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    Kleinhelfendorf

    Geheimnis um einen Bischof

    Das Ende des heiligen Emmeram wirkt wie ein Kriminalfall – bis heute erinnern viele Kultstätten an ihn.

    Marterkapelle Emmeram
    Kriminalfall Emmeram: Eindrucksvolle Marterkapelle des Heiligen in Kleinhelfendorf. Foto: LepoRello(Wiki)

    Südliches Oberbayern, irgendwann in der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts – ein Bischof auf der Flucht! Eigentlich hätte es eine Pilgerfahrt zum Heiligen Vater nach Rom werden sollen, doch zuletzt haben sich in Regensburg die Ereignisse überschlagen. Mit nur wenigen Getreuen ist Bischof Emmeram daher seit einigen Tagen nach Süden unterwegs. Deutlich zeichnet sich vor der kleinen Reisegruppe die mächtige Gebirgskette ab, hinter der Italien liegt und durch deren Schutz sich der Missionar vor den zu erwartenden Rachegelüsten der bairischen Herzogssippe sicher wähnt.

    Von Poitiers nach Regensburg

    Erst vor drei Jahren war Emmeram an die Donau gekommen, nachdem er sein Bischofsamt im südwestfranzösischen Poitiers aufgegeben hatte, um sich der Awarenmission zu verschreiben. Der Agilolfingerherzog Theodo aber hatte den durchreisenden Wanderbischof geradezu bekniet, im Land der Bajuwaren zu bleiben, denn obschon die Oberschicht den neuen Glauben bereits angenommen hatte, war das Heidentum noch weit verbreitet. So wurde Emmeram – bzw. Haimraban, wie er von den Hiesigen genannt wird – Regensburger und stellte seinen Bischofsstuhl in der dortigen Georgskirche auf. Diese liegt außerhalb der ehemaligen Legionsfestung, in der die Agilolfinger ihre Pfalz eingerichtet haben und hier pflegt der Missionar die grimmigen Wintermonate zu verbringen. In jedem Frühjahr aber packt er seinen Stab, um durchs Land zu ziehen und im Altmühl-, Laber- und Naabtal das Wort Gottes zu predigen – obwohl er kein Wort Germanisch spricht und sich deswegen eines Dolmetschers bedienen muss.

    Vor einigen Tagen nun aber beichtete ihm die Tochter des Herzogs, dass ihr Fehltritt mit einem hübschen Richterssohn nicht folgenlos geblieben ist. Emmeram, ein nicht groß gewachsenes, aber gestandenes Mannsbild Mitte 40, hat daraufhin beschlossen, die Schuld auf sich zu nehmen und der verzweifelten Uta erklärt, sich auf Romfahrt begeben zu wollen. Bis er über die Alpen sei, so riet er ihr, solle sie stillhalten, um dann ihn als Kindsvater auszugeben. Inzwischen haben die Rompilger den Weiler Eiingun passiert. Bald dahinter mündet der von Norden kommende Weg in die große Ost-West-Trasse ein, die von Augsburg nach Salzburg führt. Sie ist sogar noch besser in Schuss, als jene Route, auf welcher die Gruppe um den Missionsbischof bisher reiste, obwohl auch sie noch aus der Zeit vor dem Untergang des Römischen Reiches stammt. Zwar werden die Römerstraßen nicht mehr gepflegt, doch die Natur hat sich ihrer noch nicht vollständig bemächtigt, so dass sie genutzt werden, solange es eben geht. An der Weggabelung lässt Emmeram anhalten.

    Grausamer Tod

    Sie haben noch nicht lange gerastet, als von der Ferne Hufgetrappel zu hören ist. Mit einigen Getreuen prescht Lantpert heran, der Sohn des Herzogs. Ob seine Schwester Uta zu früh geplaudert hat? Während sich die Begleiter des Missionars vor Angst in die Büsche schlagen, tritt der Mann Gottes dem Ankommenden entgegen, der ihn aber mit einem wutschäumenden „Sei gegrüßt Bischof und Schwager!“ anfährt. Eben will Emmeram zu seiner Verteidigung das Wort erheben, als ihn unvermittelt ein Schlag trifft, der ihm den Unterkiefer bricht. Man reißt ihm die Kleider vom Leib und bindet ihn auf eine Leiter über einen großen Felsblock. Nach und nach werden ihm sämtliche Glieder abgetrennt, mit denen er Uta angeblich geschändet hat; abermals bricht man ihm den Kieferknochen, um auch noch die Zunge herauszuschneiden.

    Nachdem das blutige Werk vollendet ist, werfen die Täter den Bajuwarenapostel achtlos in den Straßengraben; er ist noch am Leben.

    Erst als die Angreifer verschwunden sind, wagen sich Emmerams Begleiter wieder hervor. Sie reichen dem Sterbenden einen letzten Trunk aus einer nahen Quelle und laden ihn auf einen Ochsenkarren, um ihn in das über zwanzig Kilometer entfernte Askheim zu bringen, den nächstgelegenen Verwaltungsort, wo neben Einheimischen auch Leute aus Skandinavien leben und sogar aus dem fernen Byzanz. Kurz bevor sie jedoch die inmitten einer endlosen Ebene gelegene Siedlung erreichen, stirbt der Gemarterte auf freiem Feld. Dem Hörensagen nach hätten sich damals allerlei Wunder ereignet, die den Agilolfingern ihren Irrtum kundtaten, weswegen Herzog Theodo den vorübergehend in Askheim, dem heutigen Aschheim bei München, bestatteten Wanderbischof wieder exhumieren und in die Regensburger Georgskathedrale überführen ließ – so zumindest notierte Bischof Arbeo von Freising die Sex-and-Crime-Story etwa hundert Jahre nach den Ereignissen und berichtet von vierzigtägigen Niederschlägen, himmlischen Reitern und engelsgetriebenen Schiffen.

