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    „Tschernobyl ist keine Touristen-Attraktion“

    München (DT) Das ökologische Bewusstsein in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas zu schärfen und den Sinn für die Schöpfung zu wecken, dass muss Ziel der Kirche sein. Das war am Donnerstag in München der Tenor bei der Vorstellung der 19. Renovabis-Pfingstaktion. Anlässlich des 25. Jahrestags der Tschernobyl-Katastrophe läuft die Aktion dieses Jahr unter dem Motto „Gottes Schöpfung – uns anvertraut“. Sie wird am kommenden Sonntag bundesweit mit einem Gottesdienst mit Kardinal Reinhard Marx im Münchner Liebfrauendom eröffnet.

    München (DT) Das ökologische Bewusstsein in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas zu schärfen und den Sinn für die Schöpfung zu wecken, dass muss Ziel der Kirche sein. Das war am Donnerstag in München der Tenor bei der Vorstellung der 19. Renovabis-Pfingstaktion. Anlässlich des 25. Jahrestags der Tschernobyl-Katastrophe läuft die Aktion dieses Jahr unter dem Motto „Gottes Schöpfung – uns anvertraut“. Sie wird am kommenden Sonntag bundesweit mit einem Gottesdienst mit Kardinal Reinhard Marx im Münchner Liebfrauendom eröffnet.

    Ukrainischer Weihbischof: Aus Katastrophe nichts gelernt

    Der Kardinal nahm Kritikern den Wind aus den Segeln, die meinten, die Kirche solle sich nicht in die politische Debatte um Umweltprobleme einmischen. „Umweltprobleme sind auch kirchliche Themen“, konterte er. Umweltthemen seien nicht allein politischer Natur, sondern ebenso sozial-ethisch begründet. Er stützte sich dabei auf die Aussage Papst Benedikts über die neue „humanistische Synthese“: Das Evangelium nehme das ganze Leben des Menschen in den Blick. Hinsichtlich der Finanzkrise, der Reaktorkatastrophen wie in Tschernobyl und Fukushima, aber auch anderer Krisen sei eine neue Fortschrittsidee nötig. Evangelium und Vernunft gehörten zusammen.

    Marx lobte die Vorreiterfunktion der Kirche in vielen Ländern Osteuropas. Gerade kirchliche Vereine und Gruppen hätten das Thema „Umwelt“ dort aktiv aufgegriffen und mit Hilfe von Renovabis Umweltprojekte entwickelt. In Ungarn gibt es beispielsweise das „Grüne Tor-Programm“ von Jugendlichen, das der Pastoraltheologe Jozsef Varga-Berta vorstellte.

    Das Wort „Tor“ versinnbildlicht den Übergang vom eigenen Haushalt in die Welt, „von lokal zu global“, sagte Varga-Berta. Mit Wanderausstellungen machen Jugendliche auf die gefährdete biologische Diversität und zunehmende Überschwemmungen aufmerksam. Außerdem geben sie Hilfen an die Hand, wie der Einzelne im Haushalt Energie und Wasser sparen kann. Oder sie erklären, dass man ein Gebäude auch gut isolieren und energieeffizient bauen kann. Mit dem Projekt haben die Jugendlichen große Aufmerksamkeit gefunden und mittlerweile Mitstreiter aus den Nachbarländern sowie aus Deutschland ins Boot geholt.

    Nicht überall stoßen die Projektler jedoch auf offene Ohren. Immer noch gelte es, das Bewusstsein zu wecken, wie wichtig jeder Einzelne ist, wenn es um die Bewahrung der Natur geht. Eine harte Nuss ist die Ukraine. Die Ukraine habe aus der Tschernobyl-Katastrophe nichts gelernt, beklagte Stanislav Szyrokoradiuk, Weihbischof der Diözese Kyjiv. 36 Reaktoren sind in seiner Heimat in Betrieb, zwei neue werden gebaut, so der Weihbischof. „Wir müssen hier protestieren, das ist unser Recht“, sagte Szyrokoradiuk, in dessen Diözese auch das Gebiet von Tschernobyl liegt. Bis heute leiden die Menschen an den Folgen der Katastrophe – während gleichzeitig Touristen massenweise in das 2010 eröffnete Sperrgebiet rund um das Kraftwerk strömen würden. Weshalb sich Weihbischof Szyrokoradiuk mokierte: „Das ist keine Attraktion. Sie sehen eine Katastrophe, die Menschen gemacht haben“, sagte er und machte auf die vielen geschädigten Kinder aufmerksam, die für die Folgen der Sünde vergangener Generationen büßen müssten. Die Kindersterblichkeit sei aufgrund starker Luftverschmutzung hoch.

