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    Plakate sorgen für Entsetzen

    Viele Zeichen stehen auf Veränderung in Malaysia. Hinter den Fassaden der modernen Wolkenkratzer und der prächtigen Moscheen des vorwiegend muslimisch geprägten Landes schwelen seit Jahrzehnten politische und soziale Konflikte. Regierungskritiker wurden durch repressive Gesetze und Drohungen in Schach gehalten. Doch in den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu Demonstrationen und öffentlichen Protesten, die teilweise gewaltsam endeten. Das Land ist gespalten. Die Regierung will an ihrer Macht festhalten, die Opposition und breite Teile der Zivilgesellschaft wollen den Wandel.

    Malaysias Oppositionsführer Anwar Ibrahim (mitte) beim Gebet mit Anhängern. Foto: dpa

    Viele Zeichen stehen auf Veränderung in Malaysia. Hinter den Fassaden der modernen Wolkenkratzer und der prächtigen Moscheen des vorwiegend muslimisch geprägten Landes schwelen seit Jahrzehnten politische und soziale Konflikte. Regierungskritiker wurden durch repressive Gesetze und Drohungen in Schach gehalten. Doch in den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu Demonstrationen und öffentlichen Protesten, die teilweise gewaltsam endeten. Das Land ist gespalten. Die Regierung will an ihrer Macht festhalten, die Opposition und breite Teile der Zivilgesellschaft wollen den Wandel.

    Die Regierungskoalition Barisan Nasional wird überwiegend von den malayischen Stammwählern unterstützt. Sie regiert das Land seit der Unabhängigkeit von der britischen Krone im Jahr 1957. Bei den letzten Parlamentswahlen 2008 musste die BN zwar Sitze an die Opposition „Pakatan Rakyat“ (Volksallainz) abgeben, konnte aber trotzdem die Regierung stellen. Da sich die Vorwürfe gegen Korruption in den Regierungsreihen häufen, kann Ministerpräsident Najib Razak nur mit Mühe die Stammwähler für sich mobilisieren. Die Opposition um den ehemaligen Vize-Ministerpräsidenten Anwar Ibrahim verspricht dagegen Reformen und findet breite Unterstützung. „Pakatan Rakyat“ spricht vor allem die chinesisch- und indienstämmigen Wähler in den Städten an. Ihre Beliebtheit ist spürbar gestiegen, weil sie sich klar gegen die grassierende Korruption im Lande ausspricht. Politisch sind Najib und Anwar nicht weit auseinander. Die Wirtschaft wächst gut mit 5,6 Prozent 2012. Defizit reduzieren, Investitionen anziehen, Korruption bekämpfen, Kriminalität reduzieren – sie versprechen beide das gängige Programm.

    Die Regierungskoalition Barisan Nasional (BN) bekam 2008 nur 50 Prozent der Stimmen und verlor erstmals seit 1957 ihre Zweidrittelmehrheit im Parlament. Anwars Oppositionsbündnis Pakatan Rakyat schaffte 47 Prozent, kam aber nur auf 36 Prozent der Sitze. Mit der Volksgerechtigkeitspartei (PKR) und der islamischen Parti Islam Se-Malaysia (PAS) gehören dem Oppositionsbündnis zwei Parteien an, die im malaiisch-muslimischen Milieu verwurzelt sind. Das gleiche gilt für die dominierende Kraft in der Regierungskoalition, die United Malays National Organisation (Umno).

    Im Kampf um Wählerstimmen bei den muslimischen Malaien kämpft die Regierungskoalition mit offen antichristlichen Parolen um den Machterhalt. Radikale malaiisch-islamisch-nationalistische Organisationen rufen zu Bibelverbrennungen auf und beschuldigen gemeinsam mit regierungsnahen Medien die malaysischen Christen, einen Staatsstreich zum Sturz des Islam zu planen. Zur Erreichung dieses Ziels hätten Christen eine massive Missionierungskampagne gestartet. 250 000 muslimische Malaysier seien seit 2008 zum Christentum übergetreten, wird der Mufti des malaysischen Bundesstaates Perak, Tan Sri Harussani Zakaria, zitiert.

    Zudem gibt es um den Gebrauch des Wortes „Allah“ durch Christen seit Jahren einen politischen und juristischen Streit. Das Innenministerium hatte der Kirche die Verwendung von „Allah“ als Bezeichnung für Gott in landessprachlichen Publikationen verboten und außerdem Tausende aus Indonesien importierter Bibeln beschlagnahmt. Ende 2008 hatte ein Gericht in Kuala Lumpur der katholischen Kirche erlaubt, in ihren Publikationen Gott mit Allah zu übersetzen. Malaysias Regierung legte dagegen Berufung ein. Der (sunnitische) Islam genießt als sogenannte „offizielle Religion des Staatswesens“ besonderen Schutz, gleichzeitig garantiert die Verfassung Religionsfreiheit. 60 Prozent der 28 Millionen Malaysier sind muslimische Malaien, 40 Prozent sind chinesischer und indischer Abstammung. Etwa zehn Prozent der Malaysier sind Christen.

    Entsetzen bei Christen hatte ein Wahlplakat der Regierungspartei Barisan Nasional hervorgerufen, auf dem Kirchen als „Verdränger Allahs“ bezeichnet werden. Das Plakat zeigt zwei Kirchen und dazu den Text: „Wollen Sie, dass unsere Kinder und Enkel in einem solchen Allah-Haus beten? Wenn wir es zulassen, dass das Wort Allah in Kirchen benutzt wird, ist das der Ausverkauf unserer Religion, Rasse und Nation. Wählt zum Schutz von Religion, Rasse und Nation Barisan Nasional“, berichtet die katholische Nachrichtenagentur (KNA).

    Die „Christliche Vereinigung von Malaysia“ verurteilte in einer Stellungnahme diese Wahlwerbung als „verachtenswert und abscheulich“. Der Vorsitzende des Dachverbandes, Eu Hong Seng, warnte, das Wahlplakat könne angesichts der Brandanschläge in jüngerer Vergangenheit auf Kirchen und die Drohung von Bibelverbrennungen im Zusammenhang mit dem Allah-Streit „eine Gefahr für Christen und Kirchen darstellen“. Die Oppositionskoalition Pakatan Rakyat steht im Allah-Streit auf Seite der Christen. Auch wenn es am Sonntag erstmals seit der Unabhängigkeit Malaysias im Jahr 1957 zu einem Regierungswechsel kommen sollte, eine liberalere Einstellung gegenüber den Christen ist nicht zu erwarten.