    Opfer einer Polit-Intrige?

    Gemessen an solch hagiografischem Schmuckwerk bleiben die Fakten in Arbeos „Vita Sancti Haimhrammi“ dürftig. Vieles ist unbelegt, einiges sogar extrem widersprüchlich; selbst eine genaue Datierung bleibt unmöglich – fiel Emmeram in Wirklichkeit einer Polit-Intrige zum Opfer, zu deren Vertuschung man Utas angeblichen Fehltritt erst nachträglich konstruiert hat oder könnte er womöglich gar als Ganzes eine fromme Erfindung des literarisch begabten Freisinger Oberhirten gewesen sein? Tatsache ist, dass sich um ein Grab in Regensburg eine Mönchsgemeinschaft gründete, aus der die mächtige Reichsabtei St. Emmeram hervorging, in deren säkularisierten Gemäuern sich die Fürsten von Thurn und Taxis häuslich eingerichtet haben.

    Eine Untersuchung in den 1970er Jahren hat ergeben, dass im dort bewahrten Emmeramsreliquiar die Gebeine eines muskulösen Mannes ruhen, die tatsächlich schwere, unverheilte Verletzungen an den Armknochen aufweisen, welche auf eine fränkische Axt zurückgehen könnten. Die Brüche am Unterkiefer werden indes einem Stab oder einem Speerschaft zugeordnet, wobei der Mund während des ersten Schlages geöffnet war, als habe das Opfer noch sprechen wollen, während es beim zweiten Schlag den Kiefer fest geschlossen hielt.

    Für die Historizität des Wanderbischofs sprechen aber vor allem die zahlreichen Verehrungsorte im Münchener Raum, die fast ausnahmslos zwar Nachfolgerbauten des 19. Jahrhunderts sind, deren Vorgänger aber urkundlich bis ins 9. Jahrhundert zurückdatieren; so die Emmeramskapelle bei Oberföhring, wo man den Heiligen auf ein Isar-Floß verlud, oder an seinem Sterbeort in Feldkirchen, über dem eine ortsnamensgebende Kapelle gebaut wurde. Im Bereich der schon im frühen 7. Jahrhundert gegründeten Aschheimer Kirche – wo hundert Jahre nach Emmeram die erste bairische Landessynode abgehalten wurde, an der auch sein Biograph teilnahm – konnte innerhalb des damals noch aus Holz errichteten Gotteshauses eine gemauerte Gruft ergraben werden; womöglich die erste Grabstätte des Missionars.

    Eine Kette von Kultorten

    Die köstlichste Perle in dieser Kette von Kultorten ist freilich die Marterkapelle des Heiligen in Kleinhelfendorf. Der Weiler, der sich den Charakter eines barockzeitlichen Wallfahrtsdorfes bewahren konnte, liegt etwa 30 Kilometer südöstlich der bayerischen Landeshauptstadt, wo die Münchener Schotterebene in die sanft gewellte Altmoränenlandschaft zwischen Inn, Mangfall und Alpen übergeht.

    Am Ortsrand, neben der alten Römerstraße, die als Feldweg den Hügel herauf führt, erhebt sich der zur vermuteten Tausendjahrfeier 1752 nach den Plänen von Michael Pröbstl errichtete Kirchenneubau. Der Münchner Baumeister zählt nicht zu den ganz Großen seiner Zeit, doch sein Entwurf atmet die Lebendigkeit des süddeutschen Rokoko; nach allen Seiten hin wölben sich die Wände nach außen, so als dränge etwas von drinnen heraus – Ruhe scheint nur der schlanke Chorturm mit seiner Zwiebelhaube zu bewahren.

    Der von Künstlern aus dem Umkreis Johann Bapt. Zimmermanns ausgeführte Stuck im Innern des Zentralbaus zeugt von zurückhaltender Noblesse; die übrige Ausstattung ist qualitätvoll-solide. Das Besondere aber ist der Marterstein, um den die Kirche herum gebaut wurde. Von den Kirchenbänken durch ein Gitter abgegrenzt, wird der große Findlingsblock im Zentrum des Ovalraums durch eine annähernd lebensgroße Figurengruppe belebt, welche die hier geschehene Bluttat drastisch vor Augen führt.

    Als Panduren verkleidete Schergen dringen mit Axt, Dolch und Messern auf den entblößten Heiligen ein; derb geschnitzte, aber ungemein expressive Skulpturen aus dem 18. Jahrhundert, die einen Besuch lohnen, zumal um den Tatort noch weitere Spuren zu entdecken sind.

    Zwar ist das Wasser der Quelle, aus welcher der Heilige zuletzt trank, leider nicht mehr genießbar, dafür findet der Pilger im benachbarten Aying Labung, wo ein recht süffiger und versöhnlicher Trunk gebraut wird.

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