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    „Nur ökologischer Landbau löst das Hungerproblem“

    Berlin (DT) Um nichts Geringeres als um eine „Antwort auf die Welternährungsfrage“ ging es am vergangenen Donnerstag im Haus der Bundespressekonferenz am Schiffbauerdamm im Berliner Bezirk Mitte. Der Pattloch Verlag hatte zu einer Pressekonferenz geladen, bei der sich zwei Kontrahenten in dieser „Schicksalsfrage der Menschheit“ – wie es der Lektor Michael Schönberger in seiner Einleitung auf den Punkt brachte – nicht gerade unversöhnlich, aber doch dezidiert ihre je eigene Position vertretend, gegenüberstanden. Dr. Felix Prinz zu Löwenstein stellte sein am 12. September erscheinendes Buch „Food Crash – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“ vor. Dirk Niebel, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sorgte als Gesprächspartner aus der Politik für eine spannende Auseinandersetzung über die These: „Nur eine Umstellung auf ökologische Landwirtschaft wird uns in die Lage versetzen, den Hunger auf der Erde in den Griff zu bekommen“.

    Felix Prinz zu Löwenstein engagiert sich für nachhaltigen Landbau. Foto: Krips-Schmidt

    Berlin (DT) Um nichts Geringeres als um eine „Antwort auf die Welternährungsfrage“ ging es am vergangenen Donnerstag im Haus der Bundespressekonferenz am Schiffbauerdamm im Berliner Bezirk Mitte. Der Pattloch Verlag hatte zu einer Pressekonferenz geladen, bei der sich zwei Kontrahenten in dieser „Schicksalsfrage der Menschheit“ – wie es der Lektor Michael Schönberger in seiner Einleitung auf den Punkt brachte – nicht gerade unversöhnlich, aber doch dezidiert ihre je eigene Position vertretend, gegenüberstanden. Dr. Felix Prinz zu Löwenstein stellte sein am 12. September erscheinendes Buch „Food Crash – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“ vor. Dirk Niebel, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sorgte als Gesprächspartner aus der Politik für eine spannende Auseinandersetzung über die These: „Nur eine Umstellung auf ökologische Landwirtschaft wird uns in die Lage versetzen, den Hunger auf der Erde in den Griff zu bekommen“.

    Eine Utopie sei das, so Niebel in seiner kritischen Stellungnahme zu Löwensteins Aussagen. Der biologische Landbau sei zu teuer und ineffizient, vorrangig sei vielmehr die bisher vernachlässigte Entwicklung ländlicher Räume sowie die Bekämpfung von Armut durch Schaffung von Einkommen. Nicht ein Entweder/Oder sei daher zielführend, sondern ein Sowohl als Auch. Weshalb er das präsentierte Werk auch ausdrücklich als einen „wichtigen Beitrag“ würdigte – nur eben verstanden innerhalb eines gesamten Maßnahmenpaketes, in dem es vordringlich um agro-industrielle Landwirtschaft gehen müsse. Die liefere nämlich – so der Minister – höhere Erträge, technisches Knowhow und sei an Absatzmärkte gebunden. Und so galt sein Plädoyer einer Kombination beider Methoden – der konventionellen und der ökologischen.

    Ein Konzept, dem der Autor, promovierter Landwirt und Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) sowie engagiert tätig für verschiedene Gesellschaften, die sich für eine nachhaltige Landwirtschaft einsetzen, widersprach. Ökologischer Landbau bedeute nicht, ohne Dünger zu wirtschaften, es gehe vielmehr um ein modernes System, bei dem „inputarm“ Lebensmittel produziert werden – das heißt, durch eine möglichst geringe Zufuhr von außen (zum Beispiel von Düngemitteln) und durch einen möglichst geringen Verbrauch an Ressourcen. Die Gesellschaft komme demnach nicht um ein Agrarwesen herum, das sehr viel mehr als zuvor auf Kreisläufe setzt. Löwenstein zufolge ist all dies auf ökologische Art und Weise möglich, sogar höhere Erträge als bisher seien dabei denkbar.

    Die Probleme der angespannten Welternährungslage ließen sich auf drei Bereiche zuspitzen. Momentan lebten auf der Erde etwa sieben Milliarden Menschen, im Jahre 2050 würden es um die neun Milliarden sein. Wie sollten die alle ernährt werden, wenn bereits heute immer wieder Hungerkatastrophen gigantischen Ausmaßes auftreten? Immer mehr Volkswirtschaften, die zu Wohlstand kommen, strebten den westlichen Lebens- und damit auch Ernährungsstil an. Schon jetzt betrage der Fleischkonsum der Chinesen achtzig Prozent dessen, was die Bundesbürger verzehrten. Doch das bedeute einen steigenden Bedarf an landwirtschaftlicher Produktionsfläche, zudem erhöhe sich der Wasser- und Energieeinsatz pro Kopf. Verschärft werde die Situation dadurch, dass landwirtschaftliche Erzeugnisse zunehmend für industrielle und energetische Zwecke genutzt würden. Diesen Konflikt um „Tank oder Teller“ kreativ durch den Einsatz von Pflanzen zu entspannen, die sowohl als Lebensmittel als auch zur Energiegewinnung nutzbar gemacht werden können, sei ein wichtiger Lösungsansatz – innerhalb eines komplizierten Systems, in dem es viele Problemfelder gebe, die individuell vom Verbraucher, aber auch auf globaler Ebene vor allem politisch angegangen werden müssten. Das sei freilich keine leichte Aufgabe.

    Befragt nach der Durchsetzungsfähigkeit seines Projekts einer ökologischen Lebensweise räumte der Autor denn auch ein: Dies sei eine spannende und die entscheidende Frage. Der Schlüssel dazu liege in einer Kosteninternalisierung, was heiße: Was an Kosten in die Produktion hineingesteckt werde, müsse an die Preise weitergeleitet werden, was dann eine lenkende Wirkung entfalte. Auf das Beispiel Fleisch angewandt bedeute es, dass dieses Lebensmittel teurer werden müsse, damit der Preis die tatsächlichen Kosten in einem nachhaltig-ökologischen Sinne widerspiegele.

    Zu einem höchst umstrittenen Thema, das gerade erst wieder durch das „Honig-Urteil“ des Europäischen Gerichtshofs in die Schlagzeilen geraten ist, getraute sich dagegen Minister Niebel nicht viel zu sagen: zur Grünen Gentechnik. Nur so viel, dass er sie zumindest nicht ausschließen wolle. Löwensteins Kommentar: „Die Heilshoffnungen auf die Grüne Gentechnik kann man abhaken.“ Und seine Vision von der Zukunft? Wie werden wir uns in ein paar Jahrzehnten ernähren? Wenn es uns nicht gelinge, eine vernünftige Politik, eine „Good Governance“, in Gang zu setzen, würde sich der Westen schnell in einem Prozess der „Brasilianisierung“ wiederfinden – einem zunehmenden sozialen Wandel in Richtung zu mehr sozialer Ungleichheit hin.

    Felix zu Löwenstein: Food Crash: Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr. Pattloch Verlag, München 2011, 320 Seiten, EUR 19,99