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    Vor 120 Jahren wurde Molotow geboren

    Würzburg (DT) Die Urteile von Zeitgenossen über den stets elegant gekleideten Herrn mit dem goldenen Kneifer und dem Oberlippenbärtchen waren nicht sehr schmeichelhaft. Lenin nannte ihn einen „Buchhalter“ und „Aktenträger“. Churchill bescheinigte ihm neben „kaltblütiger Unbarmherzigkeit“ ein „Lächeln, das einem sibirischen Winter gleicht“. Die Rede ist von Wjatscheslaw Molotow: Hochintelligent und gebildet, war er jahrelang die unbestrittene Nummer Zwei im Moskauer Kreml, dem Zentrum des kommunistischen Ostblocks. Molotow blieb bis zuletzt ein unbeirrbarer Gefolgsmann des sowjetischen Partei- und Staatschefs Josef Stalin. Auch nach dessen Tod weigerte er sich hartnäckig, sich von den Fehlern und Verbrechen des Diktators zu distanzieren. Das Blut der Millionenopfer des Georgiers klebte auch an seinen Fingern. Der sowjetische Staatsmann wurde am 9. März 1890 – vor genau 120 Jahren – als Sohn eines Ladenbesitzers geboren.

    Würzburg (DT) Die Urteile von Zeitgenossen über den stets elegant gekleideten Herrn mit dem goldenen Kneifer und dem Oberlippenbärtchen waren nicht sehr schmeichelhaft. Lenin nannte ihn einen „Buchhalter“ und „Aktenträger“. Churchill bescheinigte ihm neben „kaltblütiger Unbarmherzigkeit“ ein „Lächeln, das einem sibirischen Winter gleicht“. Die Rede ist von Wjatscheslaw Molotow: Hochintelligent und gebildet, war er jahrelang die unbestrittene Nummer Zwei im Moskauer Kreml, dem Zentrum des kommunistischen Ostblocks. Molotow blieb bis zuletzt ein unbeirrbarer Gefolgsmann des sowjetischen Partei- und Staatschefs Josef Stalin. Auch nach dessen Tod weigerte er sich hartnäckig, sich von den Fehlern und Verbrechen des Diktators zu distanzieren. Das Blut der Millionenopfer des Georgiers klebte auch an seinen Fingern. Der sowjetische Staatsmann wurde am 9. März 1890 – vor genau 120 Jahren – als Sohn eines Ladenbesitzers geboren.

    Der Politiker, der eigentlich Wjatscheslaw Skrjabin hieß, trat schon im Alter von 16 Jahren als Gymnasiast den Bolschewiken bei. Deren Hass galt dem Zarentum, das sie mit terroristischen Mitteln bekämpften. Im Februar 1917 beendete die demokratische Revolution unter Alexander Kerenski das Zarenregime. Molotow kämpfte erbittert – jetzt als Leiter des Parteiorgans „Prawda“ – gegen die neue demokratische Regierung in St. Petersburg. Im Oktober 1917 putschten sich die Bolschewiken an die Macht. Die Freundschaft mit dem aus der sibirischen Verbannung heimgekehrten Stalin begann. Nachdem dieser 1922 Generalsekretär der Kommunistischen Partei geworden war, half ihm Molotow bei der Fälschung von Lenins Testament und unterstützte ihn im Machtkampf gegen seine Rivalen Trotzki (1940 ermordet), Sinowjew (1936 hingerichtet), Bucharin (1938 hingerichtet) und andere. Stalin dankte es seinem Duzfreund mit einer glänzenden Parteikarriere. 1930 wurde Molotow Regierungschef.

    In diesen Jahren war Molotow der engste Vertraute Stalins. Molotow war mitverantwortlich für die über 14 Millionen Menschenleben kostende Zwangskollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft. Auch die langen Exekutionslisten des sowjetischen Geheimdienstes, die zwischen 1937 und 1939 für rund 44 000 Personen Tod durch Erschießen bedeuteten, trugen neben der Unterschrift Stalins diejenige Molotows. Er war es auch, der als Außenminister mit seinem Nazikollegen Joachim von Ribbentrop jenen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 unterzeichnete, der Hitlers Überfall auf Polen deckte und die Auslieferung der baltischen Staaten, Ostpolens und Bessarabiens an die Sowjetunion besiegelte.

    Nach Kriegsende 1945 vereitelte Molotow bei den großen Außenministerkonferenzen in Moskau, London und Paris mit seinen ständigen „Njets“ eine gemeinsame Nachkriegsordnung. Infolge des gescheiterten Versuchs, den Parteichef und Stalin-Kritiker Nikita Chruschtschow zu stürzen, wurde Molotow 1957 aller Führungsämter enthoben und 1962 durch Parteiausschluss vollends kaltgestellt. Gleichwohl blieb er auch als offizielle Unperson in Besitz der Privilegien der Nomenklatura und lebte unbehelligt in einer Luxuswohnung der Regierung mit vergoldeten Ledertapeten in Moskau. 1984 wurde Molotow rehabilitiert. Der treueste Helfershelfer Stalins starb im November 1986. Albert H.V. Kraus