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    Widerstand gegen den Machismo

    Eine Mayafrau wehr sich gegen die Herrschaft der Familienclans in Guatemala. Von Andreas Boueke

    „Ich bin die rebellische Tochter der Familie“: Thelma in ihrem Element. Foto: Boueke

    Die 28-jährige Thelma ist klein von Statur, ihr Haar lang und schwarz, die großen Augen sind braun. All das hat sie gemeinsam mit fast allen Frauen aus dem Volk der Chortí, genauso wie die Armut. Thelmas Familie lebt von den Produkten eines kleinen Ackers, den sie mit einfachen Werkzeugen bearbeiten. Aber Thelma wollte schon als Kind mehr erreichen: „Ich bin die rebellische Tochter der Familie“, sagt sie mit offensichtlichem Stolz. „In der Pfarrei des Nachbardorfs habe ich ein Stipendium bekommen. So konnte ich zur Schule gehen. Ohne Bildung hätte ich womöglich nie erkannt, dass all die Gewalt in unserem Dorf nicht normal ist.“

    Gerade Frauen, die Widerstand leisten gegen Gewalt an Frauen, werden zu Opfern von Gewalt. Diese Formel trifft besonderes dort zu, wo das Alltagsleben geprägt ist vom Machismo. Thelma meint, Rassismus und Machismo in Mittelamerika seien die beiden Gesichter einer Medaille. „Zurzeit begleite ich zwei Mädchen in einem Gerichtsprozess“, erzählt sie. „Beide wurden vergewaltigt. Ich jedenfalls nenne das Vergewaltigung. Die Eltern sehen das anders. Aber es ist eine Vergewaltigung, wenn du gegen deinen Willen genommen und missbraucht wirst und dann schwanger wirst, als Konsequenz der Vergewaltigung. Wir haben das angeklagt. Es kann doch nicht so weitergehen mit diesem System des Missbrauchs.“

    Thelma ist in Rodeo aufgewachsen, einem kleinen Ort an der Grenze zwischen Guatemala und Honduras. „Unser Dorf ist sehr rassistisch“, sagt sie. „Etwa ein Drittel der Einwohner hat weiße Hautfarbe. Diese Leute fühlen sich, als ob sie etwas Besseres wären, Gringos, Nordamerikaner, oder als würden sie von der spanischen Rasse abstammen. So kommt es zum Rassismus, zur Ausgrenzung, zur Gewalt.“ Seitdem Thelma eine Kampagne der Chortí-Frauen gegen die Gewalt gestartet hat, ist auch sie zur Zielscheibe von Gewalt geworden. Sie hat mehrere Morddrohungen bekommen und zwei Anschläge überlebt. „Anfangs gab es nur Gerüchte. Jemand sagte zu mir: ,Hör zu, man sucht dich. Sie wollen dich töten, weil du die Frauen aufhetzt.‘“

    Wenig später kam es zu dem ersten Anschlag. „Auf der Suche nach mir sind sie zuerst in die Hütte meiner Tante eingedrungen. Ich hörte Schüsse. Drei Pistoleros haben meiner Cousine eine Pistole an den Kopf gehalten und ihren Körper angefasst. Dann standen sie plötzlich vor unserem Haus. Sie packten mich und richteten ein Gewehr auf mich. Da ist mein Bruder dazwischengegangen.“ Thelma überlebte, aber ihr blieb nichts anderes übrig, als Rodeo zu verlassen. Heute lebt sie in Guatemala-Stadt, aber sie bemüht sich, den Kontakt zu Frauen in Rodeo aufrechtzuhalten. In langen Telefongesprächen tauschen sie sich über die Ereignisse im Dorf aus und über Entwicklungen in der Hauptstadt. Alle paar Wochen geht sie das Risiko ein und fährt nach Hause, um ihre Familie zu besuchen und um den Protest zu stärken. Während der siebenstündigen Autofahrt erklärt sie, was diesmal ansteht: „Morgen wird es eine große Versammlung geben. Da muss ich dabei sein. Aber so eine Reise macht mir auch Angst.“ Die Versammlung findet im Zentrum von Rodeo neben einem kleinen Kirchengebäude statt. Nach und nach kommen rund 120 Anwohner zusammen. Thelma hält sich ein Mikrofon vor den Mund, so dass ihre sanfte Stimme verzerrt aus einem Lautsprecher dröhnt. „Heute werden wir über Probleme sprechen, unter denen viele unserer Dörfer leiden. Die Gründe für diese Versammlung sind die Konflikte in unserer Gemeinde, die Gewalt und die Verletzung der Menschenrechte.“ Einer der Gastredner ist der Priester Jean Marie Boxus. Der Belgier lebt seit bald fünfzig Jahren im Osten von Guatemala. „Die Menschen hier wurden immer verachtet. Sie werden als ,schmutzige Indios‘ beschimpft, die nichts wert sind. Jetzt endlich beginnen sie, sich wieder ihrer Würde bewusst zu werden. Sie haben verstanden, dass auch sie Rechte haben.“ Dem alten Priester fällt das Stehen schwer. Er ringt um Luft. Lange wird er den Kampf der Chortí nicht mehr begleiten können. „Die Kirche muss die Kultur dieser Menschen stärken. Ich denke nicht, dass sie zu ihren alten religiösen Riten zurückkehren werden. Aber es kann sehr wertvoll sein, ihre Spiritualität zu bewahren. Die Kirche unterstützt sie dabei.“

