerk startet, steht kurz darauf das Fehlende bereit. Eine besondere Rolle spielt hier auch der Ahrweiler Pfarrer Jörg Meyrer und sein Team: Schon in der Nacht der Tragödie bot er Betten im Pfarrhaus an, leistet seither fast pausenlos Notfallseelsorge, feiert hl. Messe in den wenigen noch betretbaren Kirchen, koordiniert Sachspenden, die auf seine Zurufe im Internet zuhauf gebracht wurden. Anfangs so viel, dass die raren Lagermöglichkeiten sowie die Verteilungskapazitäten bald nicht mehr ausreichten. Inzwischen werden die guten Menschen, die angesichts dieser Not mithelfen wollen, vor allem um Geldspenden gebeten. Eine unbürokratische Verteilung an diejenigen, die es dringend brauchen, wird garantiert.

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