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    Vom Hellen und vom Dunklen

    Ihre Augen, die sonst gut sehen, tun hier ihren Dienst nicht. Von hinten hält sich jemand an ihrer Schulter fest, als sie – wie in einer Polonaise – zu fünft in den Kellerraum geleitet werden. Bettina aus dem Organisationsteam zieht den Vorhang des Zwischenraumes hinter ihnen zu, damit schwindet der letzte Lichtschimmer. Es ist stockfinster um sie. Elf Personen, blinde und sehende, aus der Internationalen Begegnungswoche für Menschen mittleren Alters besuchen an ihrem letzten Abend die UnsichtBar im Untergeschoss der Villa, des alten Teils des IBZ. Erst bleibt Franziska an der Theke stehen und wartet, bis die Barfrau ihr ein gefülltes Glas herübergeschoben hat. Vorsichtig ertastet sie mit der Hand seinen flachen Fuß, nimmt den Stiel zwischen die Finger, führt es zum Mund und trinkt. Sie hat die Augen geschlossen, vielleicht weil sie sich der Illusion hingibt, sie könnte sie öffnen und würde etwas sehen. Weiter drüben hört sie Stimmen der anderen. Sie hat mitbekommen, dass es in der UnsichtBar Stehtische gibt. Zu diesen Stimmen tappt sie hin, einen Arm ausgestreckt, um nirgends anzustoßen. „Hallo?“, fragt sie zaghaft, „oh, Entschuldigung!“ Sie hat jemandem ins Gesicht gefasst. „Nichts passiert“, antwortet ihr Gegenüber. Gespräche, Gläserklirren und Lachen tönen gedämpft durch die Finsternis, die alles einhüllt.

    Begegnungswoche für Sehbehinderte: IBZ-Gast Sabine zeigt ihren Lieblingsstein. Foto: Hajek

    Ihre Augen, die sonst gut sehen, tun hier ihren Dienst nicht. Von hinten hält sich jemand an ihrer Schulter fest, als sie – wie in einer Polonaise – zu fünft in den Kellerraum geleitet werden. Bettina aus dem Organisationsteam zieht den Vorhang des Zwischenraumes hinter ihnen zu, damit schwindet der letzte Lichtschimmer. Es ist stockfinster um sie. Elf Personen, blinde und sehende, aus der Internationalen Begegnungswoche für Menschen mittleren Alters besuchen an ihrem letzten Abend die UnsichtBar im Untergeschoss der Villa, des alten Teils des IBZ. Erst bleibt Franziska an der Theke stehen und wartet, bis die Barfrau ihr ein gefülltes Glas herübergeschoben hat. Vorsichtig ertastet sie mit der Hand seinen flachen Fuß, nimmt den Stiel zwischen die Finger, führt es zum Mund und trinkt. Sie hat die Augen geschlossen, vielleicht weil sie sich der Illusion hingibt, sie könnte sie öffnen und würde etwas sehen. Weiter drüben hört sie Stimmen der anderen. Sie hat mitbekommen, dass es in der UnsichtBar Stehtische gibt. Zu diesen Stimmen tappt sie hin, einen Arm ausgestreckt, um nirgends anzustoßen. „Hallo?“, fragt sie zaghaft, „oh, Entschuldigung!“ Sie hat jemandem ins Gesicht gefasst. „Nichts passiert“, antwortet ihr Gegenüber. Gespräche, Gläserklirren und Lachen tönen gedämpft durch die Finsternis, die alles einhüllt.

    Es beteiligen sich katholische Selbsthilfeorganisationen

    Baron Hubert von Stücker, ein Großgrundbesitzer und für damalige Begriffe moderner Landwirt – er baute als einer der ersten in der Schweiz Zuckerrüben an und experimentierte mit französischen Rebsorten – ließ sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Landschlacht nieder. Auf einer Anhöhe über dem Dorf baute er dieses herrschaftliche Haus, das er „Bodanswart“ nannte. Auf der anderen Seeseite ragen die Kirchtürme der ehemaligen Bischofsstadt Konstanz in den wasserblauen Himmel. Einige der Teilnehmerinnen der diesjährigen Begegnungswoche, zu der die Arbeitsgemeinschaft der katholischen Blindenvereinigungen im deutschen Sprachraum eingeladen hat, wohnen in der Villa. Die meisten der fünfunddreißig Personen starken Gruppe haben ein Zimmer mit Seeblick im Hauptgebäude des IBZ, das 1970 entstand.

