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    Noch nicht in EM-Form

    Warschau (DT) Pessimismus gehört in Polen zum guten Ton: Man leidet, man hat Probleme, man sieht schwarz – das ändert sich auch nicht, wenn es einem persönlich ausgesprochen gut geht. Dann sucht man nach gesellschaftlichen Themen, die schief laufen, über die man beherzt klagen und den Kopf schütteln kann.

    Rot-Weiß: Das neue Warschauer Nationalstadion sieht gut aus, ist aber noch lange nicht fertig. Das Einweihungsspiel Deut... Foto: Meetschen

    Warschau (DT) Pessimismus gehört in Polen zum guten Ton: Man leidet, man hat Probleme, man sieht schwarz – das ändert sich auch nicht, wenn es einem persönlich ausgesprochen gut geht. Dann sucht man nach gesellschaftlichen Themen, die schief laufen, über die man beherzt klagen und den Kopf schütteln kann.

    Ein solches Thema ist zum Beispiel die Fußball-Europameisterschaft, die in genau einem Jahr in Polen und der Ukraine stattfinden wird – oder sollte man besser sagen: voraussichtlich stattfinden wird? Seit Wochen vergeht kaum ein Tag mit neuen Hiobs-Botschaften über den Stand der Vorbereitungen, Probleme beim Stadionbau, bei der Infrastruktur, beim Thema Sicherheit und Fan-Kultur. So wurde vergangene Woche bekannt, dass das für diesen Monat geplante Freundschaftsspiel zwischen Polen und Frankreich zur Einweihung der Danziger EM-Arena nicht wie geplant stattfinden kann. Denn: das neu gebaute Stadion sei zwar prinzipiell fertig, so die Danziger Verantwortlichen, allerdings müsse beim Parkplatz und der Umgebung noch einiges gemacht werden. Polen versus Frankreich, wenn überhaupt, dann nur in einem kleinen Ausweichstadion in Warschau. Zumal das neue Warschauer Nationalstadion mit dem auffallenden weiß-roten Design auch noch nicht ganz fertig ist.

    Vor einem Monat verunglückte dort ein Bauarbeiter bei der aufwendigen Dachkonstruktion tödlich, jetzt stoßen plötzlich die bereits fertig angelegten Stadiontreppen wegen ihrer Belastbarkeitsgrenze auf Zweifel bei den Ingenieuren. Also: Alle Treppen noch mal neu bauen, was nicht nur gut zwölf Millionen Euro extra kosten wird, sondern mit Sicherheit das für September geplante Einweihungsspiel dieses Stadions zwischen der polnischen und deutschen Nationalmannschaft unmöglich macht. Jedenfalls in Warschau, denn – und hier kommt der polnische Sinn fürs Kombinieren (kombinowac) und Improvisieren (improvisowac) ins Spiel – Danzig ist nach dem Frankreich-Flop sehr interessiert daran, das Deutschland-Polen-Spiel zur eigenen Stadioneinweihung zu übernehmen.

    Die Kunst des Kombinierens und Improvisierens ist auch bei der Infrastruktur gefragt: Die polnische Bahngesellschaft PKP hat jetzt bekannt gegeben, dass der geplante Streckenausbau samt Modernisierung zwischen den polnischen Spielstandorten (Warschau, Danzig, Breslau, Posen) nur zu 25 Prozent erreicht wird, was für Fußball-Fans, die auf dieses Transportmittel setzen, wohl das große Bummeln bedeutet, denn auch wenn die Bahngesellschaft fast zeitgleich den Kauf von italienischen Schnellzügen verkündete – auf den alten Gleisen werden diese nicht verkehren.