    Immerhin kann die ukrainische Kirche dank der Hilfe durch Renovabis jedes Jahr mehrere tausend geschädigte Kinder einige Wochen ins Ausland zur Erholung schicken. Dort lernten sie auch, Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen, damit sich eine solche Katastrophe nicht in der nächsten Generation wiederhole. Szyrokoradiuk appellierte an den moralischen Erziehungsauftrag der Kirche. Kinder und Jugendliche müssten den sensiblen Umgang mit Natur und Umwelt lernen. Es fehle noch an Verantwortungsgefühl.

    Gerade in den Ländern des früheren Warschauer Paktes im Mittelosten und Osten Europas geistere der Kommunismus immer noch in den Köpfen der Menschen herum, die zum Teil noch 20 Jahre nach dem Zusammenbruch dieses Systems alle Verantwortung auf den Staat schieben würden, beklagte auch Pastoraltheologe Varga-Berta. Deshalb sei es begrüßenswert, dass die Projekte, die Renovabis im Osten unterstütze, positive Zeichen setzten und die guten Früchte bereits sichtbar seien: Menschen seien bereit, mehr Geld für energieeffiziente Gebäude auszugeben. „Sie machen sich Gedanken darüber, wie sie Heizkosten senken und Wasser sparen können“, berichtete der ungarische Pastoraltheologe. Ein guter Anfang, aber es brauche eine weitere Bewusstseinsbildung, so der Tenor bei der Vorstellung der Renovabis-Pfingstaktion.

    Orthodoxe Kirche nimmt Schöpfungsauftrag ernst

    In der Orthodoxen Kirche ist ein Bewusstsein für die Schöpfung laut Renovabis-Hauptgeschäftsführer P. Stefan Dartmann SJ, stark verankert. Es gebe dort nicht nur einen „Tag der Schöpfung“, sondern die Schöpfung habe in der Theologie der Ostkirche generell eine große Bedeutung. Deshalb freue es ihn, dass die Kirche in vielen mittelost- und osteuropäischen Ländern nach der „Eiszeit des Kommunismus wieder Kraft finde, zu den spirituellen Urgründen zurückzukehren, sich zu positionieren“ – auch beim Thema Umwelt. Die „Verantwortung für die Schöpfung zum Thema zu machen“, das sei ein zentraler Auftrag des Osteuropahilfswerks Renovabis.

    Verantwortungsgefühl für die Umwelt will Dartmann auch in Deutschland mit der Arbeit von Renovabis wecken. Das Werk unterstütze daher im Rahmen seiner Pfingstaktion auch die Wanderausstellung „25 Jahre Tschernobyl: Menschen – Orte – Solidarität“ des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks. Die Schau lässt nicht nur Menschen zu Wort kommen, deren Leben sich durch die Reaktor-Katastrophe für immer verändert hat. Sie regt auch an, über den zukünftigen Umgang mit Umwelt- und Energieressourcen nachzudenken. Die Ausstellung ist ein Programmpunkt der gesamten Aktion.

    Dartmann hofft, dass die Anliegen von Renovabis durch die Aktion zu einer Herzensangelegenheit vieler Menschen werden, „in der Kirche, aber auch darüber hinaus“. Denn, so sagte er, „die Schöpfung ist noch nicht abgeschlossen“.

    Im März 1993 wurde Renovabis als „Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa“ ins Leben gerufen – gegründet von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) auf Anregung des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZdK). Sitz von Renovabis ist Freising. Das Werk unterstützt Projektpartner bei der pastoralen, sozialen und gesellschaftlichen Erneuerung der ehemals kommunistischen Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas und möchte auf die oftmals schwierige Situation vieler Menschen in diesen Ländern aufmerksam machen. Ein wichtiges Instrument dieser Öffentlichkeitsarbeit ist die jährliche „Pfingstaktion“ und deren Jahresthema. In diesem Jahr lautet es: „Gottes Schöpfung – uns anvertraut! Ost und West in gemeinsamer Verantwortung“. Informationen, Programm und Arbeitsmaterial sind im Internet unter www.renovabis.de zugänglich. Die Kollekte aus allen katholischen Kirchen in Deutschland am Pfingstsonntag ist für Renovabis bestimmt. DT