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    Boston

    Gefährlicher Denker

    Peter Kreeft ist ein katholischer Apologet, der in 83 Lebensjahren bereits 95 Bücher veröffentlicht hat. Unrer anderem: "40 Gründe, warum ich Katholik bin".

    Peter Kreeft.
    KatholischerApologet und Philosoph: Peter Kreeft. Foto: Katholische Diözese Memphis/Karen Pulfer Focht

    Die beiden wichtigsten Fakten zur westlichen Zivilisation sind diese: erstens, dass es unsere ist; und zweitens, dass sie einen raschen intellektuellen und spirituellen Selbstmord begeht.“ Wenn Peter Kreeft das sagt, dann nicht mit der in Mitteleuropa bekannten Bitterkeit oder der im romanischen Raum verbreiteten Melancholie. In Kreefts Stimme liegt ein angelsächsischer Charme, der die Tragik des Menschseins in eine warme Ironie münden lässt, um die Welt erträglicher zu machen. Kreeft ist Apologet, kein Schwarzseher. Ein Apologet mit einem übernatürlichen Ausstoß, den nur eine besondere Verbindung zum Heiligen Geist erklären kann. Kreeft hat in seinen 83 Lebensjahren 95 Bücher geschrieben. Er ist damit womöglich der produktivste lebende katholische Apologet. Darunter finden sich Titel wie „40 Gründe, warum ich Katholik bin“, „Handbuch für Christliche Apologeten“, „Zwanzig Argumente für die Existenz Gottes“ oder „Ja und Nein – Direkte Antworten für zähe Fragen über das Christentum“.

    Schönheit als Argument für die Wahrheit

    Das liest sich für kontinentaleuropäische Augen wie amerikanische Effekthascherei. Wer bei Kreeft jedoch das geistige Niveau vermutet, wie es in Fastfoodketten üblich ist, der irrt. Denn eben jene westliche Zivilisation, der Kreeft den Suizid bescheinigt – und das bereits viele Jahre vor Douglas Murrays Buch über den „seltsamen Tod“ Europas – definiert der Amerikaner so: „Die christliche Zivilisation ist die Vermählung von Glauben und Vernunft. Dies begann mit der Vereinigung von biblischer Kultur und von klassischer Kultur, welche die beiden großen Traditionen des Altertums bilden.“ Und: „Das erste Foto dieser Vermählung ist im Prolog des Johannesevangeliums. Hier sehen wir die Hochzeitsnacht; hier sehen wir die Empfängnis des Embryos, denn hier werden beide eins.“ Es gehört zu den großen Stärken Kreefts, vielschichtige metaphysische und historische Phänomen präzise und in wenigen Worten zu beschreiben. Die europäische Kultur erblickt das Licht der Welt, da das Wort Fleisch wurde. Peter John Kreeft wird am 16. März 1937 in Paterson, New Jersey, geboren.

    Jugend und Umfeld verraten nichts über seinen späteren Werdegang. Kreeft wächst in einem calvinistischen Elternhaus auf, Rom gilt als neues Babylon, der Katholizismus als Heidentum. Aber schon als Kind fragt Kreeft nach einem Besuch der Saint Patrick?s Cathedral: „Wenn die Katholiken falsch liegen – warum sind ihre Kirchen dann so wunderschön?“ Es ist die erste Frage im Leben des Achtjährigen, die sein Vater nicht beantworten kann. Ausgerechnet ein Flaggschiff calvinistischer Ausbildung, das Calvin College in Michigan, das sich bis heute im Besitz der Reformierten Kirche befindet, leitet seine Konversation ein. Dort erwartet ihn ein Déja-vu: Als Kreeft auf die Theologie des Johannes vom Kreuz und des Thomas von Aquin stößt, kommt er zur Überzeugung, dass „wenn das eine Häresie ist, dann ist es eine schöne und großartige“.