    Das große Bummeln erwartet wahrscheinlich auch die Fans, die – polnisches Autodiebe-Image hin oder her – mit dem Auto oder Bus zu den Spielen reisen wollten. Der chinesische Staatskonzern Covec hat die Arbeit an dem 20 Kilometer langen Abschnitt der Autobahn A2 zwischen Strykow und Konotopa östlich von Lodz in dieser Woche offiziell eingestellt, nachdem man – wie das Unternehmen berichtet – ständig mit neuen Problemen konfrontiert worden sei, insbesondere mit der fehlenden Zuverlässigkeit der polnischen Subunternehmen. Was glaubhaft klingt, insofern aber auch nicht verwunderlich ist, als dass Covec aufgrund seiner Dumpinglöhne von Anbeginn auf wenig Gegenliebe in der polnische Baubranche stieß. Der von der deutschen Firma Strabag betreute Streckenabschnitt direkt hinter dem Grenzübergang Frankfurt/Oder-Slubice hingegen macht langsam Fortschritte, weshalb der polnische Regierungschef Donald Tusk wohl als einer der wenigen im Land noch optimistisch ist, dass das Autobahn-Bauprojekt rechtzeitig vor Beginn der EM fertig wird. Bei 21 Milliarden Euro Investitionsausgaben insgesamt, von denen allerdings 8 Millionen aus EU-Töpfen stammen, wird dafür sicher nicht nur Tusks Fußballleidenschaft ein Grund sein.

    Ob bis Juni 2012 jedoch ein funktionierendes Sicherheitssystem für die polnischen Hooligans entwickelt worden ist? Seit Jahren sorgen diese in den Stadien für Verwüstung. So sehr, dass jetzt zwei Vereinsmannschaften der Ektraklasa Spiele vor leeren Rängen bestreiten mussten. Lebenslange Stadionverbote sind vonseiten der Regierung im Gespräch. Mag der Chef-Organisator des polnischen Fußballverbandes für den EURO 2012, Adam Olkowicz, die Gewalt auch als reines Liga-Problem abtun, die Mehrheit der polnischen Fußballfans ist ultra-rechts, sodass insbesondere internationale Spieler und Fans mit anderer Hautfarbe bei der EM Opfer von Übergriffen werden könnten. Dass die polnischen Fanclubs bisher selbst den Sicherheitsdienst im Stadion leisten, beruhigt da kaum, sondern verwundert.

    Düstere Ahnungen, gemischt mit Galgenhumor, breiten sich in Polen allerdings vollkommen aus, wenn in den Medien Berichte aus dem Partnerland Ukraine gezeigt werden, das auch noch nicht in EM-Form ist: Das neue Olympische Stadion in Kiew hat extremen Baurückstand, vom Stadion in Lemberg (Lwiw) steht bisher nur der Rohbau. Baubedarf existiert auch bei den Straßen des Nachbarlandes. Milliarden Euro hat die Ukraine für 3 000 Kilometer Autobahnen und Schnellstraßen ausgegeben, doch was man sehen kann, ist extrem löchrig oder existiert noch nicht. So wie auch die internationalen Sprachkenntnisse bei der Bevölkerung in der Ukraine, anders als in Polen, äußerst löchrig sind oder noch nicht existieren. An der Grenze sind aufgrund langwieriger Pass- und Zollkontrollen Wartezeiten von 15 Minuten pro Person nichts Ungewöhnliches.

    So wird man sich wohl 2012 in Polen und in der Ukraine auf ein Sommermärchen der ganz besonderen Art einstellen müssen, das die Komfort-verwöhnten Fußball-Fans aus Westeuropa so schnell nicht vergessen werden. Für das polnische National-Team, das neulich gegen den Fußball-Zwerg Litauen verlor, dann aber eine Ersatzauswahl von Argentinien schlug, sind die Voraussetzungen allerdings ideal: 67 Prozent aller Polen sind davon überzeugt, dass ihre Mannschaft sich im kommenden Jahr bis auf die Socken blamieren wird. Man kann dies als polnischen Fatalismus bezeichnen, vielleicht aber auch – mit Blick auf das deutsche Team 2006 – als Klinsmann-Effekt.