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    Nordkoreas Einkäufer im Westen

    Wien (DT) Den Mord plante Kim Jong Ryul jahrelang voraus. Anfangs hatte er mit dem Gedanken gespielt, einfach so zu verschwinden. Er wusste, dass er mit äußerster Vorsicht vorgehen musste. Immerhin ist sein Feind eine paranoide Diktatur: Nordkorea. Deswegen hatte er die Idee rasch verworfen, zu kompliziert. Er wählte einen anderen Weg. Tat so, als sei er von slowakischen Gangstern ermordet worden.

    „Rotzbengel“ – so nennt der frühere Chefeinkäufer des Regimes den neuen Machthaber in Nordkorea, Kim Jong Un (Bildmitte)... Foto: dpa

    Wien (DT) Den Mord plante Kim Jong Ryul jahrelang voraus. Anfangs hatte er mit dem Gedanken gespielt, einfach so zu verschwinden. Er wusste, dass er mit äußerster Vorsicht vorgehen musste. Immerhin ist sein Feind eine paranoide Diktatur: Nordkorea. Deswegen hatte er die Idee rasch verworfen, zu kompliziert. Er wählte einen anderen Weg. Tat so, als sei er von slowakischen Gangstern ermordet worden.

    „Wenn der Tiger stirbt, hinterlässt er sein Fell. Wenn ein Mensch stirbt, möge er seinen Namen hinterlassen.“ Mit diesem konfuzianischen Sprichwort antwortet Kim Jong Ryul auf die Frage, warum er sich nun aus seinem Versteck wagt. Dabei wurde er vor 17 Jahren für tot erklärt. Er hatte seine eigene Ermordung inszeniert und verschwand im Untergrund, war plötzlich weg. Jetzt ist er wieder da, das Regime weiß zumindest grob, wo Kim Jong Ryul steckt: Der Totgesagte lebt in Österreich, ist nun ein „Vaterlandsverräter“. Und er will erzählen. Seine Meinungen äußern, sich „rächen“, wie der 77-Jährige sagt. Er sitzt in einem Wiener Kaffeehaus, gekleidet in einen viel zu großen Anzug, und hat eine Papiertüte dabei. In ihr bewahrt er alle seine Unterlagen auf, seinen nordkoreanischen Pass, die Studentenausweise aus der DDR und Bilder aus der Vergangenheit.

    „Rächen“ will er sich an dem System, dem er Jahrzehnte diente. Dem Land, in dem alle Angst haben – die Menschen vor dem Gulag, der Staat vor seiner Bevölkerung. Der kürzlich verstorbene Diktator Kim Jong Il präsentierte sich als Halbgott und ließ das Volk zugleich verhungern, der Welt drohte er mit Atomwaffen. Wie das Leben der Menschen dort aussieht, davon haben wir kaum eine Vorstellung. Informationen über den Kim-Clan und die Machtprozesse stützen sich vor allem auf Berichte von Flüchtlingen und Überläufern wie Kim Jong Ryul.

    Der „kritische Mitläufer“ will bei Mercedes gekauft haben

    Der gebürtige Bauernsohn wird wegen seiner guten Noten vom Regime in die DDR geschickt, um Maschinenbau zu studieren, und lernt eifrig. Er dient sich hoch, wird Parteimitglied, Offizier und Ingenieur im sogenannten Hauptquartier, der für Sicherheit und Komfort der Diktatorenfamilie zuständigen Behörde. Er hat nach eigenen Angaben an Atombunkern mitgebaut, Abhöranlagen beschafft, Waffen und Luxusgüter für den Staatsgründer Kim Il Sung und dessen Sohn, Kim Jong Il, im westlichen Ausland, vor allem in Österreich, eingekauft. Da die Nordkoreaner einen 30-Prozent-Aufschlag auf die marktüblichen Preise bezahlten, und mit Bargeld, fanden sich leicht Geschäftspartner.

