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    Selbstloses Schenken

    Rund 400 Socken und Sockenpaare liegen bis zu einem halben Meter gestapelt auf einem meterlangen Tisch. Alle sind gefüllt mit Dingen, die zum Nikolaustag verschenkt werden: Süßigkeiten, Früchte und Nüsse. Aber auch Konserven und Kosmetikartikel. Die Adressaten dieser Nikolaussocken sind keine Kinder mit leuchtenden Augen, sondern bedürftige Menschen und Obdachlose. Schüler der katholischen Theresienschule aus Berlin kommen Jahr für Jahr am 6. Dezember in die Suppenküche des Franziskanerklosters nach Berlin-Pankow und verteilen selbstgefüllte Socken an Obdachlose und Bedürftige.

    Schüler verteilen die Socken an die Bedürftigen in der Suppenküche des Franziskanerklosters in Berlin-Pankow. Im Hinterg... Foto: Markus Nowak

    Rund 400 Socken und Sockenpaare liegen bis zu einem halben Meter gestapelt auf einem meterlangen Tisch. Alle sind gefüllt mit Dingen, die zum Nikolaustag verschenkt werden: Süßigkeiten, Früchte und Nüsse. Aber auch Konserven und Kosmetikartikel. Die Adressaten dieser Nikolaussocken sind keine Kinder mit leuchtenden Augen, sondern bedürftige Menschen und Obdachlose. Schüler der katholischen Theresienschule aus Berlin kommen Jahr für Jahr am 6. Dezember in die Suppenküche des Franziskanerklosters nach Berlin-Pankow und verteilen selbstgefüllte Socken an Obdachlose und Bedürftige.

    „Ich habe nicht viel“, sagt Peter. Das Paar Socken und der Inhalt sei sein einziges Nikolausgeschenk, berichtet der 47-jährige Mann mit den Bartstoppeln im Gesicht. Umso schöner sei an der Aktion, dass es Schüler sind, die ihm und anderen Bedürftigen etwas verschenken. „Solche Sachen kommen von Herzen. Alle Achtung.“ Die Sockenaktion sei ein „Selbstläufer“, ist Anneliese Kirchberg, Schulleiterin der Theresienschule, von der Dynamik der Aktion beeindruckt. „Das liegt aber auch daran, dass wir versuchen, das zu leben.“

    Genau dazu möchte die Aktion „Weihnachtsmannfreie Zone“ des Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken anregen. Seit zehn Jahren setzt sich das Hilfswerk für den heiligen Nikolaus ein, damit der Bischof von Myra und seine vorbildlichen Taten nicht in Vergessenheit geraten. Er soll nicht vom Weihnachtsmann verdrängt werden. Denn der Nikolaus stehe für mehr als sein rotbäckiger Kollege vom Nordpol, der mit Zipfelmütze und Rauschebart als Werbefigur den Konsum im Weihnachtsgeschäft ankurbeln soll, betont Monsignore Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerkes.

    „Mit der Aktion ,Weihnachtsmannfreie Zone‘ möchten wir augenzwinkernd auf den Nikolaus verweisen und auf die Werte, die mit dem Heiligen verbunden werden: Nächstenliebe, selbstloses Schenken und Teilen.“ Der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes ist begeistert vom Engagement der Schüler der Berliner Theresienschule. „Die Kinder und Jugendlichen lernen vom Heiligen und zeigen damit in der heutigen Gesellschaft, was gelebte Nächstenliebe heißt. Die Aktion ist ein Vorbild dafür, in welcher Weise der Nikolaustag auch gestaltet werden kann ganz im Sinne der Aktion Weihnachtsmannfreie Zone“, zeigt sich Monsignore Austen beeindruckt.

    „Nikolaus“, sagt Schülerin Anina Schmidt, „ist ein besonderer Anlass, um zu zeigen, dass es Menschen gibt, die an andere denken.“ Die 18-Jährige steht hinter dem Stapel Socken und teilt sie den Bedürftigen aus. Überwiegend sind es Männer, die gekommen sind. Seit zehn Jahren beobachte sie auch zunehmend obdachlose Frauen, seit einiger Zeit gar auch Kinder, sagt Kirchberg. Es sei erstaunlich, wie viele von Armut und Bedürftigkeit betroffen seien, pflichtet Schülerin Schmidt bei. „Aber das ist gerade eine Ermutigung, auch herzukommen und zu zeigen, dass diese Leute genauso wichtig sind und ihnen eine Freude zu machen.“

    Freude empfindet Frank, der sich ein gefülltes Sockenpaar von den Schülern abgeholt hat. „Ich kann meine Socke gut gebrauchen, denn die gehen schnell kaputt und draußen ist es so kalt und nass.“ Der 56-Jährige kennt die Nikolausgeschichte und damit den „Hintergrund“ zu seinem Geschenk. Damit ist er eher eine Ausnahme unter den 300 regelmäßig Speisenden in der Suppenküche der Franziskaner. „Nikolaus ist ein Heiliger“, weiß Frank und fügt hinzu: „Alle Heiligen erinnern uns an die Menschlichkeit.“

    Ein Stück Menschlichkeit zeigen die fast 400 Schüler, die ihre Socken gepackt und gespendet haben. Doch sich als Nikolaus zu bezeichnen, das findet Linus Volmer übertrieben. Der 17-jährige Schüler ist zum ersten Mal bei der Aktion dabei und hat gleich fünf Socken gepackt: Kinder-, Herren- und Damensocken. Die Geschichte vom Teilen mit Bedürftigen war für ihn eine Inspiration: „Ich fühle mich so, dass ich den Menschen ein stückweit helfe.“ Er versuche alle als seine Nächsten zu betrachten, sagt der 17-Jährige.

    Für Franziskanerbruder Johannes ist es immer wieder eine Freude, wenn sich andere für ihre Mitmenschen engagieren. „Das ist schön, dass Menschen sehen, wir denken an Euch.“ Wäre nicht die Sockenaktion der Schüler, wäre ein solches Nikolausfest für die Suppenküche der Franziskaner nicht möglich, sagt er. Bruder Johannes arbeitet seit 15 Jahren in der Suppenküche und glaubt, durch die Sockenaktion kommen viele Menschen mit der Kirche erst in Kontakt, gerade hier in der Diaspora. In Berlin sind mehr als 70 Prozent der Bevölkerung nicht christlich gebunden, sie sind weder katholisch noch evangelisch noch gehören sie einer anderen Religion an. „Es freut sich jeder, wenn er was bekommt. Vielleicht überlegt man sich dann auch mal, wieso machen die Schüler das eigentlich“, glaubt Bruder Johannes. „Durch einfaches Dasein wird gezeigt, hier ist Kirche, wir sind für euch da. In schlechten und guten Zeiten.“

    Gute Zeiten hatte der 51-jährige Frank auch einmal gehabt. Das war bevor er seine Wohnung verlor. Heute sind es eher schlechte Zeiten, er wohnt in einem Wohnheim, Einzelzimmer. „Erfrieren muss ich zwar nicht, aber die Versorgung ist nicht super“, sagt er. Geschenke bekommt er im Verlauf des Jahres keine, daher freut er sich sehr über seine Nikolaussocke. „Man weiß nie genau, was man bekommt.“

    Dass Jugendliche mit der Sockenaktion nicht nur ein selbstloses Zeichen setzen, sondern auch selbst etwas mit nach Hause nehmen, glaubt Bruder Johannes. Der Kontakt und das Gespräch mit den Bedürftigen sind für die Schüler auch „Warnsignale“, glaubt Franziskanerbruder. „Sie sehen schon in der Schule, ich muss was für mein Leben tun. Sie sehen, dass sie durchrutschen können, denn es kann jeder durchrutschen.“ Und ergänzt: „Wie gut, dass es solch eine Sockenaktion von Schülern gibt.“