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    Würzburg

    Versöhnen und erinnern

    In diesem Jahr wird der "Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge" 100 Jahre alt.

    Kriegsgräberstätte Stare Czarnowo
    Noch gibt es nationale Gedenkzeremonien, doch beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. hat man eine europäisch... Foto: Foto:

    Während Stalingrad zum Inbegriff für die Grausamkeit des Kriegs geworden ist, verschwindet die am Oberlauf der Wolga gelegene Stadt Rshew gleichsam im Nebel der Geschichte. Dabei zählten die Kämpfe um Rshew, um diesen „Eckpfeiler der Ostfront“, zu den blutigsten des Zweiten Weltkriegs. Rshew, 200 Kilometer westlich von Moskau, wurde am 14. Oktober 1941 von der deutschen Wehrmacht besetzt und war in Folge über 16 Monate umkämpft. Es gab über eine Million Opfer auf beiden Seiten. Die Stadt, die vor Beginn des Krieges 57 000 Einwohner zählte, wurde vollständig zerstört. Mehr als ein Sechstel der Stadtbevölkerung wurde während der deutschen Besetzung in Arbeitslager deportiert, etwa neuntausend Personen kamen in einem Lager ums Leben, das im Stadtzentrum errichtet worden war. Heute ist Rshew mit seinen rund 70 000 Einwohnern eine von der Industrie geprägte Stadt.

    Ein Sammelfriedhof für sowjetische und deutsche Soldaten

    Seit 1997 finden in Rshew alljährlich im Rahmen der Aktion „Versöhnung über den Gräbern“ deutsch-russische Jugendlager des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge statt. 2002 wurde ein „Park des Friedens“ eingerichtet, zu dem auch die beiden Friedhöfe für gefallene 11 000 sowjetische und 24 000 deutsche Soldaten gehören. Ein Friedhof für deutsche Soldaten, das stieß in Rshew zunächst auf Widerstand. Oft ließen die sowjetischen Lokalbehörden vorhandene deutsche Soldaten- und Kriegsgefangenengräber anonymisieren und verwahrlosen oder einebnen und überbauen, um die Gräber des ehemaligen Feindes der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Seit 1996 gab es Bemühungen zum Bau eines Sammelfriedhofes im Bereich der Stadt Rshew. 1997 stand der Standort fest, die Ausbauplanung für die drei Hektar große Anlage wurde im selben Jahr abgeschlossen. Der Baubeginn wurde allerdings durch Gegner des Projektes zwei Jahre lang verhindert.

    Dank der Stadtverwaltung, die dem Projekt von Anfang an positiv gegenüberstand, konnte 1999 der Durchbruch geschafft und mit den Bauarbeiten begonnen werden. Gleich nebenan wurde eine russische Kriegsgräberstätte mit Unterstützung des Volksbundes und des „Kuratoriums Rshew“, einer Vereinigung von deutschen Kriegsteilnehmern, die in Rshew eingesetzt waren, errichtet. Trotz massiver Behinderungen, insbesondere der Umbettungsarbeiten, fand die Einweihung der beiden Anlagen am 28. September 2002 statt.

    Direkt neben den Kriegsgräberstätten von Rshew betreut Galina Iwanowa Chmilkowa ein kleines Informationsgebäude, vollgestopft mit Erinnerungsstücken aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Sie selbst wurde während der langen Besetzung ihrer Heimatstadt als kleines Mädchen 1943 gemeinsam mit ihrer Mutter nach Deutschland in die Nähe von Erfurt deportiert. „Dabei habe ich viel Leid erfahren, aber auch die Erkenntnis gewonnen, dass es zwei Deutsche gibt“, sagt sie. „Den einen, der mit seinem Angriffskrieg für Tod und unfassbares Leid sorgte und den anderen, einen Menschen, der genau wie wir Russen für seine Familie sorgt und Gutes tut.“ Getreu dem Motto des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, „Versöhnung über den Gräbern“, ist der Einsatz für Frieden, Versöhnung und Völkerverständigung zur Lebensaufgabe von Galina Iwanowa Chmilkowa geworden.

    Die Kriegszeugen sterben langsam aus

    Da die unmittelbare Erlebnisgeneration von Krieg und Gewaltherrschaft, Flucht und Vertreibung bald nicht mehr als Zeitzeuge zur Verfügung stehen wird, erhalten heute Kriegsgräber und Gedenkstätten als außerschulische Lernorte für die Schulen ein besonderes Gewicht. So treffen sich unter dem Motto „Arbeit für den Frieden“ jährlich über 20 000 junge Menschen aus verschiedenen Ländern in den Jugendbegegnungsstätten sowie bei Workcamps im In- und Ausland, um sich gegenseitig kennenzulernen, gemeinsame Freizeit zu erleben, auf Kriegsgräber- und Gedenkstätten zu arbeiten und sich mit der deutschen und europäischen Geschichte auseinanderzusetzen. Völkerverständigung, gegenseitige Toleranz und Respekt vor einer fremden Kultur können mehr sein als Party-Spaß beim Ballermann auf Mallorca.

