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    Totale Kontrolle in einer Welt voller Angst

    Während Nordkorea unter seinem neuen Machthaber Kim Jong-Un mit Raketentests versuchen möchte, der Welt seine Stärke zu demonstrieren, herrschen im Inland menschenunwürdige Zustände. Jenseits der Propagandabilder sind in dem abgeschotteten asiatischen Land noch immer geschätzte 200 000 Menschen in Todeslagern eingesperrt. Seit Jahrzehnten herrschen dort Zustände wie im russischen Gulag. Nach Einschätzung der Vereinten Nationen hat sich die Menschenrechtslage in Nordkorea seit dem Führungswechsel nicht verbessert, erklärte die UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay. Durch Folter und Exekutionen politischer Gefangener könnte es zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit gekommen sein. Deshalb sei eine ausführliche Untersuchung längst überfällig.

    Satellitenbilder zeigen nordkoreanische Straflager. Foto: dpa

    Während Nordkorea unter seinem neuen Machthaber Kim Jong-Un mit Raketentests versuchen möchte, der Welt seine Stärke zu demonstrieren, herrschen im Inland menschenunwürdige Zustände. Jenseits der Propagandabilder sind in dem abgeschotteten asiatischen Land noch immer geschätzte 200 000 Menschen in Todeslagern eingesperrt. Seit Jahrzehnten herrschen dort Zustände wie im russischen Gulag. Nach Einschätzung der Vereinten Nationen hat sich die Menschenrechtslage in Nordkorea seit dem Führungswechsel nicht verbessert, erklärte die UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay. Durch Folter und Exekutionen politischer Gefangener könnte es zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit gekommen sein. Deshalb sei eine ausführliche Untersuchung längst überfällig.

    Die der südafrikanischen Minderheit der Tamilen angehörende Juristin Navanethem Pillay, genannt „Navi“ Pillay, kritisierte vor allem die Lager für politische Gefangene, in denen mindestens 200 000 Menschen einsitzen. Hier seien Folter, Vergewaltigungen, Exekutionen und Sklavenarbeit weit verbreitet. Für die Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte ist eine Untersuchung über die Menschenrechtssituation in Nordkorea längst überfällig. Sie beklagte, dass die Sorgen der internationalen Gemeinschaft wegen Nordkoreas umstrittenen Atomprogramms und der Raketenstarts „die bedauernswerte Lage der Menschenrechte“ überlagerten. In einem UN-Bericht heißt es, dass das Regime nur mit „Angst, Repressalien, Kontrolle der Lebensmittellieferung, einem institutionalisierten System der Arbeitslager und Medienzensur“ regieren könne. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Staatsgründer Kim Il Sung mit Hilfe der ehemaligen Sowjetunion an die Macht gekommen. Um sie zu erhalten, ließ er seine Gegner und ihre Familienangehörigen in Gulags einsperren.

    Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrecht (IGFM) sind in der „Demokratischen Volksrepublik Korea“ sechs große Hauptlager bekannt, daneben etwa 200 kleinere Nebenlager und andere Strafeinrichtungen. Satellitenaufnahmen zeigen, dass die Lager in den vergangenen Jahren weiter gewachsen sind. Dennoch leugnet Nordkorea ihre Existenz. Die Volksrepublik China ignoriert sie „ebenso wie die deutsche Außenpolitik“, beklagt IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin. Auch der 229-seitige Bericht „The Hidden Gulag“ (Das versteckte Gulag), den amerikanische Menschenrechtsaktivisten veröffentlicht haben, enthüllt Erschreckendes. In dem Report werden 60 ehemalige Häftlinge und Wärter zitiert sowie Satellitenbilder von Google Earth ausgewertet. Vor allem die Berichte der Überlebenden sind schockierend: Die Gefangenen arbeiten in Bergwerken, werden regelmäßig gefoltert, viele verhungern, andere werden wegen Kleinigkeiten hingerichtet. Weibliche Gefangene werden zudem systematisch sexuell missbraucht. Nach Angaben des christlichen Hilfswerks Open Doors befinden sich etwa 50 000 bis 70 000 Christen in den Arbeitslagern Nordkoreas.