    „Je mehr ich las, desto katholischer wurde ich.“ Peter Kreeft

    Der Sohn eines Ältesten in einer calvinistischen Gemeinde, der an einem calvinistischen College lernt, droht Opfer der „großen Hure“ zu werden. Um sich selbst zu schützen, bittet er seinen Lehrer um Rat. War denn nicht ihre Kirche die eigentliche Kirche? Sein Mentor gibt ihm die schicksalhafte Aufgabe, sich mit der frühen Kirche zu beschäftigen, er würde erkennen, dass sich ein Protestant im ersten nachchristlichen Jahrhundert wohler fühlte als ein Katholik. Doch das Studium der frühchristlichen Zeugnisse und der Kirchenväter bewirkt das genaue Gegenteil. „Je mehr ich las, desto katholischer wurde ich.“ In eintausendfünfhundert Jahren, so findet Kreeft heraus, hat keine christliche Gemeinschaft die Realpräsenz Christi in Frage gestellt. Die Didache aus der Frühzeit des Christentums unterstreicht den Opfercharakter. In der Abwandlung der Worte von C. S. Lewis stellt Kreeft die Theorie auf: „Entweder ist der Anspruch der katholischen Kirche, die von Christus selbst gegründete Kirche zu sein, der arroganteste, blasphemischste und schlimmste Anspruch, der denkbar ist – oder sie ist das, was sie beansprucht, zu sein.“ Im Alter von 22 Jahren konvertiert Kreeft zum katholischen Glauben. Der Priester, der ihn dabei begleitet, ist der erste Katholik, den er in seinem Leben trifft.

    Kreeft bleibt Philosoph

    Ab 1965 lehrt Kreeft am Boston College Philosophie. Dort liefert er sich nicht nur Debatten mit dem atheistischen Historiker Paul Breines über Gottesexistenz und Abtreibung, sondern beginnt auch mit der Abfassung seiner Bücher. Obwohl er vornehmlich christliche Fragen erörtert, bleibt Kreeft Philosoph. Er befasst sich daher nicht nur mit katholischen Klassikern wie Chesterton und Tolkien, dem Kulturkrieg in den USA gegen das Christentum und die daher zwingende Zusammenarbeit von Katholiken und Evangelikalen – sondern auch mit Sokrates, dem er gleich mehrere fiktionale Treffen andichtet. So begegnet der griechische Philosoph Kant, Hume, Marx oder Kierkegaard. Der Apologet nutzt den Dialog, der in der Geschichte des Christentums wie der Antike als Schlüssel zur Wahrheit beziehungsweise der Missionierung galt, um den Leser an das Verständnis und die Problematik von Ideologien und Personen heranzuführen. In diesem Zusammenhang ist „Socrates meets Jesus“ vielleicht eines der interessantesten Stücke der neueren christlichen Apologetik. Dabei trifft Sokrates Christus nicht persönlich, sondern Gelehrte und Studenten einer Universität der 1980er Jahre.

    Kreeft spießt dabei nicht nur die Gefühligkeit und Harmoniesucht der Gegenwart auf, die Religionen als „gleich“ und „menschengemacht“ ansieht, sondern auch den akademischen Betrieb als solchen. So landet der Athener unverhofft im 20. Jahrhundert, und informiert sich bei einer Studentin, ob es Philosophen in ihrer Zeit gäbe. Die bejaht. „Wo sind sie?“, hakt Sokrates nach. „In der Abteilung für Philosophie“, antwortet die Studentin. „Philosophie ist keine Abteilung.“ „Na gut, wir haben Philosophen.“ „Sind sie gefährlich?“ „Natürlich nicht.“ „Dann sind es keine echten Philosophen.“

    Sokrates wundert sich über den Umgang mit einem Mann, nach dessen Geburt die Jahre datiert werden, der für sich selbst beansprucht, Gottes Sohn zu sein – aber den man nur als moralischen Lehrer annimmt. Sokrates‘ Entdeckung Jesu ist die Entdeckung des Logos: den unbekannten Gott, für den Sokrates seine Suche nach Wahrheit aufnahm, glaubt er endlich gefunden. „Ich habe nur eine einzige Frage an die Leute in diesem Raum, an die Leute an dieser Universität, an die Leute im ganzen Universum – wo sind die Christen?“ Kreeft spielt damit nicht nur den Anti-Nietzsche; er legt den Finger in die Wunde: wie könnt ihr so weiterleben? Der Sohn Gottes hat den Tod besiegt, und die Akademie fährt mit ihrem kleinkarierten Leben fort, indem sie den Glauben zerredet. „Wenn Sie nicht die Intimität der Ehe verstehen, dann verstehen Sie nicht die selbstmörderische Tragödie der Scheidung“, sagt Kreeft. Es ist ein doppelbödiger Satz, der nicht nur den Gehalt des Sakramentes trifft. Er gilt auch für die Ehe von Glauben und Vernunft. Wo sie nicht mehr besteht, geht auch die christliche Zivilisation als solche zu Bruch.

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