    Volksbund, ein altmodischer Name – heute würde man wohl sagen: Bürgerinitiative. Der Volksbund ist ein Verein, der von haupt- und ehrenamtlichem Engagement getragen wird und auf öffentliche Unterstützung angewiesen ist, um seine Arbeit im Auftrag der Bundesregierung leisten zu können. Unterstützung gibt es etwa von der Bundeswehr und dem Reservistenverband durch Arbeitseinsätze auf in- und ausländischen Kriegsgräberstätten, in Workcamps, bei Gedenkveranstaltungen sowie bei der Haus- und Straßensammlung zum Volkstrauertag. Als privater Verein zur Anlage und Pflege von Gräbern der im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten am 16. Dezember 1919 gegründet, hat sich der Volksbund im Laufe der Jahrzehnte zu einer international agierenden humanitären Organisation entwickelt. Heute umfasst das Aufgabengebiet neben der Pflege der Ruhestätten aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Europa eine auf Frieden und Völkerverständigung zielende Jugend- und Bildungsarbeit über alle Grenzen hinweg. Ziel ist es, Friedhöfe zu Gedenk- und Lernorten weiterzuentwickeln. Im Rahmen von bilateralen Vereinbarungen betreut der Volksbund heute 832 Kriegsgräberstätten in 46 Staaten mit etwa 2,7 Millionen Kriegstoten.

    Um die Gräber dauerhaft zu erhalten, wie es die Kriegsgräberabkommen mit anderen Nationen vorsehen, werden die vielen kleinen Grablagen, insbesondere die des Zweiten Weltkriegs, aufgelöst und in zentrale Kriegsgräberstätten umgebettet. So wurde 2013 in Duchowschtschina mit der Schaffung eines Sammelfriedhofs im Smolensker Gebiet das letzte große Bauprojekt in Russland abgeschlossen. Dort wurde auch der markante Unterschied der Kriegsgräberstätten in der Namenkennzeichnung sichtbar. Während es in Westeuropa üblich war, Grabkreuze oder Namentafeln zu verwenden, wurde aufgrund der unermesslichen Opferzahlen in Polen, der Russischen Föderation, Weißrussland sowie anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion die Stele oder das Namenbuch als Element gewählt.

    Fast 1600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

    Mehrere tausend ehrenamtliche und 567 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfüllen heute die vielfältigen Aufgaben der Organisation. Nach der politischen Wende in Osteuropa nahm der Volksbund seine Arbeit auch in den Staaten des einstigen Ostblocks auf, wo im Zweiten Weltkrieg etwa drei Millionen deutsche Soldaten ums Leben kamen, mehr als doppelt so viele wie auf den Kriegsgräberstätten im Westen ruhen. Diese Aufgabe stellt den Volksbund vor immense Schwierigkeiten: Viele der über hunderttausend Grablagen sind nur schwer auffindbar, zerstört, überbaut oder geplündert. Zur langfristigen Sicherung seiner Arbeit hat der Volksbund 2001 die Stiftung „Gedenken und Frieden“ gegründet. Seit 55 Jahren arbeitet er offiziell im Auftrag der Bundesregierung, sein Schirmherr ist der Bundespräsident.

    Beim Rückblick auf die Geschichte geht es dem Volksbund auch um die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Ab 1933 unterwarf sich die Führung des Volksbunds aus eigenem Antrieb der Gleichschaltungspolitik der NS-Regierung. Es war ein langer und steiniger Weg, auf dem sich der Volksbund mit der Aufarbeitung seiner Geschichte auseinandersetzte und Lehren daraus zog: weg vom Image einer rückwärtsgewandten Veteranenvereinigung. Unter dem Titel „Europa, der Krieg und ich“ arbeitet der Volksbund anlässlich seines hundertsten Bestehens in einer großen Ausstellung die eigene Geschichte auf: Von der Gründungsphase in der Weimarer Republik über die willige Andienung an das nationalsozialistische Gewaltregime bis hin zur Ausweitung seiner Aktivitäten auf Osteuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

    Als Markus Meckel, der frühere Bürgerrechtler und letzte Außenminister der DDR nach der Wende, 2013 Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. wurde, forcierte er die – schon vorher begonnene – Diskussion um notwendige Reformen und ein künftiges Selbstverständnis. Sein Anliegen war, das Gedenken auf Kriegsgräberstätten und damit die Aufarbeitung von Krieg und Gewaltherrschaft in eine künftige nationale und europäische Erinnerungskultur zu integrieren. Nach heftiger Kritik an seinem Führungsstil, am Ausgabeverhalten, trat Meckel am 22. Spember 2016 von seinem Amt als Volksbund-Präsident zurück. Bevor ihn der Bundesvertretertag abwählen konnte.

    Am 28. April 2017 wurde Wolfgang Schneiderhan beim außerordentlichen Bundesvertretertag in Berlin für vier Jahre zum neuen Präsidenten des Volksbundes gewählt. Schneiderhan, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr, teilte mit, er wolle „keinen Zweifel daran lassen, dass der aktuelle Reformprozess für den Volksbund notwendig und wichtig ist“.

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