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    „Wir sind alle Hungerkünstler“

    Joachim Gardemann, 1955 in Euskirchen, Rheinland, geboren, ist Kinderarzt. Seit 1997 ist er Professor für Ökotrophologie und Humanbiologie an der Fachhochschule Münster. Seit einigen Jahren leitet er das Kompetenzzentrum für humanitäre Hilfe. Einsätze für das Deutsche Rote Kreuz haben ihn unter anderem nach Ruanda, Tansania, Kosovo und Mazedonien, Iran, Sudan (Darfur), Sri Lanka, China und Haiti geführt. Gardemann ist nicht nur ein Experte für Entwicklungszusammenarbeit, sondern hat auch den Hunger wissenschaftlich untersucht und äußert sich von dieser Seite zum Thema Fasten.

    Mangel ist häufig ein politisches Problem: Nahrungsmittelverteilung in Jemen. Foto: dpa

    Joachim Gardemann, 1955 in Euskirchen, Rheinland, geboren, ist Kinderarzt. Seit 1997 ist er Professor für Ökotrophologie und Humanbiologie an der Fachhochschule Münster. Seit einigen Jahren leitet er das Kompetenzzentrum für humanitäre Hilfe. Einsätze für das Deutsche Rote Kreuz haben ihn unter anderem nach Ruanda, Tansania, Kosovo und Mazedonien, Iran, Sudan (Darfur), Sri Lanka, China und Haiti geführt. Gardemann ist nicht nur ein Experte für Entwicklungszusammenarbeit, sondern hat auch den Hunger wissenschaftlich untersucht und äußert sich von dieser Seite zum Thema Fasten.

    Herr Gardemann, was halten Sie grundsätzlich vom Fasten?

    Fasten ist ohne Zweifel sinnvoll. Jesus fastete bekanntlich 40 Tage lang in der Wüste; im Sommersemester biete ich meinen Studenten regelmäßig an, dass sie eine Woche lang unter Anleitung auf Nahrung verzichten.

    Inwiefern sind wir alle „Hungerkünstler“, wie Sie einmal behauptet haben?

    Wir Menschen sind als Lebewesen extrem gut an den Hunger angepasst. Das ist sozusagen ein evolutionäres Erfolgsrezept. Im Gegensatz zu den Tieren ist der Mensch nicht wählerisch und kann längere Zeit ohne Nahrung auskommen und Fastenperioden überstehen, während etwa die Dinosaurier ausgestorben sind, sobald ihre Nahrungsgrundlage nicht mehr da war.

    Was halten Sie von den Debatten darum, welche Diät die beste ist?

    Diese Diskussionen sind an den Haaren herbeigezogen, denn der Mensch hat immer das gegessen, was gerade da war. Er ist nicht spezialisiert und kann beispielsweise völlig ohne Kohlehydrate auskommen, wie die Eskimos beweisen. Diese Form der Anpassung ist übrigens der Grund dafür, warum viele so dick werden: Unser Stoffwechsel ist ständig damit beschäftigt, Reserven anzulegen, und wenn wir nicht so viele Reserven brauchen, führt das zum Übergewicht. Seit Millionen von Jahren bis heute sind wir auf Nahrungsknappheit eingestellt, obwohl wir heutzutage längst einen Nahrungsüberschuss anlegen.

    Trotzdem hungert ein großer Teil der Menschheit nach wie vor...

    Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden wir im Jahr 2015 erstmals genau so viele Hungernde wie Fettleibige haben, nämlich jeweils 700 Millionen. Wobei Hunger eigentlich der falsche Begriff ist, denn das ist ein subjektives Empfinden. Eigentlich müsste man von Mangelernährung sprechen, wobei man zwischen akuter und chronischer Mangelernährung unterscheiden müsste. In Westafrika und in den Arabischen Emiraten, aber auch in Brasilien und Indien haben wir viele Dicke, die aber trotzdem mangelernährt sind, weil ihnen wichtige Nährstoffe, zum Beispiel Zink oder Vitamin A, fehlen.

    Warum hält man dann trotzdem am Begriff „Hunger“ fest?

    Weil jeder sich etwas darunter vorstellen kann, da er irgendwann und irgendwo einmal gehungert hat. Außerdem erweckt Hunger Mitleid. Man sollte aber stärker zwischen normaler Ernährung und Fehlernährung unterscheiden.

    Wären wir in der Lage, den Hunger auf der Welt zu beseitigen?

    Das ist ein politisches Problem, denn eigentlich wären auf der Welt mehr als genug Lebensmittel für alle da. Der Planet Erde könnte heutzutage mit Leichtigkeit alle Menschen gut ernähren. Den Hunger gibt es nach wie vor wegen der extremen Ungerechtigkeit bei der Verteilung, vor allem wegen der Spekulationen mit Nahrungsmitteln. Allein durch unsere riesige Fleischproduktion geht viel Nährwert verloren. Wären wir alle Vegetarier, dann hätten wir das Problem des Hungers in der Welt gelöst. Dass in Kenia massenhaft Weihnachtssterne angebaut werden, obwohl die Einheimischen nichts zu essen haben, oder in Ruanda Kaffee und Tee statt Getreide, das ist das eigentliche Problem.

    Wir in den reichen Industrieländern sind also am Ende schuld daran, dass es nicht gelingt, den Hunger zu beseitigen?

