• aktualisiert:

    „Lernt von den Lernenden“

    Kirche muss Kirche in der Welt sein und ist eine Kirche, die sich für die Gesellschaft engagiert. Wir müssen schauen, wo gibt es Nöte in der Gesellschaft, wo wir unterstützen und helfend eingreifen können“, sagt Generalvikar Manfred Kollig. Pater Kollig von den Arnsteiner Patres (SSCC) ist seit Februar dieses Jahres neuer Generalvikar im Berliner Erzbistum. Ihm ist es wichtig zu betonen: „Hier gibt es eine ganz bestimmte Not: Geflüchteten zu helfen, dass sie nicht nur Wohltaten erfahren, sondern dass sie erleben, sie haben Würde.“ Deshalb unterstützt die katholische Kirche auch Menschen „die in der Flüchtlingsarbeit tätig waren bei der Professionalisierung ihrer Arbeit durch die Möglichkeit eines Studiums“.

    Kirche muss Kirche in der Welt sein und ist eine Kirche, die sich für die Gesellschaft engagiert. Wir müssen schauen, wo gibt es Nöte in der Gesellschaft, wo wir unterstützen und helfend eingreifen können“, sagt Generalvikar Manfred Kollig. Pater Kollig von den Arnsteiner Patres (SSCC) ist seit Februar dieses Jahres neuer Generalvikar im Berliner Erzbistum. Ihm ist es wichtig zu betonen: „Hier gibt es eine ganz bestimmte Not: Geflüchteten zu helfen, dass sie nicht nur Wohltaten erfahren, sondern dass sie erleben, sie haben Würde.“ Deshalb unterstützt die katholische Kirche auch Menschen „die in der Flüchtlingsarbeit tätig waren bei der Professionalisierung ihrer Arbeit durch die Möglichkeit eines Studiums“.

    Zum Sommersemester verdoppelte die Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) den Bachelorstudiengang „Soziale Arbeit“ als berufsbegleitende neue Studienmöglichkeit für Flüchtlinge und ihre Helfer. Derzeit studieren an der einzigen katholischen Fachhochschule in den neuen Bundesländern rund 1 500 Studenten in zwölf Bachelor- und Masterstudiengängen. Seit über zwei Jahrzehnten können in der staatlich anerkannten Fachhochschule in Trägerschaft des Erzbistums Berlin neben Sozialer Arbeit auch Heil-, Kindheits- und Religionspädagogik sowie soziale Gerontologie und Kunsttherapie studiert werden.

    Der interreligiöse Diskurs soll eine Chance haben

    Professor Ralf-Bruno Zimmermann ist Präsident der KHSB und er betont, dass es nicht um einen neuen Studiengang geht, sondern die Möglichkeit, „diesen um 30 neue Studenten aufstocken zu dürfen, die alle aus dem Bereich der Geflüchteten-Hilfe kommen“ und in der Regel noch keinen akademischen Abschluss haben. Dabei wird es interessante Wechselwirkungen mit den bereits immatrikulierten Studenten geben, ist sich Zimmermann sicher, die im Regelstudiengang lernen und weniger praxiserfahren, weil auch vom Alter viel jünger sind. Er schätzt auch, dass etwa zehn der neuimmatrikulierten Studenten einen unmittelbaren Hintergrund als Flüchtling haben. „Durch die große Heterogenität der Herkunft und Religionszugehörigkeit erwarten wir, dass in diesem Studiengang der interreligiöse Diskurs stattfindet, entlang an der fachlichen Frage der sozialen Arbeit – und das stelle ich mir ausgesprochen spannend vor“, meint Präsident Zimmermann, der gleichzeitig Arzt für Psychiatrie ist. Der Start des Studienganges war nur möglich, weil das Land Berlin 75 Prozent der Personalkosten übernahm, den Rest übernahm das Erzbistum Berlin.

    Ali Taouil (48) gibt für Geflüchtete Integrations- und Sprachkurse. Er ist auch Landessekretär bei der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands e.V. (IGS), der sich auch in der Berliner Bürgerplattform engagiert. Die Bürgerplattform war es, die sich auch beim Berliner Senat für die 30 zusätzlichen Studienplätze stark mit einsetzte. Nun gehört Ali Taouil ebenso zu den neuen Studenten. „Das ist meine Chance, jetzt noch einmal in fortgeschrittenem Alter einen neuen Bildungsweg einzuschlagen“, sagt der Familienvater von vier Kindern. Er ist gebürtiger Libanese und lebt seit fast 25 Jahren in Deutschland, aber aus „bürokratischen Gründen“ durfte er bisher kein Studium aufnehmen. „Demnächst fängt auch meine älteste Tochter mit dem Studium an – nun studieren wir zusammen“, sagt er schmunzelnd. Ihm sei es wichtig, Fachkompetenzen aus wissenschaftlicher Sicht im sozialen Bereich zu erlangen, um bei der Arbeit professioneller und besser zu werden“. Als Muslim hat er keine Probleme, die Ausbildung an einer katholischen Hochschule zu absolvieren: „Im Gegenteil, das ist für mich eine sehr gute Gelegenheit, anders Gläubige kennenzulernen. Wir kennen uns zu wenig. Muslime haben nichts gegen katholische Hochschulen.“