    Inzwischen gibt es tausende, die in den Lagern geboren wurden und die dort groß geworden sind. Einer von ihnen ist Shin Dong-hyuk. Der amerikanische Journalist Blaine Harden erzählt dessen Geschichte in dem Buch „Flucht aus Lager 14“. Shin Dong-hyuk wurde in einem Straflager in Nordkorea geboren und verbrachte die ersten 23 Jahre seines Lebens in einem solchen Straflager, bis er entfiehen konnte. Das „Lager 14“ ist auf Satelliten-Bildern zu erkennen. 40 000 Gefangene leben dort. Dort wurde Shin im Jahr 1982 geboren. Sein Vater saß hier ein, da seine Brüder nach Südkorea geflohen waren. Seine Eltern lernten sich im Lager kennen. Als Belohnung für hartes Arbeiten durften sie heiraten, alles unter der Kontrolle der Wärter. Hier wuchs Shin Dong-hyuk auf. „Die Begriffe Vater und Mutter waren für mich nichts weiter als Worthülsen“, sagt er. „Ich empfand keine Gefühle für sie. Sie waren einfach nur diejenigen, die mich erzeugt haben. Für mich waren sie lediglich Lagerhäftlinge wie alle anderen auch.“ Der Hunger war im Lager allgegenwärtig. Oftmals blieb Shin nichts anderes übrig, als Ratten zu essen. Wer Lebensmittel im Lager stahl, musste mit dem Tod rechnen: Als sein Lehrer bei einer Klassenkameradin fünf Maiskörner entdeckte, prügelte er sie vor ihren Mitschülern zu Tode. „Das gesamte Lagersystem basiert darauf, mit Hunger Kontrolle auszuüben“, berichtet Shin Dong-hyuk. „Es geht darum, den Willen der Häftlinge zu brechen und sie dazu zu bringen, den Gefängniswärtern zu gehorchen.“

    Totale Kontrolle in einer Welt ohne Liebe war für ihn ganz normal. Verrat war Pflicht. Als er eines Abends mitgehört hatte, dass seine Mutter und sein Bruder fliehen wollten, verriet er sie an einen Wärter. Der damals 13-Jährige hoffte dadurch auf Privilegien. Doch als vermeintlicher Komplize wurde er von den Wärtern daraufhin fast zu Tode gefoltert. Monate später musste er mit seinem Vater ansehen, wie seine Mutter erhängt und sein älterer Bruder erschossen wurde. Dass es eine Welt außerhalb des Lagers gibt, erfuhr Shin von einem Mithäftling aus der Elite Nordkoreas, von Park Chong-yul. Während eines Arbeitseinsatzes auf den Feldern zwängten sich die beiden im Januar 2005 durch den Elektrozaun des Lagers. Park bekam einen Stromschlag. Shin robbte über seinen regungslosen Körper in die Freiheit.

    Im isolierten kommunistischen Nordkorea muss die Menschenrechtssituation dringend verbessert werden, das sagt auch Kim Joo Il. Dem Regime, das in der Lage ist, Atomwaffen zu entwickeln, und die Menschen trotzdem hungern lässt, konnte Kim 2005 nach einem Bericht der „Deutschen Welle“ entfliehen. Der Offizier der nordkoreanischen Volksarmee schwamm über den streng überwachten Grenzfluss Tumen zwischen China und Nordkorea. Später kellnerte er in China, um seine Weiterreise nach England zu finanzieren. Nach seiner Ankunft in London 2007 stellte er das nordkoreanische Regime öffentlich an den Pranger, das für Millionen Hungertote verantwortlich sein soll, und hofft auf die Unterstützung europäischer Länder. Sein Ziel: eine demokratisch gewählte Regierung für Nordkorea und eine neue Vision für sein Heimatland. Vor dem britischen Parlament sagte der 39-jährige Kim über die schweren Menschenrechtsverletzungen aus. Sein Bericht, wie Europa den Menschen in Nordkorea helfen kann, wird demnächst von einem regierungsnahen Forschungsinstitut veröffentlicht werden. Europa könne mit einer Stimme sprechen, glaubt Kim. Dies sei ein effektiver Katalysator und werde zu großen Veränderungen führen: „Die europäischen Länder müssen die Menschenrechtsverletzungen ansprechen und den Samen für Demokratie in Nordkorea pflanzen.“ Europa spiele eine besondere Rolle, denn der Rest der Welt, vor allem die USA, Südkorea und Japan, würden in Nordkorea als „Feinde“ angesehen. Kim „Falls der Vorstoß von Europa käme, würde Nordkorea darüber nachdenken.“