    Um seine eigene Sicherheit macht sich Pater Jean Marie keine großen Sorgen. Er sei ja schon alt, sagt er. Aber die junge Generation der protestierenden Frauen habe viel zu verlieren. „Rodeo war schon immer ein Rückzugsort für Mörder, für Leute, die kein Interesse an Frieden und Gerechtigkeit haben. Diese Typen sind es gewohnt, ihre wirtschaftliche und politische Macht mit allen Mitteln zu verteidigen.“

    Während der Priester spricht, fahren zwei Männer auf Motorrädern über die Schotterstraße vor der Kirche. Einen Moment lang verschwinden sie im Wald, doch schon im nächsten Augenblick rollen sie im Schritttempo zurück. Keine dreißig Meter von der Versammlung entfernt bleiben sie stehen. Sie beobachten, wer spricht, und hören zu, was gesagt wird. Wütend schaut Thelma zu ihnen hinüber. „Die beiden sind gekommen, um die Leute einzuschüchtern. Natürlich macht es uns Angst, dass sie Pistolen tragen.“

    Lässig stehen die Männer auf ihre Lenkräder gelehnt. Der eine holt sein Handy aus der Tasche und macht Fotos, der andere hat kein Problem damit, seinen Namen zu nennen. „Ich bin Rigo Guerra“, sagt er. Die Guerras sind die mächtigste Familie in Rodeo. Sie besitzen das meiste Land und die meisten Waffen. „Es stimmt nicht, dass wir gewalttätig sind“, bestreitet Rodrigo Guerra. „Wer vergewaltigt hier Frauen? Ich jedenfalls habe Respekt für Frauen. In Wahrheit ist es doch so: Wenn ich diese Chortí-Frauen mal anspreche, dann antworten sie mir nicht. Sie schauen mich nur böse an und ich weiß überhaupt nicht warum.“

    Solche Argumente ärgern Thelma: „Die Männer hier können sich nicht vorstellen, dass eine Frau genauso viel Mut hat wie sie. Für sie gehören Frauen in die Küche, nicht in eine Dorfversammlung. Es gab hier mal eine Frau im Gemeindevorstand. Als sie während einer Ratssitzung über die Rechte der Frau gesprochen hat, wurde sie erschossen. Der Mörder war erst 16 Jahre alt. Er hat ihr mit einer Pistole gedroht. Sie sagte nur: ,Ich will, dass die Frauen gehört werden.‘ Da schoss er ihr ins Gesicht.“

    In Guatemala-Stadt hat Thelma ein Netzwerk indigener Frauen, die in der Hauptstadt leben, weil sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden, kennengelernt. Eine der Gründerinnen des Netzwerks ist Lorena Cabnal: „Viele von uns leisten Widerstand gegen den Machismo in den Leitungsgremien unserer Gemeinden. Wir legen den Finger in die Wunde der paternalistischen Haltung vieler männlicher Funktionäre.“

    Thelma ist das bisher jüngste Mitglied des Netzwerks. Nach ihrer Flucht halfen ihr die anderen Frauen, ihre Angst zu überwinden und neuen Lebensmut zu fassen. „Die Kameradinnen haben mich geheilt“, sagt Thelma. „Aber auch ich kann andere heilen. Das ist die Gegenseitigkeit des Lebens: Geben aber auch erhalten. Wenn wir als Frauen zusammen sind, spüre ich, dass ich respektiert werde.“