    Maria Gottschalk ist 26 Jahre alt und eine der jüngsten Studentinnen, die nun den achtsemestrigen Bachelorstudiengang „Soziale Arbeit“ an der KHSB beginnen. Sie arbeitet bei der Caritas in einer Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in Bad Saarow. Dort merkte die junge Frau mit den langen Haaren, die bereits ein Studium der Sozialwissenschaft in Gießen hinter sich hat, „dass es hilfreich wäre, hier noch einige Zusatzqualifikationen und Handwerkszeug zu erwerben“. Deshalb unterstützt sie auch ihr Arbeitgeber beim neuen Studiengang. Durch die Arbeit mit Flüchtlingen hat Maria Gottschalk Interesse am religiösen Leben gefunden. Sie sei gerade in einer persönlichen Sondierungsphase und „sucht nach religiöser Orientierung“ – auch da könnte sie an der Katholischen Hochschule in Berlin-Karlshorst ein Stück weiterkommen.

    Unter den Studenten gäbe es auch eine Reihe von Menschen, die es sich finanziell nicht erlauben könnten, ihre Arbeit für ein Studium aufzugeben und ohne Einkommen zu leben, „auch deshalb ist es berufsbegleitend“, sagt Pater Kollig. Er kann sich dabei gut in die Situation der Studierenden hineinversetzen, weil er selbst vor einigen Jahren mit Mitte Vierzig ein berufsbegleitendes Studium der Innenarchitektur aufnahm und mit einem Diplom abschloss. „Das habe ich als sehr positiv erlebt“, sagt der Berliner Generalvikar, „auch wenn es nicht ganz einfach sei, denn oft müsse man an den Wochenende Hausaufgaben machen, Arbeiten schreiben, Bücher lesen und das Gelernte wiederholen“.

    „So ein berufsbegleitendes Studium sei auch gut für die Familie“, betont Christian Thomes von der Berliner Caritas. Er lobt die Arbeit der KHSB und den Austausch von Lehrkräften und Studierenden, die seit vielen Jahren unter dem Motto stünde „Lernt von den Lernenden“. Die unkonventionellen Wege, die Vernetzung bei interkulturellen Kompetenzen und der Beitrag für eine gelungene Integration sind für den Caritasmanager bei diesem neuen Ansatz so wichtig. Die frischen Studiosi „möchte ich am liebsten sofort nach der Ausbildung bei uns einstellen“, sagt Thomes mit Blick auf den Fachkräftemangel bei den Sozialarbeitern.

    Alexander Piskorz (46) ist seit 1991 in der Kinder- und Jugendarbeit tätig. Vor eineinhalb Jahren begann er sich für Geflüchtete in der Begegnungswerkstatt in Hennigsdorf zu engagieren, wo es zum Beispiel Kochabende, ein Töpferprojekt und andere Angebote vor allem für jüngere Menschen gibt. Über den Fachdienst und eine Arbeitskollegin wurde er auf das neue Studienangebot aufmerksam. „An einer katholischen Hochschule zu studieren ist für mich, auch wenn ich nicht in der Kirche bin, kein Problem“, sagt Alexander Piskorz, „auch weil ich schon bei der Flüchtlingsarbeit mit vielen Ehrenamtlichen aus der katholischen Gemeinde zusammenarbeitete“. Außerdem hätte er eine eigene Fluchtgeschichte. „Ich bin sozusagen ein Flüchtling ohne Migrationshintergrund“, denn er komme aus der ehemaligen DDR und hatte vor 1989 „eine sogenannte Republikflucht versucht, die misslang und war dann sechs Monate inhaftiert – dann kam zum Glück die Revolution“. Jetzt hätte er „das Thema wieder auf dem Tisch, nur in einer anderen Perspektive“. Mit Blick auf sein gerade begonnenes Studium sei ihm wichtig „die theoretischen Grundlagen umfassend kennenzulernen und seine bisherige Arbeit zu reflektieren und sich damit weiterzuentwickeln.“

    Als Stadtteilmutter in Berlin-Neukölln tritt auch Oyelekam Oyebukola mit 39 Jahren in die Reihen der neuen Studierenden an der KHSB ein. Die Mutter dreier Kinder stammt ursprünglich aus Nigeria und schloss dort schon ein Studium der Agrartechnologie ab. Seit 2007 ist sie in Deutschland – nur ihr Studienabschluss wurde lange Zeit in Deutschland nicht anerkannt. „Ich selber bin Christin“, sagt sie, auch deshalb freut sie sich auf das Studium an der Katholischen Hochschule und ihre Mitkommilitonen.