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    Cristo Redentor

    Der Beschützer von Encantado

    In einer südbrasilianischen Kleinstadt entsteht die bislang größte Christus-Statue. Hinter ihrer Errichtung steht eine ganze Gemeinde. Und ein Gelübde.

    Neue Heiligenstatue in Rio de Janeiro
    Im Dezember dieses Jahres soll der "Christus, Beschützer von Encantado", wie die Statue benannt wurde, feierlich eröffne... Foto: SILVIO AVILA (AFP)

    Hoch über Stadt und Wald ragt einsam der steinerne Christus. Seine Arme sind weit ausgebreitet, so, als würde er die ganze Welt umarmen. Doch was ist das? Nur Kopf und Arme sind erkennbar, sein restlicher Körper ist Gerüst. Es kann sich also nicht um den berühmten „Cristo Redentor“ (Christus, der Erlöser) handeln, der hoch über der brasilianischen Hauptstadt Rio de Janeiro thront. Dieser bekommt jetzt Konkurrenz: In der südbrasilianischen Kleinstadt Encantado entsteht eine weitere Christus-Statue, die „Cristo Redentor“ um fünf Meter übertreffen soll. Sie wäre dann mit dem Sockel stolze 43 Meter hoch. Die Spannweite der Arme soll 36 Meter betragen.

    Zum Vergleich: Die Statue in Rio de Janeiro ist mit dem Sockel 38 Meter hoch. Warum verfolgt eine Stadt, die 1915 von italienischen Einwanderern gegründet wurde, mit gerade einmal 22 000 Einwohnern ein so gigantisches Projekt? Alles begann mit einem Gelübde. Einige Familien aus der Region sollen vor rund zehn Jahren geschworen haben, einen Christus zu errichten, falls Gott einen Erkrankten aus ihrer Mitte heilt.

    Ein echtes Gemeinschaftsprojekt

    Das erzählt der Unternehmer Rafael Fontana, der das Projekt leitet, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Darüber hinaus habe ein Priester aus der Gegend anlässlich der Hundertjahrfeier der Stadt den Bau einer Christus-Statue angeregt. Der damalige Bürgermeister Adroaldo Conzatti stimmte der Idee zu. „Er kündigte an, eine Christus-Statue bauen zu wollen, die die Statue in Rio de Janeiro übertrifft“, so der Projektleiter. Gesagt, getan: Der Bürgermeister gründete gemeinsam mit Fontana und weiteren Bürgern die Vereinigung „Amigos de Cristo“ (Freunde von Christus), die 2019 den Spatenstich legte. Die Statue ist durch und durch ein Gemeinschafts- und Generationenprojekt: Die Familien, die einst das Versprechen ablegten, stellten das Grundstück auf dem „Morro das Antenas“ (Antennen-Hügel) zur Verfügung.

    Zeugnis des Glaubens

    Die Bürgervereinigung übernahm die Projektplanung und konzipiert wurde der Christus von Vater und Sohn, den Künstlern Genésio Gomes Moura und Markus Moura. „Die Figur hat uns gelehrt, dass wir gemeinsam große Taten vollbringen können“, resümiert der Projektleiter. „Sie bezeugt unseren Glauben und steht für unsere Dankbarkeit, dass sich die Stadt und die Region so gut entwickelt.“ Der Bau stehe für einen Moment der Erneuerung ihres Glaubens. Zur Eröffnung der neuen Jesus-Statue wolle man sogar Papst Franziskus einladen.

    Obwohl die Figur erst im Dezember dieses Jahres fertig gestellt wird, gebe es bereits zahlreiche Anmeldungen von Besuchern. Ganz frei von ökonomischen Interessen ist das Projekt nicht. Die Region, die hauptsächlich von der Herstellung von Kosmetikartikeln sowie der Landwirtschaft lebt, erhofft sich in Zukunft eine Belebung der Wirtschaft durch den erwarteten religiösen Tourismus. Für Besucher wird extra ein Aufzug in die Figur eingebaut, der diese auf eine Aussichtsplattform im Brustbereich der Figur transportiert.

    Niedrige Kosten

    Die Kosten für die Statue sind erstaunlich niedrig. Eigentlich müsse man für eine Statue dieser Größe mit rund sechs Millionen Reais, umgerechnet 88 000 Euro, rechnen, meint Fontana. „Insgesamt werden wir auf lediglich etwas über zwei Millionen Reais kommen“, so der Projektleiter. Dies entspricht knapp 30 000 Euro. Wer ist für die, trotz allem, beachtliche Summe aufgekommen? Hier zeigt sich wieder, was der Zusammenhalt einer Gemeinschaft bewirken kann: Das Geld ist allein durch Spenden von Familien und Unternehmen der Region zusammengekommen.

    Es ist sehr wahrscheinlich, dass „Cristo Protetor de Encantando“ (Christus, Beschützer von Encantado), wie die neue Figur heißen soll, sogar die weltgrößte Christus-Statue der Welt werden wird. Im Ranking um die höchste Figur stand die Christus-König-Statue im polnischen Swiebodzin, die ohne Sockel 36 Meter misst, ganz oben. Allein die Krone hat eine Höhe von drei Metern. Gefolgt wurde sie vom „Cristo de la Concordia“ im bolivianischen Cochabamba, der 34, 0 Meter hoch ist. Mit seinen 37 Metern würde der Christus in Encantado sie alle überragen.

    Verzaubernde Wirkung

    Encantado, der Name der Stadt, in der die bisher größte Jesus-Statue gebaut wird, bedeutet übrigens „verzaubert“. Der Name geht auf eine alte Legende zurück: Einst soll einem Indigenen bei einer Fahrt über den Taquari-Fluss in Südbrasilien eine weiße Gestalt erschienen sein. „Verzaubert“ sei die Figur, soll er berichtet haben. Es gibt zwar keine Belege dafür, dass es sich bei der Erscheinung um Jesus gehandelt hätte, doch scheint sich der neue „Christus, Beschützer von Encantado“ in ein großes Ganzes mit einer langen Vorgeschichte einzufügen. Auf die zukünftigen Besucher wird seine Größe und Schönheit sicher eine verzaubernde Wirkung ausstrahlen.

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