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    Zunehmend resigniert

    Hasnain Kazim, Korrespondent für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, arbeitete vier Jahre lang in Pakistan. Seine Erfahrungen beschreibt er nun in einem Buch: „Plötzlich Pakistan. Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt“ (dtv Premium) wirft einen spannenden Blick auf ein verzweifeltes Land im Wandel – zwischen Stromausfall und Atombombe.

    Der Islam beeinflusst in Pakistan immer stärker das Leben: Gläubige beim traditionellen Eid al-Adha-Gebet in Karatschi. Foto: dpa

    Hasnain Kazim, Korrespondent für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, arbeitete vier Jahre lang in Pakistan. Seine Erfahrungen beschreibt er nun in einem Buch: „Plötzlich Pakistan. Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt“ (dtv Premium) wirft einen spannenden Blick auf ein verzweifeltes Land im Wandel – zwischen Stromausfall und Atombombe.

    Herr Kazim, wenn man ihr Buch liest, bleibt der Eindruck, dass es Phänomene gibt, die sich vielleicht hilflos ertragen lassen, für die aber keinerlei Lösung in Aussicht ist...

    Ich bin der Überzeugung, dass es für alles eine Lösung gibt. Man muss nur wollen. Dieses Hände-in-den-Schoß-Legen ist eine Form von Resignation, die man dann feststellt, wenn Menschen glauben, sie als Einzelne könnten eh nichts ausrichten. Würden sie eine Sache aber gemeinsam anpacken, vielleicht gegen etwas aufbegehren, ließe sich gewiss einiges bewegen. Wer hätte zum Beispiel Anfang 1989 gedacht, dass es mal ein wiedervereintes Deutschland geben würde?In Pakistan sind die Menschen resigniert angesichts der zunehmenden Gewalt, der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich, der religiösen Radikalisierung. Und jeder denkt: Ich kann nichts dagegen tun. Also richten sich die Menschen in dieser Lage ein.

    Wie steht es ihrer Meinung nach um die pakistanische Gesellschaft?

    Die pakistanische Gesellschaft ist zerstritten und zersplittert. Die Fronten verlaufen zwischen den Religionen, also zwischen Muslimen und Nichtmuslimen und innerhalb der Muslime zwischen Sunniten, Schiiten, Ahmadis, Ismaeliten, diversen Sufi-Strömungen und so weiter. Dann gibt es Gräben zwischen den Ethnien, zwischen Punjabis, Paschtunen, Sindhis, Belutschen, Mohajirs, also den Nachfahren der Einwanderer aus Indien, et cetera. Immer da, wo die einen über die anderen herrschen wollen, gibt es Konflikte. Die pakistanische Gesellschaft ist also eine voller Konflikte.

    Fotos, vielleicht vierzig bis sechzig Jahre alt, zeigen ein lockeres, modernes Leben eines Landes, das Teil des Hippie-Trails zwischen Türkei und Nepal war, wie Sie schreiben. Oder waren das damals schon Einzelfälle?

    Nein, bis Anfang der Siebzigerjahre war Pakistan ein relativ freies Land, in dem es Touristen gab und niemand etwas sagte, wenn man sich so kleidete, wie man wollte. Natürlich gab es auch damals schon extremistisches Gedankengut, aber es prägte nicht das Land.

    Was ließ Pakistan zu einem gefährlichen, von religiösen Fanatikern dominierten Land werden?

    Es ist eine Mischung aus vielen Dingen. In den Siebzigerjahren machte der Politiker Zulfikar Ali Bhutto, eigentlich ein Linker, den Islamisten Zugeständnisse, indem er das Alkoholverbot einführte, um sich Wählerstimmen der Religiösen zu sichern. Der eigentliche Niedergang begann aber mit dem Militärdiktator Zia ul-Haq, der sich 1977 an die Macht putschte und seine radikalislamischen Vorstellungen durchsetzte. In seiner Zeit entstanden zum Beispiel Tausende von Koranschulen, die extremistisches Gedankengut verbreiteten. Ul-Haq starb 1988 unter mysteriösen Umständen bei einem Flugzeugabsturz, aber von den Folgen seiner Herrschaft hat Pakistan sich bis heute nicht erholt.

    Wer radikalisiert sich dort in der Regel?

    Sicherlich sind es vor allem die Armen, Ungebildeten, aber nicht nur. Es gibt auch Studenten aus wohlhabenden Familien, die sich den Taliban anschließen. Man kann also sagen: Es radikalisieren sich Menschen aus allen sozialen Schichten.

    Woran liegt es, dass der Staat dabei anscheinend nur hilflos zusehen kann? Welche Rolle spielt er in der von Ihnen beschriebenen Entwicklung?

    Er schaut nicht hilflos zu, er treibt die Entwicklung voran in dem Glauben, davon zu profitieren. Viele Radikale wurden und werden von Politik und Militär gefördert, in der Überzeugung, man könne sie als Söldner im Kampf gegen Indien oder zur Durchsetzung pakistanischer Interessen in Afghanistan einsetzen. Dass diese Leute sich dann plötzlich in Pakistan in die Luft sprengen oder pakistanische Militäreinrichtungen angreifen – Pech. Außerdem wollen sie es sich nicht mit den religiösen Kreisen verscherzen, die ja sehr mächtig sind in dem Land. Auch Angst spielt eine Rolle. Warum streicht die Politik nicht das unsinnige „Blasphemiegesetz“? Warum ändert sie nicht die Verfassung, die Ahmadis zu „Nichtmuslimen“ erklärt und damit zur Diskriminierung freigibt? All das läge in der Macht des Staates.

    Ihr Hausangestellter in Pakistan war Christ: Wie überleben Minderheiten in einer sich derart radikalisierenden Umgebung?

    Sie passen sich an, versuchen, nicht aufzufallen, leben ihre Traditionen und Bräuche nahezu im Verborgenen. Sie leben in ständiger Angst vor einem Terrorangriff oder davor, dass ihnen „Blasphemie“ oder ein sonstiges Verbrechen vorgeworfen wird. Dass unser Hausangestellter Christ war, war übrigens Zufall. Meine Frau und ich wussten es nicht, als wir uns für ihn entschieden. Wir stellten einen Menschen an, nicht einen Christen oder Muslim.

    Sie schreiben im Buch: „Mir scheint, dass der Kulturkampf zwischen säkularen Aufklärern und extrem Religiösen entschieden ist“... Inwiefern?

    Im Moment bestimmen die extremen Religiösen die Agenda. Sie gewinnen zwar keine Wahlen, bestimmen aber, was öffentlich diskutiert wird, was gesagt werden darf und was nicht. Sie sorgen mit Terror für Angst und Schrecken. Nehmen Sie das Thema Mohammed-Karikaturen – eine solche Zeichnung in Pakistan wäre undenkbar, für den Zeichner wäre es ein Todesurteil. Man muss solche Karikaturen nicht lustig finden, kann sie für respekt- und geschmacklos halten. Aber jemanden deswegen umbringen? Entschieden ist dieser Kulturkampf insofern, als niemand gegen diese Zustände aufbegehrt.

    Wie haben Sie den Unterschied zwischen Reich und Arm in Pakistan erlebt?

    Es ist ein krasses Gefälle. In Pakistan gibt es Reiche, die sind so unfassbar reich, dass man es kaum glauben kann. Und die Armut geht so weit, dass Menschen auf der Straße leben und nur das besitzen, was sie am Leib tragen. Es gibt kein staatliches Sozialsystem. Einzig der Islam, die Verpflichtung zum Almosengeben und den Armen zu helfen, wirkt mildernd. Problematisch finde ich, dass viele sehr Reiche es nicht aufgrund ihrer Leistung sind, sondern weil sie sich einfach bedienen. Politiker stopfen sich staatliches Geld in die Taschen, Unternehmer beschäftigen Menschen zu sklavenähnlichen Bedingungen, Militärs schustern sich gegenseitig Vorteile zu. Und Steuern zahlt so gut wie niemand. Reichtum ohne Verpflichtung ist nicht in Ordnung.

    Das Land habe die Atombombe, aber keinen Strom, schreiben Sie. Wie geht das zusammen?

    Pakistanische Politiker und Militärs leiden unter der ständigen Paranoia eines indischen Angriffs. Damit rechtfertigen sie die Atombombe, die Indien im Übrigen auch besitzt. Für das übergroße pakistanische Militär ist diese angebliche Bedrohung durch Indien eine Daseinsrechtfertigung. Ansonsten zeigt dieser Widerspruch, eine Atombombe zu haben, aber bis zu zwanzig Stunden Stromausfall am Tag selbst in der Hauptstadt Islamabad, in welch unterschiedlichen Sphären die Mächtigen und die einfache Bevölkerung leben. Die Reichen können sich einen Stromgenerator leisten. Und die Armen müssen halt ohne Strom auskommen, das bekümmert die Mächtigen nicht.

    Wie sieht das Verhältnis zwischen Pakistan und Amerika aus? Hassliebe? Wenn man die zahlreichen Auswanderer bedenkt...

    Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Pakistaner Amerika bewundert und gerne dort leben würde, auch wenn sie es nicht zugeben würde. Ein Teil pflegt aber auch das Vorurteil vom bösen, unmoralischen Westen, der ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht ist und eigene Maßstäbe und Grundsätze fallen lässt, wenn sie ihm nicht nützen. Leider trägt westliche, insbesondere US-Politik, nicht selten dazu bei, dass dieser Eindruck sich verfestigt. Amerikanisches Handeln in Pakistan ist oft arrogant und rücksichtslos, ich beschreibe Beispiele in meinem Buch. Der Begriff Hassliebe trifft das Verhältnis der Pakistaner zu den USA ganz gut.

    Sie haben vier Jahre als Korrespondent in Pakistan gelebt – und nach Ansicht einiger mächtiger Pakistaner nur Schlechtes über das Land berichtet. Was können Sie Schönes darüber erzählen?

    Ach, ich habe viel Schönes aus Pakistan berichtet. Der Vorwurf, man schreibe nur Schlechtes, kommt ja von Leuten, die Journalismus mit PR verwechseln. Es ist nicht meine Aufgabe als Journalist, ein positives Bild von Pakistan zu zeichnen, sondern ein reales. Dazu zählt auch der wunderschöne Norden mit den Achttausendern oder die Kulturhauptstadt Lahore, in der ein Unternehmer ein wunderbares Jazzorchester auf die Beine gestellt hat, das westliche und östliche Musik miteinander vereint. Über all das habe ich auch geschrieben.