• aktualisiert:

    Wissenstransfer am Webstuhl

    Gegen sechs Uhr tauchen die ersten Sonnenstrahlen das Dorf Phounmagmi in warmes Licht. Chang klettert die wackelige Holzleiter ihrer auf Stelzen stehenden Hütte hinab, um Wasser zu holen und die erste Mahlzeit des Tages zuzubereiten. Die 19-Jährige lebt mit ihrem Mann, dessen Familie und ihrem fünfzehn Monate alten Töchterchen unter einem Dach. Wie die meisten Bewohner ihres Dorfes Phounmagmi im südlaotischen Hochland nahe der vietnamesischen Grenze gehört Chang der ethnischen Minderheit der Mongkong an. Nur wenig hat sich verändert an den Traditionen und Bräuchen dieser Menschen. Sie ernähren sich von dem, was der Urwald hergibt und bauen in mühsamer, zeitaufwendiger und wenig ertragreicher Art Bergreis an. Ihre Habseligkeiten lagern sie unter ihren Stelzenhütten: Brenn- und Bauholz, Fässer und Kanister, Schweinekoben, Spinnräder, Hängematten – und ihre Webstühle.

    Die Kunst um Kette und Schuss: Blick auf die zahlreichen Fäden. Foto: Ruth Bourgeois

    Gegen sechs Uhr tauchen die ersten Sonnenstrahlen das Dorf Phounmagmi in warmes Licht. Chang klettert die wackelige Holzleiter ihrer auf Stelzen stehenden Hütte hinab, um Wasser zu holen und die erste Mahlzeit des Tages zuzubereiten. Die 19-Jährige lebt mit ihrem Mann, dessen Familie und ihrem fünfzehn Monate alten Töchterchen unter einem Dach. Wie die meisten Bewohner ihres Dorfes Phounmagmi im südlaotischen Hochland nahe der vietnamesischen Grenze gehört Chang der ethnischen Minderheit der Mongkong an. Nur wenig hat sich verändert an den Traditionen und Bräuchen dieser Menschen. Sie ernähren sich von dem, was der Urwald hergibt und bauen in mühsamer, zeitaufwendiger und wenig ertragreicher Art Bergreis an. Ihre Habseligkeiten lagern sie unter ihren Stelzenhütten: Brenn- und Bauholz, Fässer und Kanister, Schweinekoben, Spinnräder, Hängematten – und ihre Webstühle.

    An letzteren nehmen Chang und die anderen Frauen des Dorfes Platz, wann immer es Feldarbeit und die vielerlei Pflichten des Alltags erlauben. Dann beschäftigt sich Chang damit, das Geflecht der bunten Fäden in Weiß, Gelb, Rot und Blau zu entwirren. Sie arbeitet derzeit an einem „pha sin“, dem traditionellen Wickelrock, den alle weiblichen Dorfbewohner tragen. Das Muster hat sie von ihrer Mutter überliefert bekommen und diese von der ihren. Nachwuchssorgen kennen die Weberinnen hier nicht. Mit Blick auf ihre kleine Tochter, die in einer Hängematte schläft, sagt Chang: „Wenn es soweit ist, werde ich ihr unser Familienmuster weitergeben, so wie ich es gelernt habe.“ Changs vier Jahre jüngere Schwester Som bemüht sich schon seit einiger Zeit, in die Fußstapfen der größeren Schwester zu treten. Sie sitzt an einem Webstuhl neben Chang und klagt: „Bei mir geht es noch nicht so schnell. Ständig komme ich mit den Bambusstäben zum Verstellen der Höhe der Kettfäden durcheinander.“ Die langen Bambusstöcke hat Som selber im Urwald geschlagen. Die Webstühle der beiden Schwestern hat ihnen der Vater gebaut. Auch ein Weberschiffchen für den Schussfaden hat er ihnen geschnitzt. Dieses schieben die beiden nun durch die Kettfäden von links nach rechts und wieder zurück.

    Die Röcke, die die weiblichen Familienmitglieder und Verwandte im Dorf tragen, ähneln sich stark. Dennoch erkennt man schon beim Anblick der Frauen in ihren Wickelröcken, zu welcher Familie sie gehören. „Bei uns im Dorf ist die Grundfarbe Schwarz. Wir von der Familie Buon weben „ta leo“, also Rauten, als Grundmuster in die Stoffe ein“, erklärt Chang. Die Raute ist ein Symbol für die Welt mit ihren vier Himmelsrichtungen und wird als Schutzsymbol bei familiären Zeremonien verwendet. Sie soll negative oder störende Kräfte abweisen. Manche Stoffe sind mit Haken und Rhomben, stilisierten Schlangen, „Hong“-Vögeln, Elefanten oder Reitern verziert. Es gibt für jeden Anlass ein Stück Stoff – für eine Geburt, eine Hochzeit und auch ein Totenlaken. In aller Regel fertigen die Frauen aus Phounmagmi Wickelröcke für den Alltag aus den Stoffbahnen.

    Früher haben sie hier auch die Wolle selber hergestellt. Gras und Bambus wurden geflochten, verschiedene Gräsersorten haltbar gemacht und gefärbt, um dann in vielfältigen Mustern und natürlichen Farbnuancen zu Kleidungsstücken, Hüten, Tüchern und Decken, aber auch zu Hauswänden, Fischfanggeräten oder Haushaltsgegenständen und Möbelstücken geflochten zu werden. „Heute machen wir die Wolle für den Stoff nicht mehr selber. Es gibt Dörfer, die sich auf die Herstellung und das Färben der Wolle mit Naturfarben spezialisiert haben. Nach der Reisernte geht unser Dorfältester Akam mit ein paar Männern ins Färberdorf, um dort Reis gegen Wolle einzutauschen“, berichtet Chang.

    Bevor Som sich mit ihrer Schwester an den Webstuhl setzen kann, muss sie erst im Garten und auf dem Feld ihre Arbeit erledigen. Seit zwei Jahre gibt es im Dorf einen Gemeinschaftsgarten. Auf dessen Gelände haben die Dörfler mit Hilfe der deutschen Welthungerhilfe einen Brunnen angelegt. Seitdem müssen Chang, Som und die anderen nicht mehr den weiten Weg zum Fluss hinuntergehen, um Trinkwasser zu holen. Stattdessen bleibt ihnen mehr Zeit für das Weben. Neben dem Klappern der Webstühle ist dann nur das leise Murmeln der Frauen zu hören, die sich miteinander unterhalten. Chang erzählt, es sei wichtig, früh mit dem Weben anzufangen. „Nur ein Mädchen mit einer großen Truhe voll Stoff findet auch einen guten Mann.“ Seit ihre Schwester Som das verstanden hat, setzt sie sich bereitwillig jeden Tag neben ihre ältere Schwester an den Webstuhl. Denn lächelt der Sohn des Nachbarn nicht immer so freundlich zu ihr herüber?