    Wir sind tatsächlich verantwortlich dafür, dass das falsch läuft, und sollten uns bewusst sein, dass Ernährung nicht nur ein biologisches, sondern auch ein politisches und kulturelles Phänomen ist. Ein Beispiel: Ernährungsexperten empfehlen den Deutschen, zweimal in der Woche fetten Seefisch zu essen. Wenn alle Deutschen das tatsächlich befolgen würden, wären die Ozeane innerhalb von anderthalb Jahren leergefischt. Wir würden also dann um unserer eigenen Gesundheit willen billigend in Kauf nehmen, dass andere nichts mehr zu essen haben.

    Wir essen aber auch viel zu viel Fleisch, oder?

    Ja, und das ist ungesund, sowohl individuell wie global betrachtet. Lebensmittel sind bei uns einfach viel zu billig, und unglaubliche Mengen davon werden weggeworfen. Der Einzelhandel könnte das eigentlich verschenken, aber das ist natürlich nicht in seinem Interesse. Das Hauptproblem ist: Nahrung ist eine Handelsware.

    Umso wichtiger ist also das Fasten?

    Das Fasten spielt in vielen Religionen, ob im Christentum, im Islam oder bei den Naturreligionen, eine große Rolle. Hintergrund ist: Der Mensch soll selbst spüren, wie es ist, nichts gegessen zu haben. Wenn er das spürt, wird er auch eher bereit sein, den Hungernden etwas zu geben. Insofern ist das Fasten also eine soziale Tat, aber bei längerer Dauer wird es auch zum spirituellen Erlebnis.

    Wie lange kann ein Mensch denn genau fasten?

    Etwa drei Monate, und zwar, indem man die Hälfte der Körpermasse in Energie verwandelt und nutzbar macht. Während des Zweiten Weltkriegs hat es in den USA diesbezüglich eine sehr gut dokumentierte Studie gegeben, für die sich besonders willensstarke Männer mit hoher Überzeugung freiwillig für ein Hunger-Experiment zur Verfügung gestellt haben.

    Wie viel braucht ein Mensch, der gut ernährt sein will?

    Etwas mehr als 2 000 Kalorien am Tag, wobei wir im Hunger nicht nur Fett, sondern auch Muskeln abbauen können. Die Muskeln sind nämlich nicht nur ein Arbeitsorgan, sondern auch Eiweißspeicher. Übrigens: Wenn bei uns einmal die Infrastrukturen und der Lebensmittelnachschub zusammenbrechen, wie es im Advent 2005 in Teilen des Münsterlandes der Fall war, wäre das für die meisten von uns eher sogar gesund. Aufregung ist da fehl am Platze.

    Das sechswöchige Fasten ist also auch vom medizinisch-biologischen Standpunkt aus angemessen?

    Nahrungsverzicht gehört bei vielen Krankheiten zur Therapie. Eine Gewichtsreduktion ist dabei durchaus sinnvoll, die biblische Fastenzeit der 40 Tage ist für einen Gesunden zwar gut wegzustecken, aber nicht unbedingt in dieser Dauer empfehlenswert. Letztlich kommt es darauf an, vor welchem Hintergrund das stattfindet.

    Ihrer Ansicht nach darf es also nicht nur um das Abnehmen gehen?

    Heilfasten kann etwas Gutes sein, aber wenn es nur gemacht wird, um einen Waschbrettbauch zu bekommen und das dann das einzige Lebensziel ist, dann ist das zu banal. Wir leiden in unseren Industrieländern an Sinnverlust und an einem übertriebenen Körperkult. Wenn das Fasten dagegen Teil einer Lebensbesinnung ist, dann ist das etwas anderes. Es in einer bestimmten Jahreszeit zu verorten und sich zu besinnen, ist für Körper und Geist gut.

    Fasten Sie selbst auch?

    Nicht in der Fastenzeit, aber wenn ich in Einsätzen unterwegs bin, esse ich gar nichts. In Tansania habe ich beispielsweise 25 Kilo abgenommen. Ich mache das nicht bewusst, sondern das ergibt sich sozusagen von selbst. Ich bin ein Kummer-Faster.

    Verschaffen Ihnen solche Einsätze in Krisenländern eine andere Perspektive?

    Ja, vor allem bei meinen ersten Einsätzen. Inzwischen freue ich mich, wenn ich zurückkomme, wie schön es hier ist und dass wir Frieden haben. Übrigens sollten wir auch keine Hitparade des Leids aufmachen und dem Hartz IV-Empfänger bei uns nicht sagen, wie gut er es im Vergleich zu den Armen in anderen Ländern hat. Leid ist Leid, und das sieht für jeden anders aus. Armut kann auch im Verlust von Teilhabe, etwa an Kommunikationsmitteln, bestehen. Wir dürfen auch in der Medizin nicht in Positionen des Alten Testaments zurückfallen und Menschen vorwerfen, sei seien schuld an ihrer Krankheit und müssten deshalb sozusagen als Strafe für ihre Therapie selbst aufkommen. Das wäre fatal.

    Steht Ihr nächster Einsatz bald bevor?

    Wir stehen schon seit mehreren Monaten auf der Liste für ein Feldhospital im Lager Al-Asraq in Jordanien an der Grenze zu Syrien, aber wir kommen nicht hinein. Der Marschbefehl kann uns aber jeden Tag erreichen.