    Seit 1964 tragen zwei katholische Selbsthilfeorganisationen von Blinden und Sehbehinderten die Stiftung des Internationalen Blindenzentrums: die schweizerische Caritasaktion der Blinden (CAB) und das Deutsche Katholische Blindenwerk e.V. (DKBW). Jedes Jahr bezuschussen sie Übernachtungen und Kurse mit einer knappen Million Euro. Das barrierefreie, lichtdurchflutete Haus mit fünfundfünfzig Zimmern und einem behaglich warmen Hallenbad im Souterrain, umgeben von einem Park, in dem Rosen gedeihen, Kiefern und Buchen, in deren Schatten man Showdown – Blindentischtennis – spielen, Stockbrot grillen oder einfach nur sitzen und ein Glas Wein trinken kann, ist vielen, die regelmäßig herkommen, ans Herz gewachsen. Im Haus finden sich auch diejenigen, die sonst Hilfe brauchen, gut zurecht: Handläufe an den Wänden tragen Metallplättchen mit Punktschrift, Zimmernummern sind tastbar, die Hausinformation ist auf der Website abzurufen und liegt in Brailleschrift, Großdruck und auf Audio-CD auf jedem Schreibtisch neben Tastentelefon und Radio, Treppen sind mit Schranken gesichert. Auf der Terrasse über dem See zweimal täglich ein liebevoll zubereitetes Menü einzunehmen – auch ohne Laktose, Gluten, Fruktose oder anderes, was man nicht verträgt –, gehört zum Urlaub im IBZ dazu. Thymianzweige aus dem Kräutergarten garnieren am Abend schweizerische Gerichte. Typisch für die Region sind getrocknete grüne Bohnen, die man auch an der Rezeption kaufen kann. Anna-Maria aus dem Küchenteam winkt mit der Grillzange, begrüßt alte Bekannte „bona sera!“, und legt Würstchen oder vegetarische Spieße auf erwartungsvolle Teller. Am Salatbuffet kriegt jeder die Unterstützung, die er braucht. Bei Ausflügen begleitet jeweils eine sehende Begleitperson einen Teilnehmer mit Sehbehinderung. Hellgelb leuchtet das Hauptgebäude des IBZ in der Nachmittagssonne, als die Wochengäste auf der Wiese zwischen dem Teich und dem Haus spielen: Wassertragen, ohne zu verschütten; einen Ball auf gespannten Handtüchern weiterhüpfen lassen; sich nach Geburtstagsjahren sortiert in einer Reihe aufstellen.

    Das Zentrum war für viele eine „zweite Heimat“

    Von magischer Anziehung ist der nahe See: Beim Blick vom Balkon, von der Terrasse beim Essen oder wenn man direkt davorsteht. Die Mittagspausen erlauben den Wasserratten, gemeinsam in einer Viertelstunde hinunter zu laufen zur Badestelle, das samtweiche Nass auf der Haut zu spüren und sich abzukühlen – zu Hause ein seltenes Vergnügen. „Für mich ist das wie eine zweite Heimat hier“, schwärmt Beatrice, die in diesem Jahr schon mehrmals im IBZ war. „Auch wenn Du alleine kommst, hilft Dir immer jemand, auch im Speisesaal.“ Ihre Blindenführhündin kann Beatrice in dieses Haus mitbringen, bei Mahlzeiten bleibt sie im Zimmer. Andrea wird zu Weihnachten mit ihrem Partner und ihrer Mutter ins IBZ fahren, um ohne den kürzlich verstorbenen Vater in einer anderen Umgebung zu feiern.

    Dieser Rückzugsort für Menschen mit Sehbehinderung am Bodensee geht im kommenden Jahr verloren: Der Stiftungsrat hat die Einstellung des Betriebes zum 30. September 2018 beschlossen. Dringend anstehende Renovierungen und Verbesserungen der Infrastruktur würden Investitionen von über sechs Millionen Euro erforderlich machen. Die nächste Begegnungswoche für Menschen mittleren Alters richtet das DKBW in Hildesheim aus. Was im Jahr danach geschieht, wenn turnusgemäß die schweizerische CAB dran wäre, weiß keiner.