    So habe er über mehrere Jahre mit Mercedes-Benz in Stuttgart zusammengearbeitet, in einem Werk nahe Sindelfingen seien Nordkoreaner geschult worden. Daimler bestätigt diese Aussage nicht, räumt aber ein: „Nordkorea hat in den siebziger Jahren einige Fahrzeuge von uns bestellt. Diese wurden für Exporte geliefert.“

    Was hat ihn so lange an dem System teilhaben lassen, das keine Menschenrechte kennt? „Ich war ein kritischer Mitläufer“, räumt Jong Ryul ein. „Wenn ich auch ,Hurra' schreien musste, habe ich nicht mit ganzem Herzen ,Hurra' geschrien. Weil ich ganz genau wusste, dass sie etwas falsch machen.“

    Die Parteiführung setzte Vertrauen in ihren linientreuen Spitzen-Einkäufer, der mit immer mehr Kompetenzen für immer größere Einkaufstouren in Westeuropa ausgestattet wurde. Weil er anders als die meisten Nordkoreaner die Freiheit sah, habe er seine Zweifel an dem Regime irgendwann nicht mehr unterdrücken können. Bei einem Flug nach Bratislava 1994 ergreift Kim Jong Ryul die Gelegenheit zur Flucht, der nordkoreanische Geheimdienst kann ihn nicht finden. Ein Jahr später wird er für tot erklärt und seitdem als Held verehrt. Mit seiner Familie hat er seitdem nie wieder gesprochen, sie wissen nicht, was mit ihrem Ehemann und Vater geschehen ist.

    In seinem neuen Leben muss Jong Ryul lernen, wie man in einer kapitalistischen Gesellschaft über die Runden kommt, und gibt sich als Japaner aus. Weil er Angst vor dem nordkoreanischen Geheimdienst hat, bleibt er fünfzehn Jahre illegal in Europa. Der Totgesagte musste jede Einladung seiner Nachbarn ausschlagen, achtete penibel auf gesunde Ernährung und absolvierte ein tägliches Fitnessprogramm, um ja nicht krank zu werden. „In der Freiheit kann man alles ertragen“, sagt er mit einem Wiener Dialekt. Erst 2010 hat er in Österreich Asyl erhalten.

    Alles klappt nach Plan – bis auf eines: Eineinhalb Jahrzehnte später regiert in Nordkorea immer noch ein „Großer Führer“. An seinem 70. Geburtstag habe er sich an das konfuzianische Sprichwort mit dem Tiger erinnert und beschlossen, wieder aufzutauchen und zu reden, sagt Jong Ryul. Die Hoffnung, dass das Regime in Nordkorea in absehbarer Zukunft zusammenbreche, hat er mittlerweile aufgegeben. Aber das Land ist zumindest nun in einer Übergangsphase, nach dem Tot Kim Jong Ils übernahm sein Sohn Kim Jong Un den Diktatorenjob.

    Wenig ist über Kim Jong Un bekannt. Der dritte und jüngste Sohn Kim Jong Ils ist Ende zwanzig, soll eine Schule in der Schweiz besucht haben, sich für Basketball begeistern. Aber vor allem gilt er als politisch unerfahren. „Ein Rotzbengel ist das“, sagt Kim Jong Ryul verärgert über Kim Jong Un, den er als Kind kennengelernt habe.

    Wie könnte ein Nordkorea nun nach Kim Jong Il aussehen? Nichts werde sich ändern, glaubt Kim Jong Ryul. Wegen der lückenlosen Überwachung und Unterdrückung der Bevölkerung könnte keine Widerstandsbewegung entstehen. Um kritische Gedanken in der Bevölkerung erst gar nicht aufkommen zu lassen, habe das Regime das ganze Land in ein geistiges Gefängnis umgebaut, sagt Jong Ryul und nennt ein Beispiel: Wer etwas kopieren will, muss seinen Vorgesetzten um Papier bitten und erklären, wie viel Blatt er für welche Zwecke benötigt. Auf diese Weise wird verhindert, dass irgendwer Flugblätter produziert.

    „Das ist eine Familiendiktatur, da ändert sich nichts“

    Auch an innere Machtkämpfe zwischen dem Familienclan und dem Militär glaubt er nicht. Nordkorea sei keine Partei- oder Militärdiktatur, sondern eine Familiendiktatur. „Und in der Spitze der Armee sitzen die Halunken, die nichts von außen eindringen lassen wollen“, schimpft Kim Jong Ryul. Diese Machtelite habe den Wunsch, das System so zu erhalten, wie es ist. „Den Parteibonzen und den Generälen wird doch das Maul mit luxuriösen Geschenken gestopft. Warum sollten die auf ihre Privilegien verzichten?“, sagt er mit einer Stimme, die nach Erschöpfung klingt. Er selbst habe eine goldene Rolex bekommen, in die Kim Il Sungs Konterfrei eingraviert sei. „Das Regime ist sehr stabil, auch wenn die Bevölkerung Staub fressen muss“, sagt der einstige Mittäter und jetzige Ankläger.