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    Plötzlich Flüchtling

    Ein nasskalter, regnerischer Nachmittag in München lässt Hazem frösteln. „Ich kann nie genug Sonne kriegen“, sagt der Syrer mit leiser Stimme auf Englisch. Chrystelle sitzt neben ihm und lächelt. „Ich mag kühles Wetter“, sagt sie. Hazem ist 31 Jahre alt und Mediziner, Chrystelle 22 und Zahntechnikerin. Beide sind erst vor wenigen Wochen aus der heftig umkämpften Stadt Aleppo geflohen. Zwischen Bauschutt und schreienden Menschen haben sie sich dort kennengelernt. Beim Helfen.

    Chrystelle und Hazem wollen beide in Deutschland neu beginnen... Foto: aho

    Ein nasskalter, regnerischer Nachmittag in München lässt Hazem frösteln. „Ich kann nie genug Sonne kriegen“, sagt der Syrer mit leiser Stimme auf Englisch. Chrystelle sitzt neben ihm und lächelt. „Ich mag kühles Wetter“, sagt sie. Hazem ist 31 Jahre alt und Mediziner, Chrystelle 22 und Zahntechnikerin. Beide sind erst vor wenigen Wochen aus der heftig umkämpften Stadt Aleppo geflohen. Zwischen Bauschutt und schreienden Menschen haben sie sich dort kennengelernt. Beim Helfen.

    Unabhängig voneinander haben sie zu dem vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) gestützten Netzwerk gefunden, das in Aleppo ausgebombten Familien mit dem Nötigsten aushilft. Die Initiative gelangte zu einiger Berühmtheit, „Aleppo Family“ nannten die Leute die Gruppe junger Helfer. 2015 umfasste die „Aleppo Family“ gut 300 Ehrenamtliche, die Unterkünfte besorgten, Nahrungsmittel verteilten und Kleiderspenden sammelten. Jetzt gehören Hazem und Chrystelle selbst zu denjenigen, die Hilfe brauchen. „Ich konnte dort nicht mehr in meinem Beruf arbeiten, ständig fiel der Strom aus und fließendes Wasser hatten wir auch nicht mehr“, erzählt Chrystelle. Schweren Herzens organisierte sie sich ein Visum, flog mit dem Flugzeug nach Deutschland und landete in Berlin; genauso machten es Hazem und sein Bruder, der ebenfalls Medizin studiert hat. Sie wohnen jetzt in Duisburg.

    Andere ihrer Freunde waren gezwungen, andere Routen zu nehmen: „Der Weg über einen Asylantrag war unsere einzige Chance, aus dem Krieg zu fliehen“, sagt Najeeb. „Jetzt will ich endlich wieder meinen Beruf ausüben“, sagt er. Dafür seien die Hürden jedoch hoch, so Najeeb. Asylverfahren würden lange dauern, und der Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt sei bisher schwer. „Ich darf als Praktikant nur zuschauen. Aber ich bin Zahnarzt und will gerne selbst einen Patienten behandeln.“

    Auch Hasan ist mit dem Schlauchboot gekommen. Der 26-Jährige kann wie Najeeb ein abgeschlossenes Zahnmedizinstudium vorweisen. Er sei, wie er sagt, in Aleppo aus dem Universitätslabor, wo er arbeitete, weg ins Gefängnis gebracht worden. Dort habe man ihn krankenhausreif geschlagen. Während er erzählt, stockt seine Stimme, ein Würgen steigt ihm die Kehle hoch. Hasan schließt kurz die Augen, zwingt sich und ist wieder gefasst. Aus dem Krankenhaus wurde er gerettet und konnte fliehen. Jetzt macht er den Sprachkurs.

    „Der Druck durch das Assad-Regime und die Rebellen wurde größer, und so mancher musste weg aus dem Kriegsgebiet, zu seiner eigenen Sicherheit“, erklärt Peter Balleis SJ, der von 2007 bis 2014 Internationaler Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS) war und jetzt das Treffen der „Aleppo Family“ in Deutschland begleitete. „Viele dieser jungen Leute kamen nach Deutschland. Wir ermöglichten ihnen, sich zu treffen, nicht aus Nostalgie, sondern als Möglichkeit, sich zu organisieren, um zusammen nicht ohnmächtig den Ereignissen zuzusehen.“ Er sehe diese jungen Menschen als Führungsleute, sagt er: „Sie haben damals in Aleppo Führung übernommen und humanitäre Hilfe organisiert – nun können sie unter den Geflüchteten führende Rollen übernehmen.“ Dass in den Projekten des JRS in Syrien Christen und Muslime zusammenarbeiteten, sei eine Bereicherung, kein Problem, sagt Balleis: „Wir haben bewusst damals die Entscheidung getroffen, in Syrien für jeden da zu sein, und 90 Prozent der Betroffenen sind eben Muslime. Wir wollten mit Christen und Muslimen zusammenarbeiten. Damit zeigen wir, was in der Vergangenheit möglich war, jetzt möglich sein sollte und hoffentlich in der Zukunft möglich sein wird, dass wir zusammenleben werden.“ In der gemeinsamen Arbeit für bessere Zustände entwickele sich dann auch die Verbindung untereinander, die ein friedliches, offenes Syrien ermöglichen könne. „Die Extremisten sind für diese Leute das gleiche Problem wie für uns.“

    Chrystelle ist Christin und wollte einfach nur helfen: „Ich habe in einer Art Besuchs-Team gearbeitet. Unsere Aufgabe war, zu den ausgebombten Menschen zu gehen und die am stärksten Betroffenen zu finden. Es ging dabei nicht um Religionszugehörigkeiten, sondern um die Heftigkeit von materiellen Schäden.“ Während ihrer Zeit in der „Aleppo Family“ habe es nie Probleme wegen einer Religion gegeben, sagt sie. „Ich habe als Christin ständig mit Muslimen gearbeitet, zuerst in ihren Häusern, dann in Notunterkünften. Böse Menschen gibt es auf beiden Seiten – das hat mit der Religion nichts zu tun.“ Hazem, ebenfalls Christ, bestätigt das: „Die Muslime in Aleppo waren froh über unsere Hilfe, auch wenn sie von Christen kam“, sagt er. „Von Feindschaft war da nichts zu spüren. In unserem Netzwerk arbeiten Christen und Muslime auf jeder Ebene miteinander.“

    Hazem hat für den JRS eine kleine Poli-Klinik koordiniert. „Ein Ort, an dem Menschen ohne Mittel geholfen werden konnte“, sagt er. Die meisten der Patienten hätten nichts bezahlen können. Sie brauchen ihr Geld für Essen, das für eine Heilung dringend nötig sei. Hazem zieht die Schultern nach oben und sagt: „Es ist hart, nicht ganz Aleppo versorgen zu können. Wir konnten nur einem Teil helfen, immerhin 10 000 Familien.“

    Leben in Aleppo sei zuletzt unerträglich gewesen, erzählt Chrystelle: „Es fehlt an allem. Die Nahrungsmittel, die es zu kaufen gibt, werden immer teurer. Die Menschen verdienen aber nicht mehr Geld. Sie versuchen, trotz der Bomben in die Arbeit zu gehen. Ich habe meinen Vater und meine Mutter in einer sehr gefährlichen Gegend von Aleppo zurückgelassen.“ Nur über das Internet könne sie Kontakt halten.

    „Ich spüre unter den jungen Menschen unterschwellig sehr viel Traurigkeit“, stellt Peter Balleis SJ fest. „Die gut Ausgebildeten machen zwar bessere Fortschritte in der Integration, haben aber auch viel mehr verloren als andere Flüchtlingsgruppen aus ärmeren Schichten“, meint er. „Für Menschen, die bereits eine Lebensperspektive hatten, ist ein solcher Bruch viel schwerer zu verkraften.“

    Doch Chrystelle und Hazem sind voller Tatendrang. Eifrig saugen sie deutsche Wörter auf, fragen nach, erkundigen sich nach Möglichkeiten. Unter den jungen Menschen herrscht auch Heiterkeit. Sie beweisen Galgenhumor und lachen viel. „In Aleppo haben wir viel Krisen-Erfahrung gesammelt. Jetzt erleben wir etwas, was vorher andere erleben mussten“, sagt Chrystelle. „Trotzdem wollen wir versuchen, Menschen dazu ermutigen, wieder andere Menschen zu ermutigen.“ Und Hazem ergänzt: „Ich denke, wir müssen zuerst bei uns beginnen: Die Sprache lernen, Arbeit finden.“ Dann könnten sie mit ihrer Erfahrung anderen Menschen beistehen. „Wir haben nur uns selbst, um gegen Krieg und Gewalt vorzugehen“, sagt er. „Deshalb müssen wir unser Gesicht